Wir brauchen konstruktiveren Journalismus

Gastbeitrag: Die negativen Folgen der Mediendemokratie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Demokratie ist eine europäische Erfindung. Wie Zeitungen, Radio und Fernsehen. Der Westen erfand auch den Computer sowie das Netzwerk der Computer, das Internet. Die Globalisierung exportierte es in den Rest des Planeten Erde. Das sollte Gutes bewirken, tat es aber nicht. Weil die Zivilisation des Westens die Mediendemokratie wurde, in der die Medien oft einflussreicher sind als die Politiker.

Die Nachrichtenmedien haben heute mehr Einfluss als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Medien haben die Macht ergriffen. Sie bestimmen die Agenda – wie das Volk sich selbst und die Welt sehen soll. Die Medien richten ihren Blick fast nur aufs Negative und Triviale. Weil die Medienleute glauben, das Publikum will das. Und weil sie damit Geld machen.

Führungscharaktere fehlen

Die Folgen sind vielfältig und schwerwiegend. Erstens erhalten die Menschen ein falsches Bild von der Wirklichkeit. Zweitens leidet der Westen unter dem Fehlen von Führungscharakteren. Mediendemokratien bringen keine Anführer hervor, sondern produzieren Populisten. Silvio Berlusconi fällt einem ein als populistisches Produkt der Mediendemokratie.

Das klassische Griechenland vor 2500 Jahren und das klassische Rom vor 2000 Jahren hatten keine Medien. Aber sie hatten Anführer. Die wohl besten politischen Anführer Europas der letzten 100 Jahre waren Winston Churchill und Charles de Gaulle. Beide übernahmen politische Macht, bevor sich Demokratie in Mediendemokratie verwandelte: in der Enthüllungsjournalismus nur auf die Blossstellung von Politikern aus ist, die ihrerseits auf Stimmenfang und die Aufmerksamkeit der Massen aus sind.

Heute twittern Redaktionen und Politiker jede Story und jede Politik mit weniger als 140 Buchstaben. Das produziert Trivialität. Nicht nur in den Köpfen der Empfänger, sondern auch in den Köpfen derer, die erzählen und beeindrucken wollen. Die Trivialität und Negativität der Medien infiziert die Politik. Der Mangel an politischer Führung im Westen ist dabei, dessen globalen Einfluss zu schwächen. Europas Nationen haben nicht verstanden, dass sich die Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert vervierfacht hat und zeitgleich fast alle 200 Nationalstaaten globalisiert wurden.

Europa verliert seine Führung

Zugleich altern die Bevölkerungen aller Nationen Europas, die von Russland und Japan ebenfalls. Während alle Europäer zusammen 1950 um die 30 Prozent der Weltbevölkerung ausmachten, werden wir 2050 noch 10 Prozent der Menschen dieses Planeten sein – am Ende des Jahrhunderts nur noch gegen 7 Prozent. Diese Zahlen zeigen, die europäische Integration macht keine Fortschritte – eine Folge der fehlenden Führung. Die logische Konsequenz ist, dass China und möglicherweise auch die muslimische Welt die Führung übernehmen.

Ein Wandel im Verhalten der Presse und ein stärkerer Fokus auf eine konstruktive Rolle in unseren Gesellschaften sind begrüssenswert. Ich bin nun 96 Jahre alt und ein Gewesener in jeder Hinsicht des Lebens. Mein Alter macht mich zum Realisten. Ulrik Haagerup, der einen konstruktiven Journalismus propagiert, ist halb so alt. Er hat das Recht, Optimist zu sein. Und an einen anderen Journalismus zu glauben, der begeisternder ist und auf das Wohl der Weltgesellschaft ausgerichtet.

Der Text erschien zuerst als Vorwort zum Buch «Constructive News» von Ulrik Haagerup, Verlag Oberauer.



Die Schlacht um Marignano: Der Streit, die Fakten, das Game.
Das grosse Multimedia-Spezial.

Erstellt: 05.09.2015, 04:44 Uhr

Artikel zum Thema

«Das Unerwartete macht uns schlauer»

Interview Um die Leser und Zuschauer zurückzuholen, brauche es einen konstruktiven, an Lösungen interessierten Journalismus. Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen Rundfunks, hat Erfolg damit. Aber was heisst «konstruktiv»? Mehr...

Die bösesten und die besten Texte zur Fifa

Die Welt schaut nach Zürich, die Welt beschäftigt sich mit der Fifa. Und produziert dabei – manchmal – hervorragenden Journalismus. Mehr...

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Foto: Getty Images

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Geldblog Vorsicht beim Verrechnungsverzicht!

Mamablog Nehmt euch Zeit fürs Kranksein!

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...