Lieben und Leiden in der Schweiz

Die Kartografin Barbara Piatti zeigt, welche Schauplätze in der Schweizer Literatur vorkommen – und was das über das Land aussagt.

Beschriebene und unbeschriebene Flächen: Die Karte finden Sie im Anschluss des Interviews in höherer Auflösung, samt detaillierter Legende.

Beschriebene und unbeschriebene Flächen: Die Karte finden Sie im Anschluss des Interviews in höherer Auflösung, samt detaillierter Legende.

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Frau Piatti, wo in der Schweiz wird geliebt, wo gestorben in der Literatur?
Es gibt, ganz grundsätzlich, beschriebene und unbeschriebene Flächen. Wie überall wurden die Städte zu literarischen Gravitationszentren, aber auch – und das ist eine Besonderheit für das Transit- und Touristenland Schweiz – Landschaften, die sehr berühmt sind, zum Teil auch erst durch die Literatur berühmt geworden sind, wie der Genfersee, das Berner Oberland, die Zentralschweiz und Graubünden. Dort spielt die Literatur. Und je nachdem, wie man die Autoren, die Themen und Werke gewichtet, kommt es dann zu Ballungen. Man kann aber nicht sagen: Die Liebe ballt sich in Luzern und das Verbrechen im Tessin.

Gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen der Topografie eines Ortes und der Romanhandlung, die sich dort abspielt?
Auf jeden Fall. Ich habe die Gebirgstopografie besonders intensiv untersucht. Dort ist es häufig so, dass die Landschaft selbst zum Akteur wird, im guten, meist aber im schlechten Sinne. Da passieren Katastrophen wie Erdrutsche, Überschwemmungen, Lawinen oder Schneestürme – zum Beispiel in «Pilatus» von Heinrich Federer, wo der Ort schon im Titel genannt wird und zum Gegenspieler des Protagonisten wird, oder die Bergsturzgeschichte «Derborence» von Charles-Ferdinand Ramuz.

Kann man sagen: «Je dramatischer die Landschaft, desto dramatischer die Handlung»?
Kann man. Nehmen wir Schillers «Wilhelm Tell»: Natürlich spielen da die unendlich langen Wege eine Rolle, die zurückgelegt werden müssen, immer und überall ist Gefahr im Verzug, Berge müssen überwunden und Passstrecken begangen werden, und das trägt natürlich zur Dramatik bei. Wenn das alles in einem überschaubaren Areal von drei Bauernhöfen im Flachland passierte, hätte es vermutlich nicht dieselbe Kraft. Andererseits spielen sehr viele berühmte Kriminalromane und Thriller eher im Flachland, in den Städten.

«Seen sind eine Bühne in Bewegung, das macht sie für Schriftsteller so interessant.»

Gibt es auch «liebe» Landschaften?
Oh, natürlich gibt es auch Kulissen, die sich sehr für die Liebe eignen. Der Genfersee ist eine grosse Liebeskulisse, seit Jean-Jacques Rousseau seinen Briefroman «Julie oder die neue Heloise» dort spielen liess. Da wurde die Landschaft als Liebespark für die unmögliche amouröse Verbindung zwischen dem Hauslehrer Saint-Preux und seiner adeligen Schülerin besetzt. Später kommen dann weitere grosse Autoren wie Casanova, Mary Shelley, Arthur Hemingway oder F. Scott Fitzgerald dazu. Aber natürlich geschehen auch Verbrechen und Mord in der Genferseeregion. Wie gesagt: So klar kategorisieren kann man das nicht.

An Seen, schreiben Sie in Ihrem Buch «Die Geographie der Literatur», sei literarisch besonders viel los. Gilt das für die Schweiz oder generell? Und warum?
Richtig gut kenne ich mich nur in der Schweiz aus, und da stimmt es absolut. Der Vierwaldstättersee ist ein Gravitationszentrum, der Genfersee, der Zürichsee auch. Warum? An Seen lässt sich literarisch-dramaturgisch besonders viel machen. Da ist ein grosses Angebot an Schauplätzen und Dynamik: Stürme und liebliche Sonnenaufgänge, weite Himmel, tiefe Wasser und Wellen. Seen sind eine Bühne in Bewegung, das macht sie für Schriftsteller so interessant. Die Kulissen wechseln häufig, es gibt dramatische Wetterumschläge.

«Die Karte ist das Portal zwischen Fiktion und Realität»: Literaturgeografin Barbara Piatti über die Faszination einer literarischen Karte.

Man kann auch ertrinken.
Ja, aber auch einfach nur am Seeufer sitzen oder sich wünschen, dass man woanders wäre. Interessant finde ich die transformierten Seen. Die Schweizer Gewässer sind ja, abgesehen vom Genfersee und vom Bodensee, relativ klein. Aber es gibt eine Tendenz – gerade in der Literatur, die in der kleinen, engen Schweiz spielt –, dass diese Seen sich ins Ozeanische erweitern, beispielsweise der Urnersee, der von fast senkrechten, kesselartigen Felswänden umgeben ist und eher einem Fjord gleicht. Max Frisch schrieb einmal, man fühle sich an seinem Ufer wie am Fusse einer Zisterne: wenig Himmel, viel Fels. Eine Reihe von Autoren, ob Gertrud Leutenegger oder Alphonse Daudet, weiten ihn zum Meer, wenn der Föhnsturm kommt und den See aufwühlt und Nebel und Gischt die Felsen verschwinden lassen. Da führt das Enge, Beklemmende zur Sehnsucht nach Weite und Grösse. Das sind interessante Phänomene einer literarischen Transformation.

«In den Hochebenen im Jura ist literarisch wenig los.»

Kann man Unterschiede feststellen, wo Schweizer Literatur spielt und wo Weltliteratur, die in der Schweiz spielt?
Ja, ziemlich genau. Touristische und literarische Erschliessung gehen da nämlich Hand in Hand. Dort, wo Touristen unterwegs sind, spielt auch die Literatur, sprich am Genfersee, im Berner Oberland, in der Zentralschweiz. Graubünden wurde touristisch später erschlossen, das blüht erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als literarische Bühne auf. Der «Zauberberg» wäre hundert Jahre zuvor gar nicht möglich gewesen, weil Davos noch kein Luftkurort war und kein Norddeutscher dort hingefahren wäre. Der früheste Schauplatz war der Genfersee mit Rousseau in den 1760er-Jahren, und das löste dann ja auch einen Literaturtourismusboom aus. Es pilgerten Massen aus ganz Europa dorthin, teils sogar aus Übersee, um die Schauplätze zu sehen. Ich will damit nicht sagen, dass Mary Shelley und Lord Byron nur wegen Rousseau da waren, aber die ganze Gegend wurde durch ihn unglaublich gehypt.

Und welche Regionen bearbeiten die einheimischen Literaten?
Wohin die Weltliteraten eher wenig gehen, ist das Hinterland, in den Aargau, ins Toggenburg, ins Appenzell. Auch das Tessin kommt erst im späten 19. beziehungsweise frühen 20. Jahrhundert. Abseits der häufig begangenen Pfade gibt es kaum Weltliteratur. Das erschliessen dann die Schweizer Literaten, unter denen natürlich auch grosse Namen zu finden sind, Friedrich Glauser zum Beispiel mit dem ganzen Mittelland oder Robert Walser. Oder die viel zu selten gelesene Corinna S. Bille, die ein sagenhaftes, elementares Wallis beschreibt.

Wo sind die literarisch weissen Flecken in der Schweiz?
Im jurassischen Bogen wäre noch so einiges zu machen. Da gibt es zwar Autoren von Format wie Jacques Chessex, aber von den Übersetzungen her sind sie immer noch eher unzugänglich und wenig bekannt. Auch in den Hochebenen im Jura ist literarisch wenig los.

«Die Karte macht das Geheimnisvolle, Unzugängliche sichtbar.»

Kommen wir zu Ihrer Methode, der Literaturgeografie. Die ist erklärungsbedürftig, hat aber prominente Vorläufer, zum Beispiel Galileo Galilei, der Dantes Höllenkreise topografisch vermessen hat. Was wollte er damit erreichen?
Die Vermessung der Literatur oder der Versuch, literarische Schauplätze mit unserer Lebenswelt in Einklang zu bringen, ist ein ähnliches Urbedürfnis wie jenes, zu den Schauplätzen selbst zu fahren und sie sich anzusehen. Die Karte ist das Portal zwischen Fiktion und Realität: Man kommt nicht an die Figuren ran, man kommt auch nicht an die Story ran, aber der Schauplatz hat eben noch gewisse Berührungspunkte mit uns. Deshalb ist das so faszinierend.

Aber ein literarischer Schauplatz ist doch eben gerade kein realer Schauplatz.
Natürlich unterscheiden sich die Sphären ontologisch, aber gerade deshalb entsteht so eine Art Kitzel. Man merkt: Da ist eben doch etwas da, ein Teil der fiktionalen Welt beginnt sich zu materialisieren. Man kann, glaube ich, nicht in Abrede stellen, dass man die «Buddenbrooks» anders liest, wenn man einmal in Lübeck war. Die postmoderne Literaturwissenschaft hat lange, aber erfolglos versucht, die beiden Sphären – die reale und die literarische – völlig voneinander abzutrennen. Ich halte das für nicht sehr klug.Theoretiker wie Roland Barthes leugneten ja nicht nur das Reale in der Fiktion, sondern sogar den Autor, der sie schuf.

Was ist Ihr Gegenargument?
Viele Autoren, auch von Weltrang, sagen, dass sie aus ihren Kindheitslandschaften schöpfen. Oder dass sie etwas mit einer konkreten Gegend vor Augen schreiben. Und für Leser wie Kritiker ist das ohnehin evident. Ich lese Schweizromane ja auch anders als jemand, der in Mumbai oder Rio de Janeiro lebt. Und umgekehrt lese ich García Márquez sicher ganz anders als ein Lateinamerikaner. Umberto Eco nennt das die «Enzyklopädie des Lesers». Das gelebte Wissen, das man schon in sich trägt, ist ganz wichtig. Es hat grossen Einfluss auf die Literaturerfahrung.

Kann man sagen, dass das Bedürfnis, eine Karte von etwas zu erstellen, dem Bedürfnis entspricht, etwas realer zu machen, als es «nur» in der Literatur aufscheint?
Unbedingt. Die Karte macht das Geheimnisvolle, Unzugängliche sichtbar.

