Wohnen auf Probe

Unterdessen in Olten: Die Stadt, aus der seit 1965 jeder Fünfte wegzog, wächst wieder. Was Leute angezogen hat, ist ein spezielles Angebot.

Die Stadt ist interessant geworden: Blick auf Oltens Altstadt. Foto: Falk Lademann (Flickr)

Die Stadt ist interessant geworden: Blick auf Oltens Altstadt. Foto: Falk Lademann (Flickr)

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Viele Menschen steigen am Bahnhof Olten um, pro Tag sind es 80'000. Oder sie fahren ohne Halt durch. Von Bern nach Zürich, von Basel nach Luzern. Warum sollten sie aussteigen und bleiben?

Nach Olten kommt einer schnell hin. Und ist genauso schnell wieder weg. Aus einer Stadt, die einige mit Langeweile verbinden.

Dass Olten ein Imageproblem hat, ist auch der Stadtbehörde bekannt. Sie hatte vor wenigen Jahren Bauland erworben und an einen Investor verkauft. Hunderte neue Wohnungen hat er gebaut. Also mussten neue Mieter her. Aber wer zieht schon in eine Stadt, an der die meisten vorbeifahren? Die städtische Wirtschaftsförderung wollte auf das aufmerksam machen, was dem schnellen Blick eines Zugpassagiers entgeht: die autofreie Innenstadt, die hügelige Umgebung, die Oltner. Und sie begann 2011, ein kostenloses Probewohnen anzubieten. Zuerst passierte das in Hotels, in und um Olten, für zwei bis drei auswärtige Paare an je zehn Wochenenden. Doch sie hätten rasch gemerkt, sagt Geschäftsführer Urs Blaser, dass das Wohnen auf Probe etwas Echtes anbieten musste.

2013 dann offerierte die Stadt vier Wohnungen im Arbeiterquartier rechts der Aare und im Nachbarsdorf Dulliken. Über hundert Männer und Frauen aus Wien, Basel, Zürich, Bern und St. Gallen wollten bis zu sieben Tage in Olten verbringen. Viele mussten abgewiesen werden. Jenen, die kommen dürfen, soll es an nichts fehlen. Ausser dem Fernseher. Mit gutem Grund: Die mehrheitlich berufstätigen Paare zwischen 30 und 55 Jahren sollen am Stadtleben teilnehmen. Sie erhalten Gutscheine, können konsumieren, was sie interessiert. Gratis. Etwa einen Elektrobike-Ausflug aufs Sälischlössli, einen Znacht beim Chinesen in der Altstadt, einen Abend im Kleintheater in der Industrie.

2015 wiederholte die Stadt die Aktion im neuen Stadtteil Olten-Südwest. Es wollten wieder mehr kommen, als es Platz hatte. Trotzdem stehen dort 35 Prozent der neuen Wohnungen noch immer leer. Machen die Leute nicht einfach Gