Wo es in der Schweiz am meisten SUV gibt

850'000 Geländewagen zählt das Land. Unsere Auswertung zeigt, in welchen Gemeinden die SUV-Dichte am grössten ist. Finden Sie auch Ihren Ort!

Sie brauchen breitere Strassen und grössere Parkfelder: SUV in der Stadt. Foto: Urs Jaudas

Sie brauchen breitere Strassen und grössere Parkfelder: SUV in der Stadt. Foto: Urs Jaudas

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Wenn einer weiss, welche Autos die Schweizer kaufen, dann ist es René Reymond. Er ist Geschäftsführer der Autowelt Amag in Dübendorf ZH, dem grössten Autohaus der Schweiz. Die Amag importiert und verkauft unter anderen die Marken VW und Audi.

Fast die Hälfte aller Autos, die Reymond und seine Kollegen verkaufen, sind mittlerweile Sport Utility Vehicles – sogenannte SUV. Manche nennen sie Offroader oder Geländelimousinen. Für Reymond, seit 25 Jahren im Geschäft, ist klar: «Die Kunden wollen solche Fahrzeuge.»

Klar ist auch: SUV sorgen immer wieder für Kontroversen. Sie sind bullig gebaut – und in der ­Regel sind sie breiter, länger und höher als andere Personenwagen. Deshalb gelten sie auch als gefährlicher – für Fussgänger, Velofahrer und Kleinwagenlenker.

Ist ein Offroader-Fahrer in einen Unfall verwickelt und allenfalls auch noch schuldig, entlädt sich der aufgestaute Hass. Wie diese Woche, als auf der A3 beim Bözbergtunnel der Lenker eines Porsche-SUV mit hoher Geschwindigkeit ins Heck eines anderen Autos krachte – durch den Aufprall wurde der kleinere Wagen zwischen dem Porsche und einem Lastwagen regelrecht zerquetscht. Drei Personen starben, der Porsche-Fahrer überlebte.

Der Hass geht so weit, dass viele Onlineportale die Kommentarfunktion zu den Artikeln deaktivieren mussten. Selbst der «Blick» teilte seinen Lesern auf der Website mit: «Wir erhalten hier überwiegend Kommentare, die gegen unsere Regeln für das Forum verstossen. Leider müssen wir deshalb diese Diskussion schliessen.»

Jedes fünfte Auto in der Schweiz ist heute ein Offroader

Immer wieder gibt es auch Anläufe auf politischer Ebene, die SUV zu verbieten. Schon vor etwas mehr als zehn Jahren versuchten es die Jungen Grünen mit der Offroader-Initiative – das Vorhaben wurde aber zurückgezogen.

Doch das Thema ist bis heute virulent, gerade in Städten. Nach einem schweren, ebenfalls durch einen SUV-Fahrer verursachten Unfall forderten Politiker im Herbst in Berlin ein Verbot. Und in Lausanne formierte sich kürzlich eine Anti-SUV-Truppe mit dem Ziel, die Fahrzeuge aus der Stadt zu verbannen.

Doch das miserable Image kann den Offroadern nichts anhaben. Im Gegenteil – die Verkaufszahlen wachsen seit Jahren.

Eine Auswertung von Daten des Bundesamts für Strassen (Astra) zeigt jetzt: Die Schweiz ist ein regelrechtes Paradies für SUV. Nicht weniger als 850'000 solcher Autos sind hier registriert, bei insgesamt 4,6 Millionen gelisteten Personenwagen. Fast jedes fünfte registrierte Auto in der Schweiz ist somit ein Offroader.

In der Schweiz gibt es keine offizielle Definition, was einen SUV ausmacht. Die Auswertung richtet sich daher nach den Kriterien des deutschen Kraftfahrt-Bundesamts für SUV und Geländewagen.

