«Herr Ulrich, welche Statistik ist der Renner?»

Die SVP will ihn bremsen, den höchsten Schweizer Statistiker, Georges-Simon Ulrich. Dieser kontert.

Georges-Simon Ulrich liefert Grundlagen für wichtige Entscheide. Foto: Adrian Moser

Georges-Simon Ulrich liefert Grundlagen für wichtige Entscheide. Foto: Adrian Moser

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Unter Ihren vielen Hundert Statistiken: Welche ist der Renner?
Extrem beliebt ist, neben dem Landesindex der Konsumentenpreise, die Vornamenstatistik. Das können wir auf unserer Website messen. Die Leute interessiert halt einfach: Wie viele gibt es, die heissen wie ich?

Ihre persönliche Lieblingsstatistik?
Die Summe der Statistiken ist der eigentliche Schatz der Statistiker. So gesehen, habe ich nicht eine spezielle Lieblingsstatistik. Besonders interessant finde ich im Moment aber die Statistik zur Messung der Nachhaltigkeit. Ich hoffe, die Politik greift sie auf. Sie ermöglicht eine breitere Sicht auf die Gesellschaft als bloss eine monetäre. Statistiken sind ein ganz wichtiger Orientierungspunkt in ­einer Welt, die immer komplexer wird. Ohne Statistik laufen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft Gefahr, falsche Entscheide zu fällen.

Sammelte man alle Ihre Statistiken: Wie viele wären es am Ende?
Da müssten wir zuerst darüber diskutieren, wie wir «eine Statistik» definieren. Eine Sozialhilfestatistik zum Beispiel besteht ja nicht einfach aus einer einzelnen Zahl oder Tabelle, sondern aus einer Vielzahl von Informationen. Was ich Ihnen sagen kann: Wir veröffentlichen dieses Jahr 73 Basisstatistiken, 140 Medienmitteilungen, rund 150 neue Publikationen und über 400 Newsmails.

Diese Produktion gerät jetzt unter Druck. Der Nationalrat hat zwei Motionen angenommen, die Klein- und Mittelbetriebe von Ihren Umfragen befreien möchten. Man hört von Aufregung in Ihrem Amt ...
Wir müssen uns einfach über die Folgen der Motionen klar werden, sollte der Ständerat ebenfalls zustimmen. 98 Prozent aller Firmen würden von uns nicht mehr erfasst. Wir wüssten bei 44 Prozent der Beschäftigten nicht mehr, wo und in welchen Strukturen sie tätig sind. Es würde ein falsches Bild der Schweizer Wirtschaft entstehen, geprägt von Grossbetrieben und Konzernen – und das in einem Land, das geprägt ist von KMU. Den Verbänden, den Unternehmen, den Medien und der Politik würden ganz wichtige Steuerungsinformationen fehlen.

Wofür brauchen Sie die 98 Prozent?
Nun, wofür brauchen Sie alle 26 Buchstaben im Alphabet? Vielleicht reicht ja ein einziger ... Spass beiseite: Wir könnten keine Wirtschaftsstatistiken im heutigen Sinn mehr erstellen. Über die Konjunkturentwicklung, die Teuerung oder das Bruttoinlandprodukt liessen sich kaum mehr zuverlässige Angaben machen. Oder nehmen wir den Bereich Gesundheit. Auch Ärzte mit eigener Praxis sind Unternehmer. Dürften wir sie nicht mehr befragen, wäre unklar, wo und weshalb im Gesundheitswesen Kosten anfallen. Die Anpassung von AHV-Renten aufgrund des gemischten Lohn- und Preis-Indexes wäre nicht mehr möglich. Lohnstrukturerhebungen würden derart eingeschränkt, dass eine wichtige Basis fehlte, um Aussagen über das Lohnniveau in der Schweiz zu machen oder auch über Gesamtarbeitsverträge zu verhandeln. Und so weiter ...

Für einen Gesamtarbeitsvertrag braucht es doch kein Statistikamt. Die Gewerkschaften kennen die Löhne in den Firmen meist gut.
Der Vorzug des BFS ist eben, dass wir für die Sozialpartner eine objektivierte Basis herstellen. Ein grosser Teil unseres Aufwands besteht darin, mit den verschiedenen Partnern auszuhandeln, welche Daten für sie nützlich sind.

Haben Sie zuvor nie Klagen aus der Wirtschaft erreicht?
Natürlich klagen einzelne Unternehmer manchmal, der Aufwand sei zu gross. Wir haben in den letzten Jahren einiges unternommen, um die Belastung dank einfacheren Meldeverfahren und elektronischer Datenlieferung zu reduzieren. Vollerhebungen wie früher machen wir schon lange nicht mehr. Und wir achten darauf, dass nicht die gleiche Firma mehrmals hintereinander befragt wird. Die meisten Unternehmen wissen um den praktischen Nutzen unserer Statistiken – etwa bei der Wahl neuer Standorte, bei Vergleichen mit Mitbewerbern, der Berechnung der Personalkosten oder der Verfügbarkeit von Fachspezialisten.

Tatsache bleibt, dass die KMU profitierten, würde der administrative Aufwand verringert.
Das Bürokratiemonitoring zeigt, dass der Aufwand, den wir den Unternehmen bereiten, unter 8 Millionen Franken pro Jahr liegt. Gemessen an den 9,2 Milliarden Franken Totalaufwand, die der Staat den Unternehmen verursacht, sind unsere Statistiken also sehr billig.

Das ist ein Standardkniff gegen jede Sparmassnahme: Man relativiert ihren Effekt, indem man ihn einer viel höheren Zahl gegenüberstellt.
Das Gesamtbild ist aber wichtig. Das BFS erhebt Daten für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Es wäre eine Ungleichbehandlung, wenn wir das nicht mehr dürften, andere hingegen schon. Privatfirmen und Verbände, die Daten erheben, behalten diese für sich. Das BFS dagegen macht sie allen zugänglich. Alle unsere Statistiken sind vom Parlament bestellt. Wir arbeiten weiter daran, die Belastung für die Befragten zu reduzieren.

Wie erklären Sie sich dann den Entscheid des Nationalrats?
Ich interpretiere dies als Signal an uns, dass die Zahl der Befragungen weiter reduziert werden soll. Und zwar unabhängig davon, ob die Motionen im Ständerat durchkommen. Es ist unser Ziel, weniger Befragungen zu machen und stattdessen die bestehenden Erhebungen und Datenbanken besser zu nutzen. Dafür braucht es aber Gesetzesänderungen.

An welche Datenbanken und Gesetze denken Sie?
In den nordischen Ländern hat die öffentliche Statistik seit Jahrzehnten relativ leichten Zugang zu den bestehenden Administrativregistern. Man stellt ihnen «Schnappschüsse» aus den Datenbanken zur Verfügung, beispielsweise aus den Steuer- und Arbeitslosenregistern. Die öffentliche Statistik bearbeitet diese und veröffentlicht anschliessend komplett anonymisierte Statistiken. Ein solches System wurde in den letzten Jahren auch in der Schweiz eingeführt. Wir haben schon einiges erreicht bei der Nutzung von Registerdaten: Bei der Volkszählung etwa gibt es seit dem Jahr 2000 keine Vollerhebungen mehr, was die Befragten und die Kantone entlastet. Stattdessen erhalten wir Auszüge aus den Einwohnerregistern. Im Unternehmensbereich aber haben wir noch grosses Potenzial, etwa bei den kantonalen Steuerregistern. Da wir heute keinen Einblick haben, müssen wir die Daten bei den Unternehmen selber erheben. Unsere hohen Anforderungen an den Datenschutz sind bei jeder Variante selbstverständlich garantiert.

Geben Sie dem Bundesrat entsprechende Inputs?
Beim Stabilisierungsprogramm des Bundesrats haben wir entsprechende Vorschläge eingebracht. Jetzt wird sich zeigen, was man umsetzen will. Andere Erleichterungen sind bereits umgesetzt: So dürfen wir die AHV-Nummern anonymisiert für unsere Statistiken nutzen.

Sehen Sie andere Möglichkeiten, um die Firmen schonen zu können?
Ja, eine ganz simple: Alle Befragungen der Bundesverwaltung, auch jene der anderen Bundesämter, könnten künftig durch uns koordiniert werden. Damit könnten Firmen und Personen vom Befragungsaufwand weiter entlastet werden. Für unser Amt würde das allerdings einen gewissen Mehraufwand bedeuten.

Müssen wir eigentlich damit rechnen, dass in Zukunft immer mehr Lebensbereiche statistisch durchleuchtet werden?
Die Erfahrung zeigt, dass es leichter ist, eine neue Statistik einzuführen, als eine bestehende abzuschaffen. Wenn es eine Statistik einmal gibt, wollen viele Leute auf den Mehrwert nicht mehr verzichten. Die Tourismusstatistik zum Beispiel haben wir vor einigen Jahren aus Spargründen abgeschafft. Wir mussten sie wenig später aufgrund dringender Nachfrage und mit finanzieller Unterstützung der Tourismusbranche wieder einführen – aufwendiger und teurer als früher ...

Nennen Sie uns ein paar Statistiken, die uns in Zukunft neu erwarten.
Wir können Bildungsverläufe nachzeichnen und so das Steuerungswissen verbessern: Wie durchlässig ist das Bildungssystem? Funktioniert es so, wie wir es gedacht haben, oder müssen Korrektive geplant werden? Bei den Ärzten werden die ambulanten Leistungen erfasst, die Grenzgängerstatistik wird erweitert. Und der Bundesrat hat uns dieses Jahr beauftragt, die Umfrage «Zusammenleben in der Schweiz» zu übernehmen, die man bisher als GFS-Rassismus-Monitoring kannte.

Wie muss man sich einen typischen BFS-Mitarbeiter vorstellen? Als Tabellenfetischisten?
Wir sind eine sehr heterogene Gruppe. Sie finden hier vom Erbsenzähler bis zum Community-Freak jeden Menschenschlag. Bei den Geschlechtern sind wir genau halbe-halbe, und wir haben rund 50 Prozent Romands, 50 Prozent Deutschschweizer. Es gibt hier sehr viele Berufsgruppen, etwa 70 Prozent Akademiker. Das Einzige, was uns wirklich alle eint, ist die Leidenschaft für die Statistik.

Sie selber haben Ihr Amt unter turbulenten Umständen angetreten. Ihr Vorgänger hat sich mit der Belegschaft verkracht und musste gehen. Ist alles wieder ruhig?
Ich war in der Zeit meines Vorgängers nicht hier angestellt und kenne sie nur vom Hörensagen. Anfänglich war wohl das Vertrauen in die Führung angeschlagen. Mittlerweile zeigen Umfragen, dass die Arbeitszufriedenheit gestiegen ist und dass wir im Vergleich zur übrigen Bundesverwaltung solid abschneiden.

Und wie beschreiben Sie einem Aussenstehenden jetzt in wenigen Sätzen das Reich, das Sie führen?
Wir machen hier eine Art Geschichtsschreibung, basierend auf Zahlen. Anders als Universitäten richten wir uns bei Ansatz und Methode nicht auf jeweils aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen aus. Was wir produzieren, sind sozusagen Zahlen für die Ewigkeit.

Erstellt: 13.10.2015, 07:13 Uhr

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