«Wir können doch nicht sämtliche Lohnabrechnungen kontrollieren»

Im Interview erklärt der Freiburger Wirtschaftsprofessor Paul Dembinski, warum die 1:12-Initiative der Juso schwer umsetzbar ist und warum sie die grosse Mehrheit der Schweizer Unternehmen gar nicht betrifft.

Schiessen die Juso mit ihrer 1:12-Initiative übers Ziel hinaus?

Schiessen die Juso mit ihrer 1:12-Initiative übers Ziel hinaus? Bild: Keystone

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Wie viele Unternehmen sind von der 1:12-Initiative betroffen?
Von den 300'000 Unternehmen, die das Bundesamt für Statistik erfasst hat, beschäftigen 85 Prozent weniger als 10 Angestellte. Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten stellen nur 2,5 Prozent der Schweizer Unternehmen – also rund 8000 Betriebe.

Gibt es bei den KMU nicht auch Probleme mit Lohnunterschieden?
Zunächst ist anzumerken, dass die grosse Mehrheit der Schweizer KMU Familienunternehmen sind. Wenn man von einem bescheidenen Durchschnittslohn von 4000 Franken im Monat ausgeht, müsste sich der Geschäftsführer des jeweiligen Unternehmens einen Monatslohn von 40'000 Franken auszahlen – oder eine halbe Million Franken im Jahr –, um von der 1:12-Initiative betroffen zu sein. Anhand dieses Beispiels wird schnell ersichtlich, dass man das Thema relativieren sollte. Die überwältigende Mehrheit der KMU-Geschäftsführer verdient kein solches Gehalt.

Wie sieht es bei den grossen Unternehmen aus?
In der Schweiz gibt es rund 1000 grosse Unternehmen, die direkt von der 1:12-Initaitive betroffen wären, darunter die 250 börsenkotierten Schweizer Firmen. Nur innerhalb dieser tausend Unternehmen gibt es unverhältnismässige Löhne, die an reiche Manager ausgezahlt werden, die Unternehmen leiten, die ihnen nicht gehören. Das ist auch das, was die Juso anprangern – aber hier setzt bereits die Minder-Initiative an. Das gesamte Wirtschaftsgefüge einer solchen Überwachung unterstellen zu wollen, ist ein Irrsinn.

Sind die KMU also eine Art Idyll der Arbeitswelt?
Ich weiss nicht, ob alles so idyllisch ist, aber im Allgemeinen handelt es sich bei den KMU um kleinere Arbeitgeber, die hart arbeiten und sich dafür einen bescheidenen Lohn auszahlen. Die Gewinne investieren sie wiederum in die Produktion, weil sie diese verbessern und ihren Kindern weitergeben wollen. Hier geht es meist mehr um den Aufbau eines Erbes als um das Auszahlen von hohen Löhnen.

Ist es nicht schwer zu behaupten, dass die 1:12-Initiative über ihr Ziel hinausschiesst, obwohl die meisten Unternehmen gar nicht davon betroffen sind?
Thomas Minder hat bereits Arbeit geleistet! Jetzt braucht es Zeit, um seine Initiative umzusetzen. Der politische Zeitplan ist bedauerlich, weil die SP von einem Erfolg profitiert, der nicht ihr gehört.

Aber bei der Initiative der Juso geht es ja nur um Lohngerechtigkeit.
Sie stellt ein verzerrtes Verhältnis zwischen Angestellten und Arbeitgebern dar. Im Bereich der KMU gibt es viele kleinere Arbeitgeber, die die ganze Woche hindurch hart arbeiten und am Wochenende noch sauber machen, bevor sie die Lichter löschen und nach Hause gehen.

Sind Sie also gegen jede Regulierung der Gehälter?
Eine gewisse Transparenz müsste hier sicher gefördert werden. Die Veröffentlichung einer einfachen Lohnskala innerhalb der Unternehmen wäre zum Beispiel ein erster Schritt in diese Richtung. Aber wir wollen doch kein Überwachungsprogramm in Gang setzen, um sämtliche Lohnabrechnungen zu kontrollieren. Dies ist die Aufgabe der Steuerbehörden. Die Verwaltung sollte auf die Lohnstruktur keinen Einfluss nehmen.

Sehen Sie als Wirtschaftsprofessor ein ideales Verhältnis der Löhne innerhalb eines Unternehmens?
Hier geht es um die Frage des richtigen Preises für geleistete Arbeit. Aber wie lässt sich das definieren? Soziologisch gesehen wäre dies ein Lohn, der ein würdevolles Leben und den sozialen Zusammenhalt gewährleistet. Selbst diejenigen, die Millionen verdienen, sollten in der Lage sein, ihre Löhne gegenüber ihrem Umfeld zu rechtfertigen.

(Übersetzung und Bearbeitung: cor)

Erstellt: 22.03.2013, 10:39 Uhr

Paul Dembinski

Paul Dembinski ist Direktor des Genfer Observatoire de la Finance und Wirtschaftsprofessor in Freiburg. Er hat sich auf KMU spezialisiert und fungiert als Experte bei mehreren internationalen Organisationen. Seit 1999 ist er verantwortlich für die Zeitschrift «Finance & the Common Good/Bien Commun».

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