Wir Scheinzwerge

Warum die Schweiz in der Welt nicht mehr vorkommt. Oder nur noch als Fantasie von Rechtspopulisten und linken Verächtern.

Zu Gast im schattigen Winkel: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kam im September nach Bern. Foto: Peter  Klaunzer (Keystone)

Zu Gast im schattigen Winkel: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kam im September nach Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Als der französische Fluxus-Künstler Ben Vautier 1992 das Motto «La Suisse n’existe pas» an den Schweizer Pavillon der Weltausstellung von Sevilla pinselte, war das noch eine Provokation, eine, an der sich das Land danach jahrelang abarbeitete. Heute beschreibt der Satz lediglich die Wirklichkeit. Die Schweiz existiert nicht – wenigstens nicht, wenn man vom Ausland auf sie blickt. Beobachter in verschiedenen Ländern Europas berichten, dass noch nie so wenig über die Schweiz berichtet worden sei wie heute.

Selbst vor einer angeblichen «Richtungswahl» bemühen sich ausländische Journalisten kaum noch um eine eigene, originelle Sicht auf das Land, das da wählt. In Deutschland, wo das Interesse am Sonderling Schweiz noch am grössten ist, fiel kaum ein Beitrag durch mehr als gepflegte Routine auf. Für Aufsehen sorgte bezeichnenderweise einzig die Wutrede eines Schweizers: Lukas Bärfuss in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

In Österreich, das der Schweiz angesichts von Grösse und Verfasstheit ja im Grunde verwandter ist als der Koloss Deutschland, stammte der interessanteste Beitrag vom Schriftsteller Robert Menasse, interviewt von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In Italien und Frankreich ist das Bild ganz ähnlich. Schweigen – oder manikürtes, als Anteilnahme getarntes Desinteresse.

Dass es nicht darauf ankommt, ob man auf die Schweiz achtet oder nicht, ist aus europäischer Sicht leicht verständlich. Zwanzig Jahre Sonderfallhandeln und -denken haben die Schweiz ins Abseits geführt. In den Schatten der Geschichte, wo das Licht der Aufmerksamkeit nur noch selten hinfällt (und wenn, dann meist unangenehm). Man braucht nur zu vergleichen. Deutsche, Franzosen oder Polen haben sich in den Jahren der Eurokrise intensiv mit einem Staat wie Griechenland befasst, der im Vergleich zur Schweiz wirtschaftlich nahezu unbedeutend ist. Griechenlands Geschichte, sein Sozialsystem, seine Wirtschaft und Mentalität, seine Schulden, seine Politik und Politiker – alles war für Europa unversehens und auf lange Zeit bedeutsam. Kein Tag verging, ohne dass europäische Leser die Griechen als jene Nachbarn wahrnehmen konnten und mussten, die sie sind.

In der Flüchtlingskrise, um ein anderes Beispiel zu geben, verwandelt sich unmittelbar in deutsche Innenpolitik, was immer in Ungarn, Österreich, Schweden, Frankreich oder der Türkei gerade geschieht. Entsprechend gross sind das gegenseitige Interesse und das Bewusstsein der gemeinsamen Verantwortung und Bestimmung, was immer man ansonsten über die angeblich fehlende «europäische Öffentlichkeit» lamentieren mag.

Die Leerstelle im Zentrum

Die Schweiz ist im Vergleich dazu ein schwarzes Loch – die Leerstelle im Zentrum der Infografiken, die in europäischen Zeitungen den Kontinent zeigen, sein Zusammengehören behaupten und seine Zukunft verhandeln. Es ist das Land, das nicht existiert, weil es sich auch an den Statistiken meist nicht beteiligt. Die Schweiz hat nicht nur immer weniger zu sagen in der Welt. Sie steht mittlerweile in Europa schon so lange abseits, dass auch die europäischen Erzählungen über sie zunehmend verstummen.

Es ist kein Widerspruch zu diesem Befund, sondern vielmehr eine paradoxe Folge, dass die Schweiz dafür in der Fantasie mancher Europäer eine immer singulärere Rolle spielt. Als Leinwand für Projektionen taugt das Land der Berge, Uhren, Kühe formidabel. Beneidenswert reich, beeindruckend stabil, unverschämt unabhängig – für Europas Rechtspopulisten und Ultraliberale ist die Schweiz längst zum Sehnsuchtsort geworden. An der Schweiz soll ihrer Ansicht nach Europa genesen und die verhasste EU zerschellen. Direkte Demokratie, so hoffen sie, würde im Nu alle gesamteuropäische Gemeinschaft und Verantwortung zerstäuben und den Kontinent wieder in jene Vaterländer zerlegen, die sie seit je für den einzig legitimen politischen Fluchtpunkt halten.

Europa wäre nach dieser Fantasie aus lauter Inseln der Glückseligkeit geformt wie der Schweiz: resolut egoistisch, in Kontakt miteinander nur, wenn es etwas einträgt. Der rechte Publizist und Politiker Roger Köppel ist für diese Denkart der ideale Botschafter. Seine Auftritte in Diskussionssendungen am Deutschen Fernsehen beflügeln die Schweizfantasien unserer Nachbarn stärker und nachhaltiger, als es ein Schweizer Aussenminister je vermöchte. Fantasien inspirieren nicht nur die rechten Verehrer, sondern auch die linken Verächter. Es sind Zerrbilder der Niederträchtigkeit, in denen die Schweiz als Inbegriff amoralischer Windigkeit und Geschäftemacherei erscheint, als Hort von schmutzigen Geldern, korrupten Funktionären, gierigen Ölhändlern.

«Gerissener Gnom», «Rosinenpicker»

Die Schweiz tritt als gerissener Gnom auf, der gerne im Hintergrund bleibt, aber bei jedem Deal den Fuss in der Tür oder die Hand in der Tasche des Gegenübers hat. In Europa ist das Land als Rosinenpicker berüchtigt, der nur mitmachen will, wo es ihm passt, auf der Weltbühne als Streber, der sich nirgends richtig beteiligt, aber überall mitspielen will.

Lukas Bärfuss hat in seinem Einspruch diese Schweiz exemplarisch charakterisiert: als eine, die die Kräfte, die das 21. Jahrhundert formen, erfolgreich ignoriert, ihre europäische Zukunft beschweigt und dafür lieber im Stillen Gesetze aus Brüssel oder Washington nachvollzieht. Es handelt sich um einen flagranten Fall politischer Selbstverzwergung. «Ein Volk von Zwergen will man hierzulande sein und bleiben. Darauf besteht man durch alle sieben Böden und bis ins hinterste Tal.»

Was bleibt von der Schweiz, wenn sie in den Augen ihrer europäischen Nachbarn zur Bedeutungslosigkeit schrumpft – oder von ihr nur noch die Rede ist, wenn sie zum Wunschbild idealisiert oder zum Gnom dämonisiert wird? Erstaunlich viel. Die Schweiz existiert. Trotz allem. Sie ist materiell spektakulär erfolgreich und von den Gräueln der Geschichte wundersam verschont geblieben. Das Land ist auch kein Zwerg. Eher ein Scheinzwerg, wie man in Anlehnung an Michael Endes Scheinriesen, Herr Tur Tur in «Jim Knopf», sagen könnte.

Die Schweiz mag aus der Ferne winzig aussehen. Sie wird aber immer grösser, je näher man ihr rückt. Dumm nur, dass nicht mehr sehr viele Neugierige unterwegs sind zu diesem schattigen Winkel, in dem die Schweiz wartet.

Erstellt: 16.10.2015, 19:33 Uhr

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