Wir sollten die Unabhängigkeit der Presse bewahren

Medienprofessor Otfried Jarren schreibt, dass Journalismus finanziert werden muss. Die Frage ist nur: Wie?

Medien werden anders genutzt als früher. Was heisst das für deren Subventionierung? Foto: Getty Images

Medien werden anders genutzt als früher. Was heisst das für deren Subventionierung? Foto: Getty Images

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Für guten Journalismus sollen wir zahlen, schrieb Medienprofessor Otfried Jarren in der Ausgabe von gestern. Er liess jedoch offen: Wer soll zahlen? Der Staat, also der Steuerzahler? Oder war es ein Appell ans Publikum? Werbung für Onlineartikel, die heute verkauft werden? Jedenfalls hat Jarren, der die Medienpolitik seit Jahrzehnten im Hintergrund mitprägt, recht: Journalismus sollte uns teuer sein. Allein schon die Anwesenheit unabhängiger Medien und ausschwärmender Journalisten diszipliniert Politik, Verwaltung und Behörden. Und die Demokratie fusst auf der Freiheit, zu informieren und Informationen zu empfangen.

Es stellt sich allerdings die Frage: Hat Journalismus dieselbe Wirkung und Glaubwürdigkeit, wenn er staatlich finanziert wird? Die totale Unabhängigkeit gibt es natürlich nicht. Jedes Medium wird von jemandem finanziert. Und schon heute wird ein grosser Teil des schweizerischen Medienschaffens subventioniert, nämlich die SRG. Auch wenn das Geld nicht aus der Staatskasse kommt, sondern über einen anderen Kanal fliesst.

Einst warfen Zeitungen satte Gewinne ab

Die Politik könnte zum Schluss kommen, dass die Presse ebenso direkt unterstützt werden müsse, weil sie sonst verschwindet. Bei mehreren Parteien und Politikern ist das derzeit ein Thema. Heute werden nur Radio und Fernsehen subventioniert, während Zeitungen von indirekten Erleichterungen profitieren, bei den Posttarifen und der Mehrwertsteuer. Der Verfassungsgeber hat einst entschieden, Radio und Fernsehen zu fördern, die Presse jedoch nicht. Dies deshalb, weil die Massenmedien Radio und Fernsehen als gefährlicher galten und reguliert werden sollten.

Weiter konnten diese Medien nur hochgradig defizitär betrieben werden, während Zeitungen damals ihren Besitzern satte Gewinne einbrachten. Heute ist das komplett anders. Die Erstellung von Radio- und Fernsehinhalten ist günstiger geworden, die Herstellung von Zeitungen dagegen im Vergleich zu früher überproportional teuer. Und das neue Massenmedium, das demnach als Erstes reguliert und subventioniert werden müsste, ist das Internet.

«Die disziplinierende Wirkung der Medien hat auch etwas mit deren Unabhängigkeit zu tun.»

Dieses Tabu der direkten Presseförderung könnte man vor dem Hintergrund der veränderten Verhältnisse also aufbrechen. Doch die Politik sollte sich das aus einem anderen Grund gut überlegen. Denn die disziplinierende Wirkung der Medien hat auch etwas mit deren Unabhängigkeit zu tun. Ist die Journalistin, die im Gemeinderat sitzt und die Debatte verfolgt, befangen, weil der Gemeinderat einen wiederkehrenden Unterstützungsbeitrag für ihre Zeitung spricht, dann ändert dies etwas im Machtgefüge.

Zeitungen waren in der Schweiz bis Ende der Sechzigerjahre Parteiorgane, bis auf wenige Ausnahmen. Im Zuge des gesellschaftlichen Aufbruchs begannen sie sich von ihren Geld- und Themengebern zu emanzipieren. Im selben Zeitraum hat auch die Gesellschaft einen grossen Schritt gemacht. Frauen bekamen das Stimmrecht, Eheleute wurden einander rechtlich gleichgestellt, gesellschaftliche Zwänge verschwanden, Hierarchien lösten sich auf, in der Familie und im Berufsleben. Diese Entwicklung ging mit der Befreiung der Presse einher.

Subventionskuchen neu verteilen

Eine subventionierte Presse – wäre es eine Rückkehr zu autoritär-verknöcherten Strukturen von vor 1968? Wohl nicht eins zu eins. So holzschnittartig funktioniert Geschichte nicht. Aber es würde zweifellos etwas verändern.

Die Politik kann viel für Zeitungen machen, bevor sie überhaupt einen Franken Subventionen spricht. Und wenn sie tatsächlich zur Tat schreiten will, wie Otfried Jarren ihr das womöglich nahelegt, und sich ein Subventionsmodell ausdenkt, dann gäbe es noch die Möglichkeit, den heutigen Mediensubventionsbetrag neu aufzuteilen. Die rund 1,3 Milliarden Franken, die heute grösstenteils an die SRG fliessen, zu einem kleinen Teil an private Radio- und TV-Stationen sowie durch indirekte Förderung an Zeitungen, könnten innerhalb der Medienbranche neu und breiter verteilt werden. Damit würde die Abhängigkeit der Medien von der Politik nicht grösser, insgesamt.

Otfried Jarren schreibt noch etwas Wichtiges: Zentral sei die Qualität. Sie müsse stimmen (leider weiss der Leser dies erst im Nachhinein, er muss also den Artikel im Sack kaufen). Hier können wir Journalisten den Erfolg mitgestalten. Wir müssen an der Qualität arbeiten, indem wir aufklären und Transparenz schaffen, fair, möglichst unvoreingenommen und bei der Sache bleiben, die Kommentare auslagern.

Und: Wir sollen attraktiv schreiben. Jarrens Artikel etwa beginnt fesselnd, zieht den Leser sofort hinein, er wird dann aber bald technisch, kommt ins Dozieren. Wie das oft vorkommt bei 8000-Zeichen-Texten. Ein Fehler, den wir immer wieder machen.

Es gibt noch Potenzial.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.02.2019, 16:37 Uhr

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