Sie formen Vulva-Zeichen für «etwas Grosses»

Gewalt gegen Frauen treibt die junge Studentin Gianna Ferrari auf die Strasse – Frauenstreik-Ikone Christiane Brunner gefällt, was sie sieht.

Eine geballte Faust mit lackiertem Daumen im Venussymbol steht für den Frauenstreik, den – wie hier am Wochenende in Biel – Kollektive planen. Foto: Enrique Muñoz García

Eine geballte Faust mit lackiertem Daumen im Venussymbol steht für den Frauenstreik, den – wie hier am Wochenende in Biel – Kollektive planen. Foto: Enrique Muñoz García

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8. März, Frauenkampftag, 7 Uhr morgens. Eberhard bläst fies durch die Badener Bahnhofsunterführung. Oder war es Cornelius? Bennet? Die letzten drei Sturmtiefs waren jedenfalls männlich. «Frauenstreik! 14. Juni!» – eine Frauenstimme reisst die Pendler aus ihrer In-sich-Gekehrtheit, klar und laut. «So hören sie es trotz Ohrstöpseln», sagt Gian­na Ferrari, und lacht. Die 24-jährige Studentin hat mit anderen Frauen das Aargauer Streikkollektiv angestossen. Heute, ein paar Wochen später, verteilen Dutzende im ganzen Kanton Flyer.

Ferrari treibt die Gewalt auf die Strasse, die Gewalt gegen Frauen. «Seit ich anfing zu sehen, sehe ich immer mehr», sagt die 24-Jährige. Zu sehen beginnt sie, als sie merkt, dass alle ihre Freundinnen Geschichten von Belästigungen zu erzählen haben, dass ihnen von kurzen Röcken abgeraten wird, dass sie Selbstverteidigungskurse besuchen, sich machtlos fühlen, wenn sie nachts in eine Männergruppe geraten. «Ich verstand plötzlich, dass, was normal ist, überhaupt nicht normal ist.»

«Frauenstreik! 14. Juni!», Ferrari streckt einer jungen Frau den Flyer hin, diese lächelt, dankt, geht weiter, schaut im Gehen auf eine geballte Frauenfaust mit rot lackiertem Daumennagel inmitten eines Venussymbols.

Keine zentrale Steuerung

Die Faust mit dem lackierten Daumennagel im Venussymbol hat sich in den letzten Wochen als Zeichen des zweiten Frauenstreiks in der Geschichte der Schweiz durchgesetzt. Es kam aus der Romandie. Im Januar 2018 riefen dort Feministinnen zu einem erneuten Frauenstreik auf, im Herbst zog der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) mit.

Dann verselbstständigte sich die Dynamik. Überall in der Schweiz bildeten sich Streikkollektive. In Genf, Yverdon, im Wallis, in Basel, Bern, Aargau, Luzern, Zürich, selbst in Uri und Schwyz planen Frauen derzeit den ersten Frauenstreik seit 1991. Damals legten eine halbe Million Frauen in der Schweiz die Arbeit nieder, angeführt von den Gewerkschaften. Auch heute sind die Gewerkschaften dabei. Der VPOD mobilisiert Frauen in weiblich geprägten Berufsgruppen wie Pflege, Kinderbetreuung, Bildung. Der SGB hat ein Streiksekretariat eröffnet.

Doch dieser Streik ist anders. «Im Gegensatz zum ersten Streik wird er nicht von den Gewerkschaften angeführt, sondern von den regionalen Streikkollektiven», sagt Salome Schaerer. Sie hat das Streikkollektiv Zürich-Oberland ins Leben gerufen. Letzten Samstag demonstrierten Frauen in Winterthur, Basel und Zürich: «Wenn Frau will, steht alles still!», wiederholten sie – wie 1991.

