Wiedergeburt eines Monsters

Tüftler im Aargau machen den Lieblingspanzer von Adolf Hitler wieder fahrtauglich – dank der Schweizer Armee. Was soll das?

Mechaniker Uwe Harnack (links) besichtigt mit Museumsleiter Thomas Hug den Königstiger. Er ist einer von acht noch gut erhaltenen Königstigern weltweit. <nobr>Foto: Andrea Zahler</nobr>

Mechaniker Uwe Harnack (links) besichtigt mit Museumsleiter Thomas Hug den Königstiger. Er ist einer von acht noch gut erhaltenen Königstigern weltweit. Foto: Andrea Zahler

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16. Dezember 1944, Hitler mobilisiert im Westen die letzte Reserve. Armeen werden aufgeboten, Geschütze zusammengezogen, V-1-Raketen in Stellung gebracht – und die Königstiger rollen los. Sie sollen durch den Wald der Ardennen bis nach Antwerpen vorstossen. Doch Amerikaner und Briten halten dagegen, bald geht der Wehrmacht der Treibstoff aus. Die Offensive scheitert. Zwei Königstiger werden abgeschossen, drei Stück von den Deutschen zurückgelassen.

Knapp 75 Jahre später im Schweizerischen Militärmuseum, Full-Reuenthal, nördlichster Aargau. Uwe Harnack steht im aufgebockten Turm des Königstigers. Harnack tastet den Innenraum ab und fährt mit dem Finger über die Gewindeplatten, die an die stählerne Wand angeschweisst sind. «Das war fachmännische Handarbeit.»

Der Deutsche kommt jeden Samstag hierher, um den Königstiger flottzumachen. Harnack – schwere Hände, trockener Humor – ist von Beruf Mechaniker. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet er in der Schweiz. Seine Freunde nennen ihn «Panzer-Uwe», in den Ferien besucht er Panzermuseen auf der ganzen Welt. Diesen Samstag will er die Kommandantenkuppel des Tigers mit Rostschutz bestreichen.

Blick auf den Königstiger, dessen Turm bald aufgesetzt werden kann. Foto: Andrea Zahler

Die Arbeiten am Königstiger sind weit fortgeschritten. «Erst mussten wir die verrosteten Teile ausräumen. Jetzt können wir auf der ganzen Welt Originalteile zusammensuchen und einbauen», sagt Harnack. Das Getriebe wird gerade in Deutschland repariert, der Motor in Polen. Nächstes Jahr können die Hauptstücke «Turm» und «Wanne» zusammengesetzt werden. In zwei, drei Jahren wird der Panzer so weit sein. Dann kann er aus der Halle rollen. «Das wird die Krönung», sagt Harnack.

Gut möglich, dass der Königstiger, der nun im Aargau repariert wird, während der Ardennenoffensive liegen geblieben ist. Seine Einheit, die Schwere Panzerabteilung 506, war jedenfalls dort im Einsatz. Die Franzosen schenkten den Panzer nach dem Krieg der Schweizer Armee. Er wies keine Kampfspuren auf. Lediglich das Kanonenrohr war gesprengt worden, vermutlich von der Besatzung selbst, damit der Feind das kostbare Kriegsgerät nicht benutzen konnte. Ausserdem hatte der Panzer einen Kupplungsschaden. Einiges deutet somit auf einen unglücklichen, ja peinlichen Einsatz hin: Abgewürgt vor dem ersten Einsatz.

Vom Verteidigungsdepartement unterstützt

Der Königstiger war eine spät im Krieg entwickelte Waffe. Hitler machte die Produktion zur Chefsache, mischte sich auch in Detailfragen ein. Obwohl nicht einmal 500 Stück produziert wurden, war der Königstiger bald berüchtigt – wegen seiner Panzerung und einer Reichweite, die Abschüsse aus grosser Distanz ermöglichte. In der Nazi-Propaganda wurde der schwere, technisch heikle Königstiger als Wunderwaffe vergöttert. Die Alliierten, beeindruckt von wenigen, aber schmerzhaften Feindkontakten, mehrten den legendären Ruf.