«Seldwyla kann man also nur nach dem Ausschlussverfahren lokalisieren.»

Darum auch die Landkarten, die für die Fantasyliteratur so essenziell sind?
Natürlich. George R. R. Martins «Das Lied von Eis und Feuer», das in der Serie «Game of Thrones» verfilmt wurde, wird von seinen Fans ja mit dem Finger auf der Landkarte gelesen. Allerdings nimmt das auch bizarre Züge an. Es hat sich ein eigenes pseudowissenschaftliches Forschungsgebiet daraus entwickelt, die Spielorte von Tolkiens «Der Herr der Ringe» mit realen Landkarten abzugleichen. Das geht dann wirklich zu weit.

Wo liegt die Grenze?
Es gibt ein gängiges Muster in der Literatur, dass man von einem realen Ort ausgeht und dann erfundene Elemente in die Stadt oder die Landschaft hineinsetzt – bis sie zur Unkenntlichkeit verschwimmt. Nehmen wir Kafkas Prag. Obwohl Texte dort angesiedelt zu sein scheinen, gibt es effektiv nur zwei, und eher unbekannte Werke, die diese Verbindung wirklich zulassen. Ein anderes Beispiel ist Charles Dickens, der in seinen Romanen ein London festhielt, das, während er am Schreibtisch sass, im Begriff war, sich durch die rasende Modernisierung aufzulösen. Es gibt viele Spielarten der Kartierung eines Ortes, aber immer geht es um die Portalfunktion: um das Scharnier zwischen der Literatur und der Welt.

Haben Sie untersucht, wo Schriftsteller die Schweiz verändert haben – und wo sie sie liessen, wie sie ist?
Habe ich. Das schönste Beispiel der Verschleierung findet sich in Gottfried Kellers «Die Leute von Seldwyla»-Zyklus. Schweizerischer geht es ja fast gar nicht mehr. Aber dieses Seldwyla – das schreibt auch Keller selbst – bewegt sich wie ein Nebelwölkchen irgendwo in der Schweiz. Mehrere kleine Städte bewarben sich bei Keller regelrecht darum, dieses Seldwyla sein zu dürfen. Aber Keller sagte, nein, diese Stadt sei wie auf den Bergnebel gemalt und ziehe mit ihm weiter. Seldwyla kann man also nur nach dem Ausschlussverfahren lokalisieren: Es liegt sicher nicht in der Südschweiz, im Tessin, auch nicht in Süddeutschland, sondern irgendwo in der Deutschschweiz.

«Jede Karte, die wir schaffen, ist eigentlich eine Lüge im Dienste von irgendetwas.»

Und wo bleiben Schweizer Autoren näher an der Realität?
In der Zentralschweiz. Das ist auch mein Hauptuntersuchungsgebiet, für das ich Hunderte Texte durchforstet habe, vom 18. Jahrhundert bis heute. Da übernehmen die Autoren zu 99 Prozent, was es dort gibt: Rigi, Pilatus und Uri Rotstock, die Seearme und die paar grösseren Orte, Luzern, Brunnen, Altdorf. Nur in zwei, drei Fällen hatte der Autor das Gefühl, er müsse etwas verfremden. Zum Beispiel Carl Spitteler, unser einziger Literaturnobelpreisträger, der die Rigi nicht bloss als Rigi beschrieben hat, sondern auch mit dem Olymp überblendet, sowohl dem mythologischen als auch dem realen Berg in Griechenland. Aber das kommt eben nur selten vor. Darum kam ich zu der Aussage, dass das eine sehr starke Landschaft ist, die eigentlich alles bietet, seien es Gewässer, Passübergänge, spektakuläre Bahnstrecken oder Tunnelsysteme. Es ist alles da, was man braucht, man muss gar nichts mehr erfinden.

Sie haben Ihre Erkenntnisse auf Karten fixiert. Aber was sagen diese Karten eigentlich über die Literatur aus?
Es ist eher so, dass man damit etwas über den literarischen Umgang mit einer Region aussagen kann. Die besten Resultate erzielt man, wenn man kleine Gebiete untersucht. Eine Literaturkarte Europas bringt wenig und wäre auch von der Datenmenge her gar nicht zu schaffen. Aber wenn man sich eine eng umgrenzte Region wie die Zentralschweiz vornimmt, kann man sehen, wann was literarisch erschlossen wird – beim Vierwaldstättersee ist die alte Transitachse sehr wichtig, wo die Söldner, die Kaufleute, die Geistlichen drübergingen und später die Touristen. Wenn man das chronologisch betrachtet, stellt man fest, dass irgendwann noch die Seitentäler dazukommen. Es entfaltet sich ein Panorama der literarischen Besiedelung des Landes, das man auf einem andern Weg so nicht bekommen würde.

