«Wir haben vier Halbtote und einen Clown in der Regierung»

Peter Bodenmann traut der Walliser SP heute zwei Staatsratssitze zu – und damit einen historischen Triumph.

«Politik und Medien haben den Kontakt zum Volk verloren», ist der Oberwalliser Peter Bodenmann überzeugt. Foto: Thomas Egli

«Politik und Medien haben den Kontakt zum Volk verloren», ist der Oberwalliser Peter Bodenmann überzeugt. Foto: Thomas Egli

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Heute kommt es zum zweiten und entscheidenden Wahlgang für die Walliser Regierung. Haben Sie Ihren Wahlzettel abgeschickt?
Nein. Ich bin einer jener Dinosaurier, die noch an die Urne gehen. Immer im letzten Augenblick. Kurz vor Torschluss.

Aber Sie wissen, wen Sie in der Walliser Regierung wollen.
Das Volk hat im ersten Wahlgang entschieden, und das Volk bekommt immer recht: SVP-Staatsrat Freysinger verlor im Vergleich zu 2013 die Hälfte der Stimmen. Jetzt macht der grosse Zampano auf Mitleid und bettelt um Stimmen. Wer Freysinger nicht will, wird die SP-Kandidaten Esther Waeber-Kalbermatten und Stéphane Rossini und den Freisinnigen Frédéric Favre wählen.

Favre bekommt Ihre Stimme?
Selbstverständlich. Es geht ja darum, taktisch richtig abzustimmen und Oskar Freysinger abzuwählen. Und ich sage als Einziger schon lange: Der Walliser SP bietet sich die historische Chance, erstmals zwei Regierungssitze zu haben.

Dass Rossini sich im ersten Wahlgang so gut hielt, zeigt, dass sich das Wallis enorm verändert hat.
Es gibt nicht «das Wallis». Die Kantonsteile entwickeln sich unterschiedlich: wirtschaftlich, gesellschaftlich und demografisch. Nur noch jeder vierte Wähler ist Oberwalliser. Die Gewichte haben sich in Richtung Unterwallis verschoben. Das welsche Wallis entwickelt sich nach dem Vorbild der ganzen Westschweiz. Es wird offener und ist bereit, Neues zu probieren. Das zeigt das Resultat in der Beamtenstadt Sitten …

… wo Rossini Freysinger ausstach.
Das zeigt, dass man auch im Staatsapparat der Meinung ist: Wie bisher kann es nicht weitergehen. Wir haben in der Regierung seit vier Jahren vier Halbtote und einen Clown. Das Volk zog die Handbremse und wird sie nicht loslassen.

Die Reaktion auf den Seitensprung von Christophe Darbellay konnte im Wallis aber niemand vorhersehen.
Doch, doch. Vor 41 Jahren kandidierte Daniel Lauber für die CVP fürs Zermatter Gemeindepräsidium. Der Pfarrer predigte am Sonntag, für Lauber könne man nicht stimmen. Er sei mit einer Frau verheiratet, aber mit einer anderen zusammen. Lauber schaffte die Wahl souverän und wurde später Ständerat. Der Katholizismus ist eben nicht so prüde wie das Medienhaus Ringier, das Darbellays Affäre an die grosse Glocke hängte. Je mehr Oskar Freysinger und sein rechtsbürgerliches Bündnis in der Wunde stocherten, desto mehr profitierte Darbellay. Sie liefen in die Falle.

Das ist eine Ihrer Thesen. Sie sagen auch: Freysinger verlor Milieus.
Das ist so. Ein Beispiel unter vielen: Im Oberwallis haben die Feuerwehren Freysinger geschlossen die Stimme verweigert, weil er Hugo Cina, den Chef­inspektor der Feuerwehr, in Zermatt demütigte. Es ging um einen zu schmalen Notausgang einer Diskothek, den Cina nicht bewilligen wollte. Also ging Freysinger nach Zermatt, fuchtelte mit einem Metermass herum und posaunte: «Ich übernehme die Verantwortung dafür!» Das war ein Affront gegenüber Cina und der Feuerwehr. Die Feuerwehrmänner sagten: «Wenn es brennt, müssen wir rennen, nicht der Oskar.» Und dann war da die Personalie Jean-Marie Cleusix, der Chef für Unterrichtswesen. Cleusix brachte die ganze Lehrerschaft gegen sich auf. Freysinger schickte ihn erst als Lehrer ins Gymnasium Saint-Maurice in die Verbannung, als der Druck von allen Seiten zu gross wurde.

Wie sehr schadeten Freysinger die Aussagen seines Beraters Piero San Giorgio, Behinderte seien minderwertige Lebewesen?
Das waren katastrophale Aussagen. Es stand die These vom unwerten Leben im Raum. Gerade im Wallis ist der Umgang mit behinderten Menschen unglaublich wichtig. Man will keine Ausgrenzung. Freysinger erweckte danach einfach den Eindruck, er habe mit San Giorgio nie etwas zu tun gehabt, obwohl Videos auftauchten, auf denen die beiden in kurzen Höschen vergnügt in seinem Garten sitzen und darüber sprechen, dass 2025 das ganze Finanzsystem zusammenbreche und Bürgerkrieg drohe. Freysinger ist ins rechtsradikale Milieu abgerutscht.

Er kokettierte schon immer damit.
Nicht in diesem Ausmass. Natürlich war er immer schon ein Flipperkasten. Einen Tag ist er Buddhist, dann beruft er sich auf die griechischen Heiden und das nächste Mal auf das christliche Abendland. Aber plötzlich begann der Putin-Freund auf dem Roten Platz zu posieren und nahm an rechtsextremen Veranstaltung von Jürgen Elsässer teil. Obwohl er Christoph Blocher das Gegenteil versprochen hatte. Der Staatsrat hatte einfach nicht die Courage zu sagen: «Schluss mit diesem rechtsextremen Kasperli-Theater.»

Freysinger hätte die Opferrolle gesucht und politisch profitiert.
Politik und Medien haben den Bodenkontakt zum Volk verloren. Alle hatten Angst vor Freysinger, dem scheinbar Grossen. Niemand merkte, dass dieser politisch an Boden verlor und verliert.

Nun sagt Freysinger: «Ich habe kein welsches Blut.» Kommt jetzt seine Rettung aus dem Oberwallis?
Er hat sich ja noch übertroffen. Er sagte, er sei ein halber Tiroler und habe zusätzlich noch viel deutsches Blut in seinen Adern. Das kann ihm im Oberwallis 2000 Zusatzstimmen bringen. Die Frage ist: Verliert er sie im Unterwallis? Er hat in seinem Leben nie gelernt zu verlieren und reagiert wie immer: Ich bin das Opfer und schuld sind alle anderen.

Wie reagiert seine Partei?
SVP-Nationalrat Franz Ruppen und SVP-Grossrat Patrick Hildbrand sprachen am Wahlabend offen davon, dass Oskar den Bogen überspannte. Jetzt betteln sie um Mitleid für den Unflat.

SP und FDP, Rossini und Favre, machen also den fünften Staatsratsitz unter sich aus.
Favre ist zu spät in die kantonale Politik eingestiegen und hatte im Oberwallis einen schwachen Auftritt. Er erschien mit einem Heftchen in der Hand und las deutsche Sätze ab.

Im Gegensatz zu Favre tauchte Rossini nicht einmal auf.
Rossini ging davon aus, dass Esther Waeber-Kalbermatten da einen riesigen Vorsprung hat. Er machte im ersten Wahlgang ein super Resultat, wirkt wie befreit und spricht neu ganz passabel Deutsch. Favre muss 10 000 Stimmen aufholen. Ich glaube nicht, dass ihm das gelingt. Die CVP tut sich schwer, eine klare Parole auszugeben. Rossini ist eine Kampfmaschine. Er wird jetzt auch Stimmen der Grünen bekommen.

Aber im Wallis gibt es eine Urangst vor einer linksliberalen Regierung.
Die Angst ist künstlich: eine Art Phantasma. Auch mit zwei SP-Staatsräten wird die Regierung nach links leider keine Stricke zerreissen. Im Gegenteil. Es war ein themenfreier Wahlkampf. Es ging um Befindlichkeiten, um Freysinger Ja oder Nein. Wichtige Themen wurden zur Seite geschoben: der starke Franken, das Gletschersterben, die drohende massive Senkung der Wasserzinsen und die Gefahr, dass die Lonza wegen Strafzöllen plötzlich in den USA produzieren muss. Die kommende Regierung wird sich mit komplexeren Dingen als Oskar beschäftigen müssen. Es ist spannend. Es ist das perfekte Theater. Am Sonntag fällt der Vorhang – und mit ihm der Freysinger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 08:24 Uhr

Peter Bodenmann

SP-Doyen und Hotelier

Der Oberwalliser Peter Bodenmann (64) politisierte für die SP im Kantonsrat und Nationalrat und schaffte 1997 die Wahl in den Staatsrat – als erster Sozialdemokrat in der Walliser Geschichte. Nach zwei Jahren trat er überraschend aus der Regierung zurück und übernahm das Briger Hotel Good Night Inn, das seiner Familie gehörte. Bodenmann, der in den 70er-Jahren an der Uni Zürich Rechtswissenschaften studierte und von 1990 bis 1997 die SP Schweiz präsidierte, ist heute ein erfolgreicher Unternehmer. Das politische Leben verfolgt er nach wie vor mit grossem Interesse und schreibt in mehreren Zeitungskolumnen darüber. (phr)

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