Die Nazi-Propaganda inszenierte den Königstiger als Wunderwaffe. (Youtube/Panzer Picture)

Dass der Ruf bis heute intakt ist, zeigt der Besuch im Aargauer Museum. Der Panzer – einer von acht gut erhaltenen Königstiger weltweit – gilt hier als Prunkstück der Sammlung, seine Erneuerung als wichtiger Beitrag zur Militär- und Technikgeschichte.

2006 hatte die Schweizer Armee den Tiger dem Militärmuseum Full gratis zur Restauration übergeben, als Dauerleihgabe. Das ist typisch: Das Verteidigungsdepartement gibt kein Geld, überlässt privaten Sammlern aber Material. Deshalb hat die Schweiz kein offizielles, jedoch einige inoffizielle Militärmuseen, betrieben von angefressenen Hobby-Tüftlern und -Bastlern.

Frage ans VBS, ob es die Reparatur von NS-Kriegsmaterial für problematisch hält. Man kenne die Sammlung in Full nicht und könne sich nicht äussern dazu, sagt der Sprecher erst. Hat das Militär vergessen, dass es dem Museum einen Königstiger überlassen hat? VBS-Sprecher: Das müsse man abklären. Schliesslich doch noch eine Antwort: «Aus rein militärhistorischer Sicht ist die Restauration eines solchen Panzers unproblematisch. Falls der Königstiger NS-Anhänger anlocken würde, müsste die Dauerleihgabe wohl annulliert werden.»

Museumslogo aufs Auto geklebt

Die Anlage in Full ist auch ein Abglanz vergangener Kalten-Krieg-Glorie. Mechaniker radeln auf alten Militärvelos zwischen den drei Fabrikhallen hin und her, ein Pinzgauer-Transporter fährt herum und verschiebt Material. Ein gutes Dutzend Männer werkeln für das Museum. Neben dem Königstiger gilt es hier noch ganz anderes Gerät zu erneuern und zu warten. Die britische Flugabwehrrakete «Bloodhound» etwa, oder die sowjetische Erdfräse MDK-2M. Alle Handwerker arbeiten zum Spass und ohne Lohn, das Logo des Militärmuseums sieht man auch auf Autos oder Mechaniker-Overalls geklebt. «Es gibt ein Wort dafür», sagt Uwe Harnack: «Begeisterung.»

Ist es nicht unangenehm, als Deutscher ausgerechnet Hitlers Lieblingspanzer wieder flottzumachen? Die Augen von Bernd Kubiak, Leiter des «Team Königstiger», werden kurz schmal. «Das spielt doch keine Rolle!» Kubiak ist promovierter Chemiker und repariert in seiner Freizeit auch Oldtimer. Als er 2012 in die Schweiz kam, wusste er mit den freien Wochenenden erst nichts anzufangen. Dann sei er aufs Militärmuseum aufmerksam geworden.

Vor drei Jahren übernahm er die Leitung des «Teams Königstiger». «Mich reizt allein die technische Herausforderung», sagt Kubiak, der Pläne des Tigers studiert wie andere komplizierte Schachpartien. Bewunderung für die Panzer-Erfinder der 1940er ist Kubiak schon anzuhören. Der Königstiger, das sei damals «Hightech» gewesen, aber auch «Overengineering». Neben Harnack arbeiten noch zwei Schweizer in Kubiaks Team, von denen an diesem Samstag aber keiner da ist.

Der Leiter des «Team Königstiger», Bernd Kubiak. Foto: Andrea Zahler

Die Schweiz wurde ja auch mit Produkten berühmt, mit denen sie natürlicherweise nichts zu tun hat. Mit Gold zum Beispiel, oder mit Schokolade. Dies wegen des Know-how und der Ressourcen – aber auch, weil man hierzulande oft etwas weniger Skrupel hat. Genau deshalb kann Full-Reuenthal zum Mekka des Panzertourismus werden. Man könne in der Schweiz unverkrampft an die Restauration des Königstigers herangehen, sagt Museumsleiter Thomas Hug, Jurist und ehemaliger Oberst der Panzertruppe.