Erfährt man von der Literaturgeografie auch etwas über die Schriftsteller?
Auch das. In Prag habe ich deutsch- und tschechischsprachige Autoren um 1900 untersucht. Allgemein ging man davon aus, dass die Literaten sehr eng miteinander im Austausch standen. Die meisten konnten beide Sprachen, haben sich gegenseitig übersetzt, herausgegeben und in denselben Kaffeehäusern dieselben Zeitungen gelesen. Wenn man aber mal guckt, wie die literarischen Schauplätze verteilt sind, stellt man fest: Das sind zwei komplett verschiedene Geografien. Dort, wo deutschsprachige Autoren ihre Geschichten ansiedeln, sind kaum tschechische, und umgekehrt. Das ist ein gutes Beispiel für einen Kartenbefund. Möglicherweise müssen wir unser Bild korrigieren, und die Zirkel waren vielleicht doch nicht so eng. Allerdings liefern die Karten keine finalen Ergebnisse. Sie sind ein Sprungbrett zu neuen Fragestellungen. Und man muss immer wissen: Es könnte auch hundert andere Versionen geben – je nachdem, welche Daten man zugrunde legt.

Sie sagen es: Karten beruhen auf einer willkürlichen Auswahl von Daten, auch die Karte, die Sie für dieses Heft entwickelt haben. Da könnte man den Eindruck bekommen, in der Schweiz wird literarisch nur geliebt und gestorben. Wie ernst darf man diese Karte im Besonderen und auch Karten ganz allgemein nehmen?
Karten generell, das wissen wir spätestens seit Mark Monmoniers Buch «How to Lie with Maps», eignen sich hervorragend zur Manipulation. Sie können Grössenverhältnisse verzerren, Territorialgrenzen umdeuten und, weil sie so bildmächtig sind, sogar Kriege auslösen. Jede Karte, die wir schaffen, ist eigentlich eine Lüge im Dienste von irgendetwas. Es gibt nicht die richtige Karte. Die vorliegende Literaturkarte ist aber keine manipulative, riskante Karte in diesem Sinne, schliesslich geht es ihr um Literatur und nicht um Politik.

«Schiller hat sich in Weimar eine virtuelle Schweiz aufgebaut und dann aufgrund dieser Recherchen den ‹Tell› geschrieben.»

Kann jeder Karten lesen?
Es ist eine Kulturtechnik, die man lernen muss. Das sieht man bei Kindern, wenn man ihnen die ersten Male eine Karte zeigt: «Da waren wir in den Ferien, da wohnen wir.» Dann arbeitet das im Köpfchen, und es beginnen die Fragen: «Wo wohnt die Oma, wo die Tante?» Besonders interessant wird es, wenn ich an der Uni Studierende Landkarten von einem Roman selbst zeichnen lasse. Nach ein paar Strichen kommen sie am Ende des Blattes an und merken, dass es von den Dimensionen her nicht aufgeht. Und sie erkennen, dass eine ganz simple Karte eine unglaublich anspruchsvolle Abstraktionsleitung voraussetzt.

Texte sind heutzutage digital zugänglich, und ein ganzer Wissenschaftszweig arbeitet daran, sie per Computer analysierbar zu machen. Wieso geht das nicht auch hier?
Im Moment zumindest gibt es keinen Algorithmus, keine Datenbankabfrage, die so etwas leisten könnten. Mein Eindruck von der digitalen Auswertung, die man unter dem Schlagwort der Digital Humanities zusammenfasst, ist, dass sie Grenzen hat. Meine Methode auch, klar, denn meine Datenbasis ist nicht so gross, weil die Zahl der Bücher, die ich lesen kann, endlich ist. Aber die grösste Datenbank und die schlausten Rechenoperationen können – zumindest gegenwärtig – nicht die komplexe Schilderung einer Szene, geschweige denn einen Roman verstehen und mitkategorisieren. Von der Qualität eines Werks gar nicht zu reden. Für mich hat es etwas Befriedigendes, dass man am Ende eben doch wieder zu den Texten, zum aufmerksamen Lesen zurückmuss.

«Am Ende» heisst: Sie hatten auch einmal an die Computerrevolution der Geisteswissenschaft geglaubt?
Ich habe sieben Jahre lang am Institut für Kartografie und Geoinformation der ETH Zürich gearbeitet, wo sich die hohe Kunst der Schweizer Kartografie weiterentwickelt hat, die ja weltweit zu den anerkanntesten gehört. Dort habe ich gelernt, was es alles braucht, um eine Karte zu erstellen, aber auch erkennen müssen, dass man mit literarischen Themen relativ schnell an die Grenzen der Darstellbarkeit stösst – und dass Literaturkartografie vor allem nach manueller Vorbereitung, Auswahl und Training verlangt. Das heisst: Ja, auch ich hatte die Vision, dass man einmal sehr grosse Textmengen auf Knopfdruck auswerten kann. Aber dahin werden wir wohl nie kommen, denn auch das, was die Programme liefern, muss immer noch interpretiert werden.

Eine andere Frage zum Thema Datengrundlage: Es gibt Autoren, die über die Schweiz schrieben, ohne je da gewesen zu sein. Das bekannteste Beispiel ist Schiller, der den «Tell» schrieb, ohne je den Vierwaldstättersee gesehen zu haben. Merkt man das dem Text an?
Erstaunlicherweise überhaupt nicht. Schiller hatte ja noch kein Internet, aber er schöpfte das Wissen über die Region, das damals verfügbar war, voll aus. Er las alle Reiseberichte, die es gab, befragte zig Leute, die in der Schweiz waren, bat Freunde und Bekannte um Karten und tapezierte seine Mansarde mit Schweizansichten. Im Archiv habe ich eine gefunden, auf der man noch die Einstichlöcher der Reissnägel sieht. Er hat sich in Weimar eine virtuelle Schweiz aufgebaut und dann aufgrund dieser Recherchen den «Tell» geschrieben. Das Ergebnis: Im «Tell» gibt es etwa hundertfünfzig topografische Angaben, und die stimmen alle exakt. Mehrere Wissenschaftler haben das nachgeprüft, unter anderem auch ich. Der «Tell» war für die Literaturtouristen des 19. Jahrhunderts ein 1A-Reiseführer, und er funktioniert noch heute.

Hat es Sie je an einen Ort verschlagen, den Sie ohne Ihre Beschäftigung mit der Literaturgeografie sonst nicht gesehen hätten?
Das Val-de-Travers und die St. Petersinsel! Die habe ich nur dank der Literatur kennen gelernt. Mein erstes Buch war «Rousseaus Garten», eine Kulturgeschichte über die Rousseau-Orte im Kanton Bern und Kanton Neuenburg. Die St. Petersinsel und das Dörfchen Môtiers, die ja von Basel, wo ich wohne, nur ein bis zwei Stunden entfernt sind, waren mir ein Begriff, aber nur von der Landkarte her. Ohne Rousseau wäre ich da vielleicht nie hingekommen.

Die KarteRecherche / Auswahl: Barbara Piatti und Andreas Bäumler

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Sex(Symbol: Feigenblatt)

  1. GIACOMO CASANOVA: Geschichte meines Lebens (1828) – Genf
    Der grösste Verführer aller Zeiten preist ein Verhütungsmittel an – worauf sich ihm gleich drei junge Damen hingeben.
  2. VLADIMIR NABOKOV: Ada oder Das Verlangen (1969) – Genf
    Ada zeigt ihre Reize auf einem Hotelbalkon, heimlich beobachtet von ihrem Bruder Van, mit dem sie eine inzestuöse Beziehung pflegt.
  3. ALAIN CLAUDE SULZER: Ein perfekter Kellner (2004) – Giessbachfälle
    Eine schmale Dienstbotenkammer im legendären Grandhotel an den Giesssbachfällen ist Schauplatz erotischer Szenen zwischen zwei sehr ungleichen Männern.
  4. KLAUS MANN: Der Vulkan (1939) – Zürich
    Zwei an Körper und Seele Ausgehungerte, Tilly und Ernst, verbringen in einem trostlosen Hotelzimmer eine einzige, verzweifelte Nacht miteinander.
  5. PATRICIA HIGHSMITH: Small g – eine Sommeridylle (1995) – Zürich
    Ein Flirt, ein Unfall, ein Mord im Zürcher Schwulen- und Lesbenmilieu.
  6. ALFRED DÖBLIN: Babylonische Wandrung oder Hochmut kommt vor dem Fall (1934) – Zürich
    Der babylonische Gott Marduk nimmt Menschengestalt an und macht seiner Zürcher Geliebten ein Kind.
  7. THOMAS HÜRLIMANN: Fräulein Stark (2001) – St. Gallen
    Einen Jungen erregt es, an Damenfüssen zu schnüffeln, während er ihnen vor der Stiftsbibliothek dabei hilft, in Filzpantoffeln zu schlüpfen.
  8. TIM KROHN: Nachts in Vals (2015) – Vals
    Aus unterschiedlichen Perspektiven wird eine Nacht in der weltberühmten Therme erzählt, mit viel Stöhnen, Tränen und Musik.
  9. ZORA DEL BUONO: Gotthard (2015) – Bodio
    Schwüle Tunnelluft, käufliche Erotik, harte Arbeit und düstere Fantasien schlummern im Innern des Gotthards.
  10. *GERHART HAUPTMANN: Der Ketzer von Soana (1918) – «Soana»/Rovio
    Ein Priester und ein Hirtenmädchen verfallen einander und fallen übereinander her: Verbotener Sex in einem heissen Tessiner Sommer.
  11. ULRICH BECHER: Murmeljagd (1969) – Soglio
    Der Friedhof in Soglio wird 1938 für einen traumatisierten Journalisten aus Wien zum Schauplatz eines erotischen Freiluftabenteuers.
  12. ANNEMARIE SCHWARZENBACH: Eine Frau zu sehen (1929/2008) – St. Moritz
    Brennendes Begehren zwischen zwei Frauen im mondänen Ambiente eines Luxushotels. Als sich die beiden endlich finden, schliesst sich sanft die Hoteltür.

