Willkommen in der neuen Schweizer Steueroase für Reiche

Kennen Sie Baar? Falls nicht und Sie reich sind, sollten Sie mal hingehen. Die haben Wollerau von der Spitze des Steuerrankings verdrängt – und eine versteckt glamouröse Geschichte.

Baar wirkt wie eine typische Schweizer Gemeinde, ist aber neuerdings der steuergünstigste Ort des Landes. Foto: Andreas Busslinger (Aura)

Baar wirkt wie eine typische Schweizer Gemeinde, ist aber neuerdings der steuergünstigste Ort des Landes. Foto: Andreas Busslinger (Aura)

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Baar? So mancher prominenter Reicher wird sich und seinen Steuerberater in diesen Tagen fragen, wo denn dieses Baar liege und was es zu bieten habe. Denn kürzlich fand diskret eine Wachablösung im Schweizer Steuerparadies statt. So ergaben neueste Daten der Eidgenössischen Steuerverwaltung für das Jahr 2016, dass Spitzenverdiener nicht mehr im ausserschwyzerischen Wollerau schweizweit am tiefsten besteuert werden, sondern im zugerischen Baar.

Die Ausserschwyzer Orte Wollerau, Freienbach, Feusisberg oder Schindellegi sind natürlich seit Jahren auf dem Radar der sogenannten Global Super-Rich. Zwar sind die Hänge zugebaut mit Terrassenhäusern und Villen von speziellem Baustil, aber hier zählt nur: Seeblick, die Nähe zu Zürich und die Anwesenheit von Gleichgesinnten. Gemäss der von der «Bilanz» jährlich veröffentlichten Liste «Die 300 Reichsten der Schweiz» haben unter anderem Klaus-Michael Kühne (Logistikkonzern), Teile der Blocher-Familie, die Familie von August von Finck (Gastronomen und Bankbetreiber), Stephan Schmidheiny (Beteiligungen, Kunst), die Familien von Maus Nordmann (Detailhandel), aber auch Ex-UBS-Chef Oswald Grübel und der Hans (Hausi) Leutenegger ihr Domizil hier.

Baar ist eine ganz andere Geschichte. Dem Durchschnittsschweizer fällt dazu höchstens ein, dass die Gemeinde irgendwo im Kanton Zug liegt und hier der Schnellzug zwischen Zürich und Luzern hält. Und sonst? «Baar, die von der Bevölkerungszahl her zweitgrösste Gemeinde des Kantons Zug, ist – je nach Betrachtungsweise – Eingangstor zur Innerschweiz oder Verbindungsort zum angrenzenden Kanton Zürich», heisst es auf der Website der Gemeinde.

«Ein Abbild der Schweiz im Kleinen»?

Zudem würden die rund 24'000 Einwohnerinnen und Einwohner die landschaftliche Schönheit der Lorzenebene, eingebettet zwischen Albis und Zugerberg mit vielen Wäldern und Erholungs- und Freiräumen, sehr zu schätzen wissen. «Mit seiner toleranten Bevölkerung» und «mit seiner gesunden, auf Produktion, Dienstleistung und Handel basierenden wirtschaftlichen Struktur» und «mit seiner Aufgeschlossenheit für neue Herausforderungen» sei Baar «ein Abbild – vielleicht gar ein Modell – der Schweiz im Kleinen».

Manchem Globalisierungskritiker und Zeitungsleser wird in diesem Zusammenhang einfallen, dass Baar auch Hauptsitz des berühmten wie umstrittenen Rohstoffhändlers Glencore ist. Politiker der Zuger Alternativen sowie Menschenrechtler aus der ganzen Welt geben sich aus Protest regelmässig ein Stelldichein vor dem weissen Bürogebäude Glencores. Die «Rich Boys» – wie die Glencore-Angestellten wegen des Firmengründers Marc Rich genannt werden – sind bekannt für ihre glamourösen Weihnachtsfeiern. Als die Milliarden noch leichter sprudelten, wurden Stargäste wie UB40, Bryan Adams, Jamiroquai, Joe Cocker, Pink oder Sting an die Firmenfeste eingeladen.