Hug ist ein Mann von gewisser Prominenz. 2008 war er als ausserordentlicher Staatsanwalt in die Streitigkeiten um die Affäre Blocher-Roschacher involviert gewesen. Seine Eignung war damals hinterfragt worden, weil Blocher 2004 dem Militärmuseum 100'000 Franken gespendet hatte. Hug sagt heute dazu: «Ich hatte die Spende von Anfang an deklariert, das zuständige Justizdepartement sah kein Problem. Sie spielte bei meinen Untersuchungen dann auch überhaupt keine Rolle.» Nun widmet sich der pensionierte Jurist der Renovation des Königstigers, vor allem auf der administrativen Seite.

5000 Franken für eine Ausfahrt

«In Deutschland wäre eine solche Renovation unmöglich», sagt Bernd Kubiak. Tatsächlich gibt es dort nebst moralischer Vorbehalte ein Gesetz, das fahrtüchtige und intakte Panzer in nichtstaatlichen Museen verbietet. Die Russen wiederum, sagt Uwe Harnack, hätten das Problem, dass sie die Kriegsbeute einst komplett ausgeweidet hätten. Jetzt könnten sie nur noch leere Hüllen präsentieren. Die Aargauer beschaffen sich derweil aus der ganzen Welt ihre Ersatzteile. «Wir sind bestens vernetzt», sagt Hug. So war zum Beispiel der vordere Kanonenteil an der Weichsel zur Vertäuung von Schiffen benutzt worden. Ein polnischer Panzerfreund machte die Tüftler in der Schweiz darauf aufmerksam. Jetzt liegt die Kanone in der Halle einsetzbereit neben dem Turm.

Museumsleiter Thomas Hug. Foto: Andrea Zahler

Insgesamt dürfte die Restauration des Tigers eine halbe Million Franken kosten. Das meiste Geld hat Hug schon beisammen. Wer 5000 Franken oder mehr spendet, darf später mitrollen auf einer Ausfahrt im Königstiger. Unter den gut hundert Gönnern seien viele ehemalige Mitglieder der Panzertruppe der Schweizer Armee, sagt Hug. «Alle Sponsoren teilen ein militärhistorisches Interesse.»

Das Museum Full-Reuenthal gibt es seit 1989, jährlich wird es von 15'000 Menschen besucht. Bald dürften es deutlich mehr sein. Denn einen fahrbaren Königstiger, das gibts heute nur einmal auf der Welt: Im Musée des Blindés im französischen Saumur. Und dort setzt man den aufwendigen Tiger nur sehr spärlich ein, zuletzt war er 2018 in Bewegung. Ob und wann ein nächster Einsatz stattfindet, ist offen. Videos des französischen Exponats erzielen auf Youtube Millionen Klicks. «Im englischen Bovington reisen jeweils Tausende an, um den Tiger fahren zu sehen», sagt Bernd Kubiak. Dabei handelt es sich notabene nicht um einen Königstiger, sondern um den weniger spektakulären Tiger I. «Sobald unser Königstiger fährt, spielen wir definitiv in der internationalen Topliga der Militärmuseen», sagt Museumsleiter Hug.

Die Originalkanone war gesprengt worden. In Polen fand man Ersatz. Foto: Andrea Zahler

Im Sommer wird in Full eine grosse Panzervorführung stattfinden, «Militariaverkauf» und «Reenactment» inklusive. Der Königstiger könnte dann erstmals ausserhalb der Werkhalle ausgestellt werden. Angst vor unsympathischen Zaungästen hat Thomas Hug nicht. «Wir haben eine klare Linie. Wer Nazi-Symbole trägt, muss unser Areal sofort verlassen.» Er sei ja selbst ein bisschen überrascht, sagt Bernd Kubiak, dass an solchen Veranstaltungen keine Rechtsextremen auftauchten. Im Publikum sehe er jeweils viele Familien, «ganz normale Leute».

In den Monaten nach dem «Panzerweekend 2020» wird dem Königstiger dann quasi das Herz eingesetzt. Ein komplexes Prozedere: Der hochgezüchtete Maybach-Motor gelte als diffizil, sagt Hug. Gelingt die Operation, wäre Hitlers Monster im Aargau wieder zum Leben erweckt. Es sei nicht vorgesehen, mit dem Tiger scharf zu schiessen, fügt Hug an. «Aber das Fahrzeug wäre voll funktionsbereit, ja.»

Erstellt: 15.12.2019, 22:16 Uhr

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