Romantik(Symbol: Herz)

  1. HENRY JAMES: Daisy Miller (1878) – Genf
    Die Bildungsreise eines jungen Amerikaners wird in Genf durch die unwiderstehliche, aber launige Daisy recht verkompliziert.
  2. JOHANNES MARIO SIMMEL: Liebe ist die letzte Brücke (1999) – Genf
    Ein Starinformatiker im Dienste dubioser Hightechkonzerne trifft auf eine engagierte Kriegsfotografin. Hat diese Liebe eine Zukunft?
  3. *ROLAND BUTI: Das Flirren am Horizont (2013) – irgendwo im Waadtland
    Im Hitzesommer von 1976 verlässt die Mutter des dreizehnjährigen Gus den Bauernhof – mit einer Frau.
  4. JEAN-JACQUES ROUSSEAU: Julie oder Die neue Heloise (1761) – Vevey, Clarens
    Ein Hauslehrer und seine adelige Schülerin sind unsterblich ineinander verliebt – und müssen einander aus Gründen der gesellschaftlichen Konvention entsagen.
  5. F. SCOTT FITZGERALD: Zärtlich ist die Nacht (1934) – Caux
    Ein Gewitter tobt, während auf einer Hotelterrasse hoch über dem Genfersee die Amour fou eines Psychiaters und seiner Patientin beginnt, und zwar mit einer hollywoodreifen Kussszene.
  6. CHARLES-FERDINAND RAMUZ: Derborence (1934) – Derborence
    In einer kargen Gebirgslandschaft klammern sich zwei junge Eheleute mit ganzer Kraft an ihr fragiles Glück.
  7. *CORINNA S. BILLE: Venusschuh (1952) – «Maldouraz»/Chandolin
    In einem Winter voll rätselhafter Ereignisse macht die schöne Bara alle Männer im Bergdorf Maldouraz verrückt – und bezahlt dafür mit ihrem Leben.
  8. *URS WIDMER: Schweizer Geschichten (1975) – im Neuenburger Jura, vermutlich La Brévine
    Im Heissluftballon erkunden ein Brite, eine dicke Frau und der Erzähler dreizehn Kantone. In Neuenburg kommt die Liebe ins Spiel – bei Fondue und Holzofenwärme in einem tief verschneiten Hochtal.
  9. PASCAL MERCIER: Nachtzug nach Lissabon (2004) – Bern
    Eine geheimnisvolle Portugiesin will sich auf der Berner Aarebrücke das Leben nehmen und löst beim Lateinlehrer Gregorius einen radikalen Umschwung aus.
  10. HEINRICH CLAUREN: Mimili (1816) – Lauterbrunnen
    Ein preussischer Offizier und ein Alpenmädchen gehen eine Liaison ein. Dabei glühen nicht nur Eiger, Mönch und Jungfrau.
  11. JENS IMMANUEL BAGGESEN: Parthenäis oder Die Alpenreise (1804) – Eiger
    Eine gut gelaunte Gruppe junger Menschen unternimmt, griechische Heroen mimend, eine erotisch-mythologische Bergwanderung.
  12. ALEX CAPUS: Fast ein bisschen Frühling (2002) – Basel
    Zwei charmante Bankräuber aus Deutschland kommen auf ihrer Flucht nur bis knapp über die Grenze. Grund dafür sind zwei hübsche Baslerinnen.
  13. *GOTTFRIED KELLER: Romeo und Julia auf dem Dorfe (1856) – «Seldwyla»/irgendwo im Mittelland
    Vrenchen und Sali: eine grosse, eine unerlaubte Liebe, die nach einem rauschenden Fest mit dem Freitod des Paars im Wasser endet.
  14. *PEDRO LENZ: Dr Goalie bin ig (2010) – «Schummertau»/Langenthal
    Nach einem Gefängnisaufenthalt zurück in «Schummertau», muss der verliebte Goalie erleben, wie das Leben erneut den Bach runtergeht.
  15. ACHIM VON ARNIM: Aloys und Rose (1803) – Aarburg
    In den Wirren der Helvetischen Revolution werden Aloys und Rose getrennt. Er sitzt als Gefangener in der Feste Aarburg und schreibt ihr herzzerreissende Briefe.
  16. CHARLES LEWINSKY: Melnitz (2006) – Endingen
    Mazel tov! Janki und Chanele heiraten in der Synagoge von Endingen – und dafür, dass es eine Zweckheirat sein soll, knistert es ganz schön zwischen den beiden.
  17. PETER WEBER: Silber und Salbader (1999) – Baden
    Der Quellwirt im Hotel «Rose» badet mit seiner Freundin in Klang- und Wasserlandschaften.
  18. WOLFGANG KOEPPEN: Eine unglückliche Liebe (1934) – Zürich
    Es ist aussichtslos, dennoch reist der junge Held seiner Angebeteten, einer bildhübschen Schauspielerin, in die nasskalte «Fremdenstadt» nach, in der unschwer Zürich zu erkennen ist.