Künstlerinnen wie Sophie Hunger rufen auf Social Media zum Mitmachen auf. Die Schülerinnen und Schüler an den Zürcher Kantonsschulen organisierten eine feministische Aktionswoche, forderten eine «Bildung ohne Sexismus». An der Universität Zürich besetzten Frauen und Queerpersonen einen Hörsaal und lauschten den Tipps von Feministinnen erster Stunde: «Lasst alle Frauen den Streik so durchführen, wie sie Lust haben», sagte die langjährige Zürcher Frauenbeauftragte Zita Küng zu den rund 30 Studentinnen.

Am Sonntag ballt sich die Streik­dynamik dann erstmals zentral in Biel. Die Stimmen sind bereits vor dem grossen Saal des Maison du Peuple hörbar: «Streik! Streik! Feministischer Streik!», rufen bis zu 500 Frauen aus der Romandie, dem Tessin und der Deutschschweiz, ballen die Fäuste in der Luft, formen mit ihren Händen ein Vulva-Zeichen, stampfen und klatschen. «Wir wurden nicht gehört! Jetzt müssen wir etwas Grosses machen!», heizt die Rednerin ein, die Menge tobt.

Trump als Streik-Treiber

Die nationale Streikkoordination verabschiedet an diesem Treffen ihren Appell. Die Frauen fordern gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, die Aufwertung der Frauenberufe, faire Sozialversicherungen. «Ohne unsere unbezahlte Arbeit würde die Wirtschaft nicht funktionieren», kritisieren die Streikerinnen. Sie wollen einen längeren Mutterschaftsurlaub, eine Elternzeit, ausreichend Fremdbetreuungsplätze, eine generelle Reduktion der Arbeitszeit – auch damit bezahlte und unbezahlte Arbeit besser aufgeteilt werden kann. Und sie fordern das Ende von Sexismus, Diskriminierung und Gewalt.

Die Dynamik kam nicht aus dem Nichts. Da war US-Präsident Donald Trump, seine frauenverachtenden Äusserungen. Am ersten Zürcher Women’s March nach seiner Wahl gingen mindestens 15000 Frauen und Männer gegen Diskriminierung auf die Strasse, letzten Herbst demonstrierten in Bern 20000 für die Lohngleichheit. Da war #MeToo, ein Social-Media-Hashtag, unter dem Frauen rund um den Globus von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung berichteten. Da ist ein hartnäckiger Lohnunterschied von fast 20 Prozent. Und da ist die aktuelle Studie des Weltwirtschaftsforums: Die Schweiz rangiert in puncto Gleichberechtigung an 20. Stelle hinter Südafrika und Bulgarien.

Szenenwechsel. In Genf scheint die viel zu warme Februarsonne durch das Fenster in den Salon einer Stadtwohnung. Christiane Brunner lehnt sich in ihrem Sessel zurück, nimmt einen Schluck Weisswein, steckt sich eine Zigarette an. Der heute 71-jährigen Ikone des ersten Frauenstreiks gefällt, was sie sieht: «Jüngere haben übernommen», sagt sie, lächelt.

«Hört auf zu reden, wir wollen euch handeln sehen»: Zwei junge Frauen demonstrieren vor dem Bundeshaus Bern. (Bild: Anthony Anex, Keyston) (12. März 2019)

#MeToo habe eine grosse Rolle für das Wiedererstarken der Frauenbewegung gespielt, sagt sie. Und #MeToo unterscheidet den ersten vom zweiten Frauenstreik: «Zu unserer Zeit wäre das nicht denkbar gewesen», sagt die frühere Präsidentin des SGB. «Über solche Dinge sprach man nicht, und wir konnten nicht alle Tabus auf einmal brechen.» Ob Frust über die Belästigungen in der Wut der Frauen schon damals mitkochte? «Ganz sicher», sagt Brunner. «Wir hatten nur keine Worte dafür.»

FDP-Frauen skeptisch, wie früher

Brunner reiste vor dem ersten Streik 1991 ein Jahr lang durch die ganze Schweiz, um Mitkämpferinnen zu finden. Die Gewerkschaftssekretäre forderten die Gewerkschafter auf, ihre Frauen zu den Treffen mitzunehmen, um sie zu erreichen. «Zwischen damals und heute liegen Welten», sagt Brunner. Nicht nur Errungenschaften wie die Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch oder der Mutterschaftsschutz, sondern auch in den Möglichkeiten zur Mobilisierung: Social Media, Handys, Videos. «Wenn wir damals diese Möglichkeiten gehabt hätten!», ruft sie.

