«Wir versuchen, das richtige Mass zu finden»

Charlotte Christener, Präsidentin der Kesb Stadt Bern, hält die Kritik für nicht gerechtfertigt.

Werden als zu wenig menschlich wahrgenommen: Ein Mitarbeiter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) bearbeitet Unterlagen an einem Computer (Archiv). Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Was halten Sie vom Kesb-Bericht des Bundesrats?
Ich freue mich, dass der Bundesrat grundsätzlich keinen Handlungsbedarf sieht. Wenn behauptet wird, Angehörige würden generell nicht genügend einbezogen, stimmt das schlichtweg nicht.

Das hört man aber oft. Etwa, dass die Kesb lieber Profibeistände einsetzen als Angehörige, denen sie mehr erklären müssten.
Ich schliesse solche Fälle nicht aus. Aber bei uns im Kanton Bern sind sie wenig wahrscheinlich. Besonders Altersbeistandschaften werden hier mehrheitlich von Angehörigen beziehungsweise Privatpersonen geführt. Die Sozialdienste haben zudem ein Beratungsangebot für private Mandatsträger. Angehörige, die sich engagieren wollen, können das sehr gerne, sofern sie nicht beispielsweise selbst hoch verschuldet, vorbestraft oder landesabwesend sind.

Wie werden nahestehende Personen in anderen Kantonen beigezogen?
Generell weiss ich es nicht. Sicher ist es auch eine Frage der Haltung. Die Kesb haben aber grundsätzlich Vertrauen in die Angehörigen. Diese leisten einen unschätzbaren Dienst für die Gesellschaft. Trotzdem kann es vorkommen, dass ­etwas schiefläuft, wenn Angehörige als Beistände eingesetzt werden. Dass zum Beispiel Ergänzungsleistungen eines behinderten Erwachsenen für die Sanierung der Küche verwendet werden statt für seine Therapie. Um so einen – sicher seltenen – Fall zu verhindern, müssten die Kesb von den Beiständen immer Berichte verlangen. Aber wie gesagt, bei uns wird Vertrauen grossgeschrieben.

«Wir müssen Anwälte, Sozialarbeiter und Treuhänder sein, medizinisch und psychiatrisch geschult, mit Lebenserfahrung. Das müssen Sie erst einmal finden.»Charlotte Christener

Ein Fall aus dem Kanton Bern: Zwei Brüder wollten sich um den betagten, urteilsunfähigen Vater kümmern. Die Kesb verhinderte es. Die Familie ist schwer enttäuscht. Was sagen Sie dazu?
In solchen Fällen wünschen wir uns, dass die Familie direkt bei der Behörde nachfragt und reklamiert, wenn sie einen Entscheid nicht nachvollziehen kann. Über den konkreten Fall kann ich nur mutmassen: Es wird einen Grund ­gegeben haben. Zum Beispiel, dass die Söhne schwer zerstritten waren. Oder dass der Vater den Behörden sagte, er wolle nichts mit den Söhnen zu tun haben. Jedenfalls darf es nicht sein, dass Betroffene nicht wissen, warum ein Entscheid angeordnet wurde.

Die Kesb werden als zu wenig menschlich wahrgenommen.
Wir versuchen, das richtige Mass zwischen Bürgernähe und juristisch korrektem Vorgehen zu finden. Allerdings muss man uns auch Zeit geben. Den Beruf des Kindes- und Erwachsenenschützers gibt es erst seit vier Jahren. Wir müssen Anwälte, Sozialarbeiter und Treuhänder sein, medizinisch und psychiatrisch geschult, mit Lebenserfahrung. Das müssen Sie erst einmal finden.

Eine Volksinitiative will das System umkehren: Die Familie hätte die Verfügungsgewalt, vor der Kesb.
Zum grossen Teil ist das heute schon so. Wenn die Familie da ist, kommt die Kesb nicht auf den Plan. Das frühere Vormundschaftsrecht hat viel zu stark eingegriffen und die Leute zu schnell bevormundet. Heute haben wir einen Mittelweg für verhältnismässige Lösungen.

Erstellt: 30.03.2017, 07:14 Uhr

Charlotte Christener
Die 45-jährige Anwältin arbeitet seit 18 Jahren im Kindes- und Erwachsenenschutz. Seit Mai 2016 ist die zweifache Mutter Präsidentin der Kesb Stadt Bern.

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