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Wissenschaftlich haltlos, juristisch unbrauchbar

Die Schweizer Bundesverfassung verbietet Diskriminierung aufgrund der «Rasse». Das ist überholt. Wir sollten das Wort streichen – wie Frankreich.

Keine Schädelvermessung kann die «Rasse» eines Menschen verraten. Bild: Keystone
Keine Schädelvermessung kann die «Rasse» eines Menschen verraten. Bild: Keystone

Frankreichs Nationalversammlung hat letzte Woche einstimmig beschlossen, das Wort «Rasse» («race») aus der Verfassung zu tilgen und durch «Geschlecht» («sexe») zu ersetzen. Neu wird es in Artikel 1 heissen: «Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik. Sie gewährleistet die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz – ohne Unterschied des Geschlechts, der Herkunft oder der Religion.» Das muss reichen.

Der Entscheid ist richtig. Die Idee von menschlichen Rassen ist nicht nur veraltet, sondern wissenschaftlich haltlos, politisch irreführend und juristisch unbrauchbar. Menschen­rassen gibt es nicht. Niemand ist nach biologischen Kriterien eindeutig «weiss» oder «schwarz», «Kaukasier» oder «Mongole», «Jude» oder «Indianer». Kein Bluttest und keine Schädelvermessung kann die «Rasse» eines Menschen verraten. Genetisch sind wir alle zu 99,9 Prozent gleich. Klar gibt es Unterschiede, der Mensch ist dick und dünn, schlau und doof, braun und bleich. Doch er ist immer nur einer Art zugehörig: Homo sapiens.

Bei «Rasse» geht es gerade nicht um den innersten Bauplan der Menschen, sondern um deren äussere Hüllen, um Hautfarbe, den Phänotyp. Barack Obama gilt als der erste schwarze Präsident der USA – auch wenn seine Mutter eine ziemlich weisse Frau aus Kansas war. Weiss? Schwarz? Rot? Es ist immer der Blick der anderen, der entscheidet, nicht die DNA.

In Wissenschaft und im Alltag aber ist «Rasse» seit den Nazis diskreditiert.

Gelehrte des 18. und 19. Jahrhunderts teilten die Menschheit in Rassen ein, dichteten jeder auch typische Schwächen und Tugenden an. Immer stand dabei der zivilisatorische Auftrag im Zentrum: Primitive Rassen sollten beherrscht werden. Zum Exzess trieben dies im 20. Jahrhundert die Nationalsozialisten. In ihrem Rassenwahn ermordeten sie Millionen. Wegen der Verbrechen der Nazis steht «Rasse» seit 1946 in der französischen Verfassung. Man wollte Distanz zur Rassenpolitik der Nazis und des Vichy-Regimes markieren. Nicht bei uns.

In Wissenschaft und im Alltag aber ist «Rasse» seit den Nazis diskreditiert. Nur im Begriff «Rassismus» lebt sie fort, also wenn es um ewig gestriges Denken geht. Anders ist es im angelsächsischen Raum, wo «race» weiter sorglos verwendet wird, etwa in der US-Volkszählung. Was das Konzept dort aber genau heissen soll, bleibt offen. Man kann neben sechs Rassen auch diverse «Ethnizitäten» und «Abstammungen» ankreuzen. Es geht nur um eins: Als was siehst du dich? Was willst du sein?

Die Einwände taugen nichts

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat sich für die Streichung der «Rasse» aus der Verfassung ausgesprochen. Das bringt ihm Kritik ein: Er wolle die Welt schönreden, heisst es, die Diskriminierung von Schwarzen, Arabern, Juden sei doch Realität in Frankreich. Rassismus werde nicht verschwinden, wenn das Wort «Rasse» getilgt werde. Doch die Einwände taugen nichts. Diskriminiert wird wegen des Aussehens, der Herkunft, des Glaubens und, ja: des Geschlechts. Das soll verboten bleiben. Den pseudobiologischen Rassenbegriff braucht es dafür nicht. Das Wort sollen die Hasser gebrauchen, nicht der Staat.

In der Schweiz ist Diskriminierung wegen «Rasse» durch Artikel 8 der Bundesverfassung verboten. Das ist gut gemeint, aber gehört geändert. Wenn Rasse eine amtliche Kategorie ist, stärkt das nur die Rassisten.

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