Wir haben genug Arbeit – auch für über 65-Jährige

Angeblich fehlende Arbeitsplätze sind ein untaugliches Argument gegen eine Erhöhung des Rentenalters, schreibt Aymo Brunetti.

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Angesichts der seit langem steigenden Lebenserwartung bei gleichbleibendem Rentenalter ist die Schweizer Altersvorsorge in gewaltiger finanzieller Schieflage. Und ohne grundlegende Reform wird sich die Lage in den nächsten Jahren noch deutlich verschlechtern. Vor diesem Hintergrund ist klar, dass so rasch wie möglich schrittweise eine Anpassung des Rentenalters eingeleitet werden sollte.

Es gibt aber ein Gegenargument, das man dazu immer wieder zu hören bekommt, dass nämlich die Arbeitsplätze fehlen würden, um all die über 65 Jahre alten Menschen beschäftigen zu können. So plausibel dies klingen mag, so klar muss gesagt werden: Diese Befürchtung ist völlig unbegründet.

Das Argument beruht letztlich auf der ökonomischen Fehlüberlegung, dass die Menge an Arbeit irgendwie fix vorgegeben sei. Und damit würden die über 65-Jährigen entweder keine Stelle finden, die Jobs anderer Arbeitskräfte bedrohen, oder sie könnten Arbeitsplätze, die sonst für Junge frei geworden wären, blockieren. Für derartige Bedenken gibt es keinen stichhaltigen Grund.

Das Argument, die Menge an Arbeit sei fix vorgegeben, beruht auf einer ökonomischen Fehlüberlegung.

Dass die Menge an Arbeit nicht fixiert ist, zeigt ein Blick in die Statistik. Seit Anfang der 90er-Jahre ist die Zahl der Erwerbstätigen in der Schweiz von knapp 4 Millionen auf über 5 Millionen angestiegen. Dies widerspiegelt die Tatsache, dass in den letzten Jahrzehnten sehr viele zusätzliche Arbeitskräfte auf den Schweizer Arbeitsmarkt kamen. Einerseits sind in dieser Periode mehr Frauen arbeitstätig geworden; die Frauenerwerbsquote stieg von 68 Prozent im Jahre 1991 auf heute beinahe 80 Prozent an. Andererseits ist mit dem 2002 in Kraft getretenen Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU in dieser Periode die Nettoeinwanderung angestiegen.

Gäbe es tatsächlich eine fixe Menge an Arbeit, die auf die Arbeitswilligen verteilt werden müsste, dann hätte beides bei den Schweizer Männern zu einem starken Rückgang der Erwerbstätigkeit und steigender Arbeitslosigkeit führen müssen. Davon kann aber keine Rede sein. Die zusätzlichen Arbeitskräfte wurden im Schweizer Arbeitsmarkt einfach dadurch integriert, dass die Anzahl Jobs anwuchs. Die zusätzlichen Einkommen dieser Arbeitskräfte führten nämlich zur Nachfrage nach mehr Gütern, die durch zusätzliche Arbeitskräfte produziert werden mussten. Warum sollte es anders sein, wenn mit einer Erhöhung des Rentenalters statt zusätzlicher Frauen und Ausländer zusätzlich über 65-Jährige auf dem Schweizer Arbeitsmarkt bleiben werden?

Funktioniert der Arbeitsmarkt, wird die Beschäftigung auch einer grossen Anzahl über 65-Jähriger kein Problem sein. 

Eigentlich könnte man auf Basis dieser Fakten die Frage, ob denn überhaupt genügend Arbeitsstellen vorhanden sein werden, wenn das Rentenalter erhöht wird, als erledigt betrachten. Die Antwort ist eindeutig. Es kommt aber noch ein zusätzliches Argument dazu, das klar macht, dass eher ein Mangel an Arbeitskräften zu erwarten ist. Die Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge, erreichen in naher Zukunft das Rentenalter; in den nächsten Jahren werden in der Schweiz fast eine Million Menschen pensioniert. Da weniger geburtenstarke Jahrgänge nachrücken, führt das dazu, dass der Anteil der Menschen im Erwerbsalter an der Gesamtbevölkerung deutlich sinkt.

Das bedeutet, dass die Unternehmen schon bald mit einem echten Arbeitskräftemangel konfrontiert sein dürften. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass sich die Akzeptanz für Einwanderung reduziert hat – Stichwort Masseneinwanderungsinitiative –, dann wird klar, dass sich dieses Problem noch akzentuieren dürfte. Die demografische Entwicklung spricht dafür, dass die Unternehmen bald händeringend nach Arbeitskräften suchen und die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer – auch solcher, die älter als 65 sind – stark fördern werden.

Funktioniert der Arbeitsmarkt – wie es in der Schweiz mit ihren rekordhohen Erwerbsquoten ohne Zweifel der Fall ist –, wird die Beschäftigung auch einer grossen Anzahl über 65-Jähriger also kein Problem sein. Über fehlende Arbeitsplätze muss man sich bei der hoffentlich bald ernsthaft einsetzenden Diskussion um eine Erhöhung des Rentenalters keine Gedanken machen.

Erstellt: 26.05.2019, 20:37 Uhr

Aymo Brunetti
Der Ökonom ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Bern. Foto: Christian Jaeggi

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