«Wir spielen nicht mit dem Bevölkerungsschutz»

Die Wetterwarnungen der letzten Tage waren vor allem in zwei Kantonen ziemlich eindringlich. Stumpft die Bevölkerung ab?

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Wetterdienste sind im Smartphone-Zeitalter allgegenwärtig. Mit Push-Nachrichten erscheinen massgeschneiderte Unwetterwarnungen auf dem Handy. «Windböen in deiner Stadt», «Gefahr von Erdrutschen und Murgängen», «Meide die Nähe zu Gewässern» – solche Alarme sind zur Gewohnheit geworden.

Was sollen aber die Meteodienste tun, wenn Stürme und Niederschläge eine besonders grosse Lebensgefahr bergen?

Wetteralarm im Wallis und im Tessin

Während sich private Wetterdienste eher zurückhielten, alarmierten die Behörden mit mehr Nachdruck. Die Walliser Polizei etwa warnte vor einem «aussergewöhnlichen Grosseregenereignis».

Unter der Überschrift «Wetteralarm» betraf die Warnung vor Murgängen, Felsstürzen, Flussüberläufen grossräumige Gebiete. 35 kommunale und regionale Führungsstäbe beobachteten die Situation. Der Bevölkerung riet die Polizei unter anderem, aufs Autofahren zu verzichten.

«Vermeiden Sie unnötige Fahrten. Vermeiden Sie Wanderungen und andere Outdoor-Aktivitäten», hiess es. Auch die Tessiner Polizei riet den Bewohnern des Sopraceneri dazu, «das private Fahrzeug nur zu benutzen, wenn es unbedingt notwendig ist».

Folgen die Behörden den Tendenzen der Medien, oder nehmen sie sich die Rhetorik US-amerikanischer Gouverneure zum Vorbild, die mit teilweise dramatischen Todeswarnungen ihre Einwohner zur Flucht vor einem Hurrikan zu bewegen versuchen? Oder der US-Wetterbehörde Noaa, die vor lebensbedrohlichen Sturmfluten warnt?

Gefahr der Abstumpfung

Bei der Tessiner Kantonspolizei heisst es auf Anfrage, dass es sich im Fall der Wetterwarnung vom Wochenende um Empfehlungen handle, die bei einer Gefahr der Stufe vier ausgesprochen würden.

Im Kanton Wallis wurde die Wetterwarnung am Dienstagmittag aufgehoben. Das Fazit: Obwohl keine grösseren Schäden zu verzeichnen seien, habe es sich bei den Niederschlägen und Winden um kein gewöhnliches Ereignis gehandelt.

Beim Kantonalen Führungsorgan (KFO) ist man überzeugt, mit der Warnung nicht übertrieben zu haben. So habe man im Gegensatz zum Kanton Tessin keinen Alarm ausgegeben, sagt Claude-Alain Roch vom KFO. Er glaube nicht, dass die Warnungen und Empfehlungen die Bevölkerung abschrecken würden.

Auch Touristen zu berücksichtigen

«Wir spielen nicht mit dem Bevölkerungsschutz», sagt Roch. Hinter den Entscheidungen des KFO stünden Prognosen von Fachspezialisten. «Im Nachhinein ist es immer einfacher zu beurteilen, als vorher.» Als Tourismuskanton warnt man laut Roch lieber zu viel als zu wenig.

Die Prävention beruhe auf den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte. Deshalb habe man auch davor gewarnt, Naturereignisse zu filmen und sich etwa für ein Internetvideo in Gefahr zu bringen. Zudem habe man laut Roche aus der Bevölkerung bislang positive Rückmeldungen erhalten.

Auch die Wetterdienste müssen Fingerspitzengefühl haben. «Wir alarmieren weder zu häufig noch zu sparsam», sagt Peter Wick, CEO von Meteonews. Er macht sich allerdings Sorgen um eine Überwarnung. So denke er, «dass die Bevölkerung durch zu viele Warnungen abgestumpft wird oder diese nicht mehr genügend ernst nimmt».

«Eine Grundsatzfrage»

Auch mit Verhaltensempfehlungen ist laut Wick Vorsicht angezeigt. «Wenn es angebracht ist, die Bevölkerung vor umstürzenden Bäumen zu schützen, dann raten wir beispielsweise vor Spaziergängen im Wald ab.»

Ob etwa ein Gewitter warnwürdig ist, sei eine Grundsatzfrage, sagt der Meteorologe. «Ein Gewitter ist ein regelmässig auftretendes Wetterereignis, mit dem die Menschen auch umgehen können.» Auch Platzregen oder Windböen seien «eigentlich nichts Abnormales». Deshalb müsse man mit der Wortwahl sensitiv sein.

«Wir achten nicht auf andere Wetterdienste, sondern bearbeiten unsere Region so, wie wir es für richtig erachten.» Auf die Frage, ob die Medien manchmal übertreiben, sagt Wick: «Wenn wir etwas für wichtig halten, gehen wir auf die Medien zu und versuchen, die Nachricht so breit wie möglich zu streuen.»

Erstellt: 30.10.2018, 16:51 Uhr

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