Brunners einzige Sorge: «Der heutige Streikaufruf kam ursprünglich aus der ganz linken Ecke. Jetzt müssen die Frauen es schaffen, alle Frauen mitzunehmen», sagt sie. «Es darf kein Links-rechts-Problem daraus werden.

Die FDP-Frauen haben sich bereits entschieden. Für Neutralität. «Wir haben die göttliche Ordnung überwunden, ein Streik scheint uns heute nicht mehr angemessen», sagt Doris Fiala, Präsidentin der FDP-Frauen. Diese überlassen es ihren Mitgliedern, ob sie am Streik teilnehmen wollen oder nicht: «Ich engagiere mich das ganze Jahr intensiv für die Frauen, dieser Streik ist uns zu sehr mit den Gewerkschaften konnotiert», sagt sie.

Warten genügt nicht

Auch der Frauendachverband Alliance F zögerte – zunächst. 1991 äusserte sich der Frauenbund öffentlich gegen den Streik. Heute sagt Co-Präsidentin Maya Graf (Grüne): «Wir unterstützen den Tag ideell. Die Aktionen sollen aber von der Basis kommen, der Streik soll so dezentral und vielfältig wie möglich sein.» Auch Die CVP- und die Kirchenfrauen haben sich dem Streik angeschlossen. «Wir sehen den Frauenstreik als Chance», sagt Kathrin Winzeler vom Schweizerischen Katholischen Frauenbund (SKF). «Frauen können heute alles werden, von geweihten Ämtern bleiben sie aber weiter ausgeschlossen.»

Demonstrantinnen am Frauentag in Pamplona, Spanien. (Bild: Alvaro Barrientos, Keystone) (8. März 2019)

«Wenn man etwas erreichen will, muss man hart auf den Tisch klopfen», sagt Christiane Brunner, deren Nichtwahl dank dem Protest der Frauen zur ersten linken Frau im Bundesrat führte. «Die Bewegung, die damals entstand, war massiv. Die Frauen haben gemerkt dass es nicht genügt, wenn sie auf Gleichberechtigung warten.» Brunner erinnert sich an den Abend vor dem ersten Frauenstreik. Sie hatte in Bern übernachtet, schlecht geschlafen. Als sie am frühen Morgen auf die Strasse trat, sah sie bereits viele Frauen in pinkfarbenen T-Shirts. «Sie kannten mich, wir grüssten uns. Dann kamen mir die Tränen.»

Heute reisst die 24-jährige Gian­na Ferrari am Bahnhof Baden die Augen auf, wenn der Name Christiane Brunner fällt: «Was hält sie von uns?», fragt sie neugierig. Brunners Urteil zählt. Auch 28 Jahre später.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.03.2019, 10:58 Uhr

Schweizer Frauenstreik 1991

Der Frauenstreik von 1991 war die grösste politische Mobilisation in der Schweiz seit dem Generalstreik von 1918. Am 14. Juni 1991 legten rund eine halbe Million Schweizerinnen ihre Arbeit für einen Tag nieder oder organisierten sich in Aktionen wie Protestpausen, Sitzstreiks oder Bummeln. Im Nachgang zum Frauenstreik wurde das Gleichstellungsgesetz geschaffen, der Schwangerschafts­abbruch legalisiert und die Mutterschaftsversicherung eingeführt.

Ein Streik ist eine kollektive Arbeits­niederlegung zur Durchsetzung von Forderungen, die das Arbeitsverhältnis betreffen. Das Streikrecht ist seit 1999 in der Verfassung verankert. Ihm steht eine Friedenspflicht entgegen, wenn ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) abgeschlossen wurde. Diese gilt nicht für Einzel­personen, sondern für die Gewerkschaft, die den GAV abgeschlossen hat. (rar)


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