Medienanalyse: Wie über das Böse berichten?

Der Vierfachmord in Rupperswil ist für Journalisten eine Herausforderung. Wo die Informationspflicht endet und die Sensationsgier beginnt.

Ein Verbrechen, das die Schweiz schockierte: Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den mutmasslichen Vierfachmörder von Rupperswil. Video: Tamedia mit Material der SDA

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Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte ihrer Grausamkeiten. Doch selbst Fachleute, die professionell mit dem Bösen zu tun haben, hat der Vierfachmord von Rupperswil schockiert. Die Tatsache, dass Thomas N. noch nie zuvor auffällig geworden war, dass er seine Opfer in unmittelbarer Nähe aussuchte, wie er die Tat plante, wie er danach unbekümmert weiterlebte.

Im Interview mit «20 Minuten» gab der forensische Psychiater Thomas Knecht an, noch nie habe er etwas in diesem Schweregrad begutachten müssen, weshalb der Prozess ein Studienobjekt für Fachleute sei. Thomas N. ging so unfassbar kaltblütig und emotionslos vor, dass er das Menschenbild um eine Dimension der Grausamkeit und Destruktivität erweitere, die zuvor undenkbar gewesen sei.

So aussergewöhnlich das Verbrechen von Thomas N. war, so breit wurde darüber berichtet. Wobei es von Anfang an harte Kritik an der Arbeit der Journalisten und überhaupt der medialen Abdeckung gab. Als vor einem Jahr Scharen von Reportern durch Rupperswil zogen und jeden und jede befragten, die sich vor diesem kollektiven Voyeurismus nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, schrien sie auf in den sozialen Medien: Zu viel, zu detailliert, zu reisserisch werde berichtet.

Man warf den Medien «Klickgeilheit» vor, einzelne Journalisten wurden namentlich für ihre fragwürdigen Recherchemethoden an den Pranger gestellt. Wer Thomas N. aufgrund seines Geständnisses bereits als Täter bezeichnete, wurde angeblafft, er missachte die Unschuldsvermutung und damit den Rechtsstaat. Manchmal schien es, als projiziere die geschockte Bevölkerung ihre starken Gefühle kurzerhand auf die Journalisten.

Das Bad-News-Phänomen

Doch so simpel, wie teilweise in den sozialen Medien geurteilt wurde, ist es nicht. Wer zieht die Grenze zwischen Berichtenswertem und den Details, die niemanden etwas angehen? Ist es wirklich bloss Sensationsgier, wenn jemand mehr über diese Tat und den Täter erfahren will - oder ist dieses Interesse nicht legitim, normal sogar?

Es liegt in der Natur des Menschen, sich für solche Verbrechen zu interessieren. Nicht, weil man sich an der Brutalität der Täter aufgeilen, sondern weil man wissen will. Vor allem auch dann, wenn sich bisher unbekannte menschliche Abgründe zeigen. Das hat mit einem bekannten, evolutionspsychologischen Effekt zu tun: Unser Hirn ist darauf programmiert, Gefahren frühzeitig zu erkennen – zudem sind wir eine Spezies, die sich gern an Neuem orientiert. Deshalb erzielen schlechte Nachrichten immer grössere Aufmerksamkeit als Good News.

Es liegt in der Natur des Menschen, vor anderen besser dastehen zu wollen, als er eigentlich ist, weshalb niemand gern zu seinen niederen Instinkten steht. Deshalb geben die Menschen in den sozialen Medien gern den Moralapostel und verurteilen andere für ihre «Sensationsgier». Die Details zur Tat, so das Argument, gingen die Öffentlichkeit nichts an. Aber gleichzeitig gehörten alle Artikel zu Rupperswil jeweils zu den am besten gelesenen.

Es stellt sich hier die Frage, ob das Bedürfnis, möglichst genau wissen zu wollen, wozu manche Menschen fähig sind, tatsächlich nur lüsterne Sensationsgier ist. Ob die Öffentlichkeit nicht auch ein Anrecht darauf hat, um die Abgründe von Menschen wie Thomas N. zu wissen, der mitten unter uns lebte. Es ist dasselbe Interesse, das die Menschen immer schon vorangetrieben und veranlasst hat, die verrücktesten Dinge zu tun. Weil sie wissen wollten, egal zu welchem Preis. Letztlich gibt es keine definitive Antwort auf die Frage, wo die Informationspflicht endet und die Sensationsgier beginnt. Fachleute müssen möglichst genau Bescheid wissen, um mit dem Tätern und den Folgen der Tat umgehen zu können.

Für die Medien bleibt am Schluss nur, verschiedene Interessen abzuwägen: das Interesse der Öffentlichkeit, die Informationspflicht der Medien und der Schutz der Angehörigen, die schon genug leiden mussten. Die Journalisten können nun zeigen, dass sie ihre Aufgabe mit der nötigen Verantwortung wahrnehmen.

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 15:57 Uhr

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