«Nach Luzern die beste Fasnacht der Zentralschweiz»

Geschichtsinteressierte Zeitgenossen werden sich erinnern, dass Marc Rich in den 80er-Jahren in Baar wohnte. Als die US-Steuerbehörden ein Verfahren gegen ihn wegen angeblichen Steuerbetrugs, Ölpreismanipulationen und Handels mit dem Feind eröffneten, lehnte die Schweiz ein Auslieferungsgesuch ab. Worauf Rich ständig mit der Entführung durch das FBI rechnen musste. US-Marshals hatten für ein Kidnapping per Helikopter schon einen Landeplatz vor seinem Baarer Haus ausgekundschaftet.

Doch seitdem ist viel Wasser die Lorze heruntergeflossen, und neue Firmen sind nach Baar gezogen. Zu den Aushängeschildern gehören Shell, Sika, der Vermögensberater Partners Group oder das Immobilienunternehmen Alfred Müller AG. Und Baar macht eher den Eindruck eines sympathischen Städtchens statt einer gesichtslosen Steueroase. «Baar ist eine sehr lebenswerte Gemeinde mit urbanem Charakter, die von der Nähe zum Hauptort Zug profitiert», sagt denn auch Andreas Hotz, freisinniger Politiker und Gemeindepräsident von Baar. Er ist ein Ur-Baarer, dessen Familie bereits 1581 in seiner Gemeinde eingebürgert wurde. Baar sei zudem bekannt dafür, dass es «nach Luzern die beste Fasnacht der Zentralschweiz» habe.

Auch der Zuger SVP-Nationalrat Thomas Aeschi kommt aus Baar und wohnt immer noch dort. Bemerkenswert ist, dass beide Politiker unabhängig voneinander das ausgeprägte Vereinsleben hervorheben. «Praktisch jeder Baarer ist in einem der zahlreichen Vereine, sei es der Turn- oder der Fasnachtsverein», sagt Aeschi. Ebenfalls finden beide erwähnenswert, dass sich Baar trotz seiner Grösse immer noch Dorf nenne. Folglich gebe es auch immer noch eine Gemeindeversammlung statt eines Parlaments wie in vergleichbaren Orten.

Dass nun Baar Wollerau von der Rangliste der steuergünstigsten Gemeinden verdrängt hat, ist laut Hotz «purer Zufall» und hat in erster Linie mit der Steuerattraktivität des Kantons zu tun. Man werde dies nun auch nicht an die grosse Glocke hängen und dafür die Werbetrommel rühren. «Wir wollen in erster Linie für die Durchschnittsbewohner attraktiv sein», sagt Hotz.

Auch starke genossenschaftliche Entwicklung

Doch kann sich ein Durchschnittsverdiener überhaupt das Wohnen in Baar – Stichwort «Zugisierung» (Verdrängung des Mittelstandes wegen steigender Immobilienpreise) – leisten? Hotz: «Natürlich ist auch bei uns die Wohnungssituation angespannt.» Aber Baar erfahre seit 20 Jahren eine starke genossenschaftliche Entwicklung und man werde den Bau preisgünstiger Wohnungen gezielt fördern. Und die Superreichen? Gibts auch für diese potenziellen Neuzuzüger attraktive Wohnlagen? Hotz erwähnt einige Quartiere in Hanglage, die einen «wunderbaren Blick» auf den Zugersee, die Rigi und in die Innerschweiz bieten würden. Bei schönem Wetter sehe man gar die Silhouette von Eiger, Mönch und Jungfrau.

Einer, der bereits die Standortqualitäten Baars zu schätzen weiss, ist der Rennfahrer Kimi Räikkönen. Der mit einem geschätzten Vermögen von 100 bis 150 Millionen Franken reiche Finne wohnt in der auffälligen Villa Butterfly, die laut der «Bilanz» mit viel Hightech und Luxus ausgestattet ist.

Erstellt: 04.07.2017, 14:52 Uhr

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