  19. MELINDA NADJ ABONJI: Tauben fliegen auf (2010) – Zürich
    Eine junge Frau lebt zwischen Serbien und der Schweiz, zwischen Fremdsein und Überanpassung, zwischen Balkankrieg und Hausbesetzerromantik.
  20. JOHN LE CARRÉ: Der Nachtmanager (1993) – Zürich
    Ein stiller Hotelmanager wird durch eine schöne Ägypterin in einen brisanten Politskandal verwickelt, der sie das Leben kostet – und ihn die Ruhe im Zürcher «Palasthotel Meister».
  21. MAX FRISCH: Montauk (1975) – Zürich
    Max Frisch lässt in New York seiner Midlife-Crisis freien Lauf und erinnert sich an intime Details aus seiner Zürcher Zeit mit der viel zu jungen Philosophiestudentin Marianne.
  22. MILAN KUNDERA: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984) – Zürich
    Erotische Gegenwirklichkeit zur Diktatur: Tomas und Teresa fliehen 1968 aus Prag in die Schweiz. Obwohl er ein notorischer Fremdgänger ist, verbindet sie eine melancholische, grosse Liebe.
  23. MARTIN SUTER: Die Zeit, die Zeit (2012) – Vorort von Zürich
    Zwei ungleiche Nachbarn wollen ihre toten Frauen mit einem zeitnihilistischen Experiment zurück ins Leben holen.
  24. ROBERT HARRIS: Vaterland (1992) – Zürich
    Verkehrte Welt: Im Berlin der 1960er-Jahre haben die Nazis den Krieg gewonnen. Ein Fahnder und eine Reporterin schmuggeln Dokumente über den für die Weltöffentlichkeit bisher unbekannten Holocaust nach Zürich – und kommen sich auf dieser Mission sehr nahe.
  25. *ROBERT WALSER: Der Gehülfe (1908) – «Bärenswil»/Wädenswil
    Beim Schaukeln im Garten ist der Gehülfe sehr versucht, die Frau seines Chefs zu küssen – «aber er tat es nicht».
  26. JOHANN WOLFGANG VON GOETHE: Jery und Bätely (1790) – auf einer Urner Alp
    In diesem folkloristischen Singspiel wirbt der brave Jery um das hübsche, aber eigenwillige Bätely, das zunächst vom Heiraten so gar nichts wissen will.
  27. IAN FLEMING: Goldfinger (1959) – Andermatt
    007 überlebt im Aston Martin eine halsbrecherische Verfolgungsjagd auf der Furkastrasse bei Realp, um die hübsche Tilly in ihrem Ford Mustang abzuschleppen.
  28. AUGUST STRINDBERG: Das Märchen vom Sankt Gotthard (1885) – Gotthardpass
    Der Tessiner Andrea verliebt sich in Gertrude aus Göschenen – und holt sich sein Mädchen, auch wenn er sich dafür als Mineur des ersten Gotthardtunnels zunächst durch den Berg graben muss.
  29. ERNEST HEMINGWAY: In einem andern Land (1929) – Brissago
    In den Wirren des Ersten Weltkriegs bietet die Schweiz idyllische Normalität: Frühstücksei in Brissago für einen desertierten amerikanischen Soldaten und eine schottische Krankenschwester.
  30. *HERMANN HESSE: Klingsors letzter Sommer (1919) – «Laguno»/Lugano
    Der kranke Maler Klingsor wird in der Hitze des Tessiner Sommers vom Tod gejagt und von der Lust getrieben.
  31. *GERTRUD LEUTENEGGER: Pomona (2004) – Tessin, irgendwo nahe der italienischen Grenze
    Die Erzählerin greift mit dem leidenschaftlichen Orion nach den Sternen, doch das Liebes- und Zusammenleben mit dem erfolglosen Architekten und notorischen Trinker wird immer unerträglicher.
  32. PETER STAMM: Sweet Dreams (aus: «Seerücken»; 2011) – Thurgau, Seerücken
    Die Ikea-Seligkeit eines blutjungen Pärchens bekommt Risse: «Vermutlich würden die Badetücher länger halten als ihre Beziehung, dachte sie und erschrak.»
  33. SILVIO HUONDER: Adalina (1997) – Chur
    Maculin kehrt aus Berlin in seine Bündner Heimat zurück: Dort gibt es kein Entrinnen vor den Erinnerungen an eine zarte, aber ungelenke Romanze mit seiner Cousine Adalina.
  34. THOMAS MANN: Der Zauberberg (1924) – Davos
    Der Kurgast Hans Castorp leiht sich – eindeutig zweideutig – von Madame Chauchat einen phallischen Crayon.
  35. *CLA BIERT: Die Wende (1962) – «Salvorn»/Scuol
    Der umtriebige Jungbauer Tumasch Tach will nach Paris, doch seine dänische Freundin drängt ihn, im Unterengadin zu bleiben.

Mord(Symbol: Pistole)

  1. DAN BROWN: Illuminati (2000) – Cern, Genf
    Ein Geheimbund schreckt vor nichts zurück und ermordet einen Cern-Physiker, um an die zerstörerische Antimaterie zu gelangen.
  2. MARY SHELLEY: Frankenstein oder Der moderne Prometheus (1818) – Genf
    Doktor Frankenstein wird das Monster, das er aus Leichenteilen geschaffen und belebt hat, nicht mehr los. In der Hochzeitsnacht erwürgt der Unhold die Braut.
  3. HANS CHRISTIAN ANDERSEN: Die Eisjungfrau (1861) – Genfersee
    Die Eisjungfrau lauert in den Tiefen des Genfersees und holt den jungen Rudi mit nasskalten Küssen zu sich – weil sie ihn keiner anderen gönnt.
  4. JACQUES CHESSEX: Der Vampir von Ropraz (2007) – Ropraz
    Die Leiche der jungen Rosa wird ausgegraben, geschändet, zerstückelt und teilweise aufgegessen. Einer aus den einsamen Juradörfern dort oben muss Vampir oder Kannibale sein.
  5. *FRIEDRICH GLAUSER: Matto regiert (1936) – «Randlingen»/Münsingen
    Eine psychiatrische Anstalt im Kanton Bern hat eine Leiche im Keller, ganz buchstäblich: Wachtmeister Studer ermittelt im «Reich des Wahnsinns».
  6. JEREMIAS GOTTHELF: Kurt von Koppigen (1844/1850) – Koppigen
    Um der dominanten Übermutter etwas zu beweisen, zieht der ungehobelte und plumpe Ritter Kurt mordend und raubend durchs Emmental.
  7. *CARL ALBERT LOOSLI: Die Schattmattbauern (1932) – «Hablingen»/Oberburg
    Die Leiche des alten Bauern Rees Rösti wird grausam zugerichtet auf seinem Hof gefunden. Verdächtigt wird sein Schwiegersohn, der seine Unschuld nicht beweisen kann.
  8. *MICHAEL FEHR: Simeliberg (2015) – irgendwo im Emmental
    In einem düsteren Bauernhaus plant ein alter Sonderling, den Mars zu kolonisieren – und sprengt sich dabei in die Luft.
  9. FRIEDRICH DÜRRENMATT: Der Winterkrieg in Tibet (1984) – Blüemlisalp
    Nach der ultimativen Atomkatastrophe finden im Réduit national wüste Massaker statt.
  10. SIR ARTHUR CONAN DOYLE: Das letzte Problem (1893) – Reichenbachfälle
    Showdown bei den Reichenbachfällen: Meisterdetektiv Sherlock Holmes wird von seinem Erzfeind in die Fluten gestossen – so interpretiert es zumindest sein Assistent Watson.
  11. FRIEDRICH SCHILLER: Wilhelm Tell (1804) – Altzellen
    Konrad Baumgarten ermordet den Burgvogt von Unterwalden, weil der seiner Frau zu nahe rückte – und löst damit den eidgenössischen Aufstand gegen den Tyrannen aus.
  12. C. F. MEYER: Jürg Jenatsch (1876) – Chur
    Ausgerechnet von seiner Jugendliebe Lucretia Planta wird der Freiheitsheld Jenatsch mit einer Axt grausam hingerichtet.
  13. *JOHN KNITTEL: Via Mala (1934) – «Andruss»/in der Nähe
    der Viamala-Schlucht Jonas Lauretz ist ein Säufer und ein Mann von massloser Brutalität. Als er Frau und Kinder misshandelt und seine Zwillingstöchter ermordet, beschliessen seine Verwandten, ihn aus dem Weg zu räumen.
  14. ULRICH KNELLWOLF: Tod in Sils Maria (1993) – Sils Maria
    Sils Maria als alpine Hauptstadt des Verbrechens: Vermummte Gestalten drängen Langläufer von der Loipe ab – das dunkle Loch in der Eisfläche des Silsersees lässt Furchtbares vermuten.
  15. GÜNTHER GRASS: Im Krebsgang (2002) – Davos
    Davos, 1936: Ein NSDAP-Funktionär wird durch vier Schüsse in Bauch und Brust ermordet.

Suizid(Symbol: Weinendes Auge)

  1. STEFAN ZWEIG: Der Flüchtling. Episode am Genfer See (1927) – Villeneuve
    Ein junger Russe überlebt zwar den Grossen Krieg, nicht aber die Schweizer Bürokratie.
  2. LUKAS BÄRFUSS: Koala (2014) – Thun
    Der Selbstmord des Bruders wirft Fragen auf, die in die Tiefe gehen – nach Down Under und wieder zurück nach Thun.
  3. LORD BYRON: Manfred (1817) – Jungfrau
    Untröstlich über den Tod seiner Geliebten, will Manfred sich vom Jungfraugipfel stürzen. Doch im letzten Augenblick hält ein Gemsjäger den Suizidkandidaten am Rockzipfel zurück.
  4. CHRISTIAN KRACHT: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008) – Berner Oberland
    Im unerbittlichen Weltkrieg lebt ein frommer Zwerg wahre Nächstenliebe und stirbt stellvertretend für einen Kommissär der «Schweizer Sowjetrepublik» den Minentod.
  5. HERMANN BURGER: Die Künstliche Mutter (1982) – Region Lugano
    Ein Glaziologe kuriert im Gotthardmassiv sein «Penisgrimmen», um dann südwärts mit seinem Alfa Romeo bei Lugano zu zerschellen.
  6. THOMAS BERNHARD: Der Untergeher (1983) – Zizers
    Der Titel ist Programm: Ein Pianist geht an seinem Perfektionsdrang zugrunde und fährt in die «entsetzliche Gegend» um Chur, um sich zu erhängen.

*Einige Handlungen lassen sich nicht präzise auf der Karte verorten oder spielen an erfundenen Schauplätzen. Dass sie aber in der Schweiz spielen, ist unbestritten. Das von Gottfried Keller erfundene Städtchen «Seldwyla» (irgendwo im Mittelland) gehört zu dieser Kategorie, ebenso Umbenennungen wie Corinna S. Billes «Maldouraz», das vom Walliser Dörfchen Chandolin inspiriert ist.

Erstellt: 24.04.2018, 19:23 Uhr

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