Wir Fleischbremsen

Wir Velofahrer akzeptieren höhere Bussen – aber nur, wenn wir besser geschützt werden.

Velofahrer erfüllen eine verkehrsplanerische Funktion – sie verlangsamen den Automobilverkehr.

Velofahrer erfüllen eine verkehrsplanerische Funktion – sie verlangsamen den Automobilverkehr. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Darauf muss man erst einmal kommen: linke Politik als eine Entwicklung zu kritisieren, die «zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, einer Welt aus Radfahrern und Vegetariern» führe. Das mit den fleischlosen Velofahrern war Witold Waszczykowski im Gespräch mit der «Bild»-Zeitung eingefallen. Der damalige polnische Aussenminister kritisierte damit sowohl die polnische Vorgängerregierung wie auch Deutschland selber.

So weit werden die Nationalrätinnen und -räte heute nicht gehen, wenn sie über die Motion von Hans-Peter Portmann diskutieren; der 55-jährige Zürcher Freisinnige, der von «Amok-Velofahrern» redet, verlangt drastisch höhere Bussen für Velofahrerinnen und Velofahrer, anders gesagt: eine Gleichbehandlung aller Verkehrsdelinquenten (siehe Zeitung von gestern). Über 70 Nationalräte aus den Parteien FDP, SVP und CVP haben den Vorstoss unterzeichnet, also über ein Drittel des Rats.

Geheuchelte Sorge

Dabei geben sie vor, sich um die Sicherheit der Velofahrer zu sorgen. Weil die Bussen zu tief seien und meistens gar nicht erst angewandt würden, würden sich viele Velofahrer nicht an die Verkehrsregeln halten und sich in Gefahr bringen – oder die Fussgänger auf den Trottoirs.

Diese Parlamentsleute haben recht: Velofahrer haben zu Verkehrsregeln und damit zu Verkehrsverboten ein beiläufiges Verhältnis. Eine Ampel, die auf Rot steht, sehen sie als Strassendekoration. Das Stoppzeichen interpretieren sie als Vorschlag. Einbahnstrassen halten sie für eine Einladung. Jeder, der mit einem Velo herumfährt, hat schon abrupt die Spur gewechselt, ist auf das Trottoir ausgewichen und hat Passanten als mobile Slalomstangen behandelt. Fast jeder.

«Nur wer unberechenbar bleibt, ist sicher.»

Manche tun solche Sachen immer wieder. Einige von ihnen sind dabei bekifft oder betrunken. Viele bringen sich mit ihren E-Bikes in zusätzliche Schwierigkeiten, weil sie ihre Geschwindigkeit falsch einschätzen, mit ein Grund, warum E-Bikes besonders gefährlich sind. Velofahrer haben keine Disziplin, fahren mit grossem Risiko und sind damit eine Gefahr. Trotzdem werden sie kaum dafür gebüsst, und wenn, dann meistens mit Summen von 20 bis 40 Franken. Wer als Autofahrer das Rotlichtsignal überfährt, muss mindestens 250 Franken zahlen, mit dem Velo nur 60. Von Abschreckung keine Rede.

Und doch: Als Velofahrer mag man sich über diese parlamentarische Sorge nicht freuen. Man fragt sich, wie viele der 70 Parlamentsmitglieder, welche die Motion unterzeichnet haben, wo, wie lange und wie oft pedalend unterwegs sind und wie viele die Velofahrer nur durch ihre Windschutzscheibe sehen. Wie viele schon auf dem Velo von Autofahrern eng überholt, geschnitten, abgedrängt oder sogar angefahren wurden. Wie viele einer sich plötzlich öffnenden Autotür gerade noch ausweichen konnten.

Autofahrer, macht Platz

Wer höhere Bussen für Radfahrer einfordert und ihre Sicherheit in seine Begründung einbaut, sollte sich glaubhaft dafür einsetzen, dass Velowege in der Schweiz so selbstverständlich werden wie in Holland oder Dänemark. Und da die Schweizer Trottoirs zu eng sind (in Deutschland ist das anders), muss den Autos auf der Strasse jener Platz weggenommen werden, der das Velofahren sicherer macht.

Dazu kommt das Offensichtliche, das für die Velos spricht: Sie brauchen wenig Platz, machen keinen Lärm, sind für ihre Benutzer gesund, und man kommt auf ihnen schnell weit herum. Autofahrer sitzen meistens alleine in ihrem Fahrzeug, das die Umwelt verschmutzt, Lärm verursacht und für alle anderen Verkehrsteilnehmer zur Gefahr werden kann.

Mit Unberechenbarkeit zu mehr Sicherheit

Auch deshalb, so paradox das klingt: Nur wer unberechenbar bleibt, kann sicher sein, dass man ihn nicht überfährt. Solange Autofahrer den Velofahrern nicht über den Weg trauen, bleiben sie aufmerksamer und fahren vorsichtiger. Wie sehr das stimmt, zeigt eine verkehrsplanerische Funktion, die Velos erfüllen – sie verlangsamen den Automobilverkehr.

Verkehrsfachleute und Urbanisten haben einen Fachbegriff für diese Funktion: Velofahrer heissen bei ihnen, völlig unvegetarisch, Fleischbremsen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 20:03 Uhr

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