Und die Analyse der Astra-Daten zeigt erstmals auch, in welchen Gemeinden es am meisten SUV-Fahrer gibt. Tendenziell ist die Quote pro 1000 Einwohner in den Berggebieten höher als im Mittelland oder in den grossen Agglomerationen. Spitzenreiter mit 754 SUV pro 1000 Einwohner ist die Gemeinde Appenzell. Allerdings handelt es sich dabei um einen Spezialfall, weil sich die Mietwagen-Branche und die Behörden schweizweit auf eine Vereinbarung geeinigt haben, die Mietautos in Appenzell und im Kanton Waadt zu registrieren.

Ebenfalls sehr hohe Werte ergeben sich für die allerdings sehr kleinen ­Gemeinden Montagny-près-Yverdon VD (hochgerechnet 692 SUV pro 1000 Einwohner) und Wach­seldorn BE (hochgerechnet 587 SUV). Generell gilt: In den hügeligen Regionen fahren die Leute Geländewagen.

Ein komplett anderes Bild zeigt sich, wenn nur die Offroader aus der Ober- und Luxusklasse berücksichtigt werden – wie zum Beispiel ein BMW X5, ein Audi Q8 oder ein Jaguar F-Pace. Diese Modelle sind noch wuchtiger und schwerer – und vor allem noch teurer. Der Audi Q8 kostet laut der Website von Audi in der Schweiz mindestens 90'000 Franken, und er wiegt mehr als zwei Tonnen.

SUV sind doch keine«Hausfrauenpanzer»

Gefahren werden die teuren SUV-Modelle insbesondere in mondänen Tourismusregionen um Gstaad BE, St. Moritz GR und Crans-Montana VS. Hohe Quoten haben aber auch die Gemeinden am Genfer-, Zuger- und Zürichsee. Wer Geld hat und in einer steuergünstigen Gemeinde wohnt, kauft sich offenbar einen teuren SUV.

Für die Autoindustrie steht ausser Frage, dass es nun mal die Kunden sind, die solche Karossen verlangen. Autohaus-Geschäftsführer Reymond sagt es so: «Am Anfang jedes Verkaufsgesprächs steht die Bedarfsanalyse. Wir fragen die Kunden zum Beispiel, welches Auto sie gegenwärtig fahren. Wie ihre Familienplanung aussieht. Und was ihre Freizeitaktivitäten sind.» Letztlich falle die Wahl oft auf ein SUV-Modell, «weil die Kunden viel Platz, Allradantrieb und eine gute Rundumsicht haben möchten».

Laut Reymond war die Schweiz «viele Jahre ein Kombi-Land». SUV würden die gleichen Bedürfnisse erfüllen. Und weil sie mit der erhöhten Sitzposition auch einen besseren Überblick böten und bequemer zum Einsteigen seien, deckten sie letztlich alle Kundenbedürfnisse «sehr gut» ab.

Wenn man den Umfragen der Industrie Glauben schenken kann, dann geht das Aufrüsten auf den Strassen weiter. Der Autobauer Ford befragte kürzlich 5000 Autobesitzer in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Grossbritannien, die ein neues Auto kaufen wollen, zu ihrer Einstellung zu SUV. Gemäss den Resultaten stehen die Geländelimousinen für «Fahrspass» und für einen «aktiven Lebensstil». Viele der Befragten sehen in einem Offroader zudem ein «Erfolgssymbol», sie fühlen sich beim Fahren «kraftvoll und leistungsstark».

Besonders frappant: Vor allem Mütter mit Kindern, die noch zu Hause wohnen, scheinen SUV zu bevorzugen. In der Umfrage gaben fast zwei Drittel von ihnen an, dass für sie bei einem SUV das Sicherheitsgefühl entscheidend sei.

Allerdings scheint das Klischee des «Hausfrauenpanzers» nicht zu stimmen – die Halterdaten zumindest vermitteln ein anderes Bild. Die Analyse zeigt nämlich, dass bei rund 2,5 Millionen der Personenwagen Männer als Halter eingetragen sind und bei rund 1,5 Millionen Frauen. Betrachtet man hingegen nur die SUV, nimmt der Anteil der Frauen bei den eingetragenen Haltern ab. Noch dominanter sind die Männer, wenn nur die luxuriösen ­Modelle berücksichtigt werden – in dieser Kategorie ist der Männeranteil bei den eingetragenen Haltern dreimal höher als der Frauenanteil.

Die Strassen und Parkplätze sind zu schmal für SUV

Klar ist mittlerweile, dass es auch wegen der Offroader in der Schweiz künftig breitere Strassen und Parkplätze brauchen wird. Seit Jahren tüftelt der Schweizerische Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) zum Ärger grüner Kreise an entsprechenden neuen Normen, die dann beim Bau neuer Infrastrukturen berücksichtigt würden. Die Arbeit passiert weitgehend im Verborgenen.

Das Thema ist offenbar so heikel, dass niemand Fragen beantworten will. Ein Sprecher des Astra verweist für Fragen an den VSS. Dessen Präsident Jean-Marc Jeanneret lässt eine Anfrage allerdings unbeantwortet.

Mitarbeit: Nadja Pastega



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Erstellt: 30.11.2019, 23:34 Uhr

«Frauen kaufen in der Tendenz kleinere Autos»

Verkehrspsychologe Uwe Ewert über SUV als Statussymbol.

«Klassische Raser fahren keine SUV»: Experte Uwe Ewert. Foto: PD

Herr Ewert, ist der typische SUV-Fahrer so rücksichtslos, wie es oft heisst?
Ich gehe davon aus, dass es tatsächlich Autofahrer gibt, die einen SUV kaufen, weil solche Geländelimousinen ein Statussymbol darstellen können. Aber ob diese Fahrer sich dann im Strassenverkehr rücksichtslos verhalten, kann ich nicht sagen. Was wir aus der Forschung wissen: Die klassischen Raser fahren keine SUV, dafür sind diese Autos zu wenig sportlich. Raser stammen oft aus unteren sozialen Schichten und sind vergleichsweise jung, SUV-Fahrer aber mittleren Alters und eher wohlsituiert.

Und warum brauchen diese Menschen einen SUV?
Oft wegen des Berufs oder wegen ihrer Freizeitaktivitäten in den Bergen. Und es gibt sicher auch ältere Menschen, die einen SUV kaufen, weil sie bequemer in die erhöhten Fahrzeuge einsteigen können. Und schliesslich gibt es Autofahrer, die sich in einem SUV auf den Strassen schlicht sicherer fühlen.

Ist die bessere Sicherheit nur ein Gefühl, oder trifft das zu?
Ja und nein. Kommt es zu einer Kollision, erleiden die Lenker in den schwereren Fahrzeugen in der Regel leichtere Verletzungen. Und SUV sind ja tendenziell schwerer. Das kleinere Auto wird bei einer Frontalkollision vom grossen gebremst und in die entgegengesetzte Richtung geschleudert – da wirken enorme Kräfte. Das schwerere Auto wird bloss abgebremst, das ist weniger fatal. Wegen ihres hohen Schwerpunkts gibt es mit SUV aber mehr Überschlagsunfälle.

Wir erleben eine Art Wettrüsten auf den Strassen, in der Schweiz gibt es immer mehr SUV.
Für die Verkehrssicherheit insgesamt sind grosse und schwere Autos eher problematisch. Es spielt bei einem Unfall eine wichtige Rolle, wie gross der Gewichtsunterschied der beiden Fahrzeuge ist. Das ist in der Wissenschaft längst belegt, unter Laien aber zu wenig bekannt.

Wer kauft denn die SUV, der Mann oder die Frau?
Interessanterweise kaufen Frauen in der Tendenz kleinere und günstigere Autos als Männer. Obwohl ­Frauen von grossen und schweren Autos profitieren würden, weil ihre Verletzungsanfälligkeit bei Unfällen grösser ist als die von Männern. Man vermutet, dass dies mit dem höheren Fett- und geringeren Muskelanteil sowie der Bindegewebsstruktur des weiblichen Körpers zusammenhängen könnte. Darum gibt es jetzt auch weibliche Crashtest-Dummies.

Den teuren SUV wollen aber die Männer?
Den Kaufentscheid fällen Paare in der Regel gemeinsam – und oft in den traditionellen Rollenmustern. Wir wissen zum Beispiel, dass sich die Männer eher für die Technik interessieren und die Frauen für Farbe sowie Design.

Wie erklären Sie sich den SUV-Boom angesichts des Klimawandels?
SUV-Fahrer müssen bezüglich des Verbrauchs mit einem schlechten Gewissen leben. Der Schadstoffausstoss ist bedeutend grösser, auch wegen des Luft­widerstands als Folge der hoch gebauten Karosserie. Gleichzeitig bewegt sich aber auch die Industrie. Die SUV werden vermehrt kleiner gebaut. Ein Hinweis auf eine Trendwende sind die jungen Menschen, ­deren Einstellung zum Autofahren sich wandelt. Ein Indiz dafür ist, dass der Führerschein heutzutage deutlich später gemacht wird.

SUV schaden nicht nur dem Klima, sie sind auch gefährlich für Fussgänger und Velofahrer.
SUV haben einen schlechten Ruf, aber teilweise zu Unrecht. Punkto Fussgängersicherheit sind diese Autos heute kaum mehr gefährlicher als andere. Ich selber fahre auch einen SUV, einen Toyota RAV4. In Tests zur Fussgängersicherheit schneidet dieses Modell sehr gut ab – sonst hätte ich es nicht gekauft. Und wenn Sie mit dem Velo unterwegs sind, spielt es keine grosse Rolle, ob die Kollision mit einem SUV oder mit einem leichteren Fahrzeug geschieht. Am wichtigsten ist die Kollisionsgeschwindigkeit, also die Geschwindigkeit, mit der man zusammenstösst. (db)

Uwe Ewert war 25 Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschung der Beratungsstellefür Unfallverhütung (BfU). Er ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie.

Zur Methodik

Das Tamedia-Datenteam hat die Fahrzeugdatenbank des Bundesamts für Strassen
(Astra) mit insgesamt 4,6 Millionen registrierten Fahrzeugen ausgewertet - und dabei erstmals alle Sport Utility Vehicles (SUV) in der Schweiz klassifiziert. Berücksichtigt wurden sowohl moderne SUV als auch klassische Geländewagen.

Da es in der Schweiz keine offizielle Definition gibt, welche Modelle als SUV gelten, griff das Team auf eine Liste des deutschen Kraftfahrt-
Bundesamts
zurück. Das Bundesamt führt eine Liste mit den 117 häufigsten SUV und Geländewagen. Letztere wiederum werden von den Herstellern selbst in aller Regel als SUV vermarktet - daher wurden sie in der Auswertung ebenfalls
berücksichtigt.

Mit Hilfe der Liste konnten in der Datenbank des Astra für jedes Fahrzeug überprüft werden, ob es sich um ein SUV handelt oder nicht. Es ist möglich, dass es wegen falschen Schreibweisen von Typenbezeichnungen oder Modell-Namen, die sich im Laufe der Zeit geändert haben, zu kleineren Fehlern in der Auswertung gekommen ist. Bei einer Datenmenge von 4,6 Millionen Fahrzeugen sind solche Fehler aber vernachlässigbar.

Zusätzlich wurden SUV und Geländewagen, die gemeinhin mit Luxus in Verbindung
gebracht werden als “luxuriöse SUVs” kategorisiert. Grundlage dieser
Kategorisierung sind Händler-Bezeichnungen und Listen in einschlägigen
Branchenmagazinen.

Weitere Informationen zur Methodik finden sich auf unserem Github Account. Abgelegt sind dort auch die Listen der Autotypen, die als SUV und als luxuriöse SUV klassifiziert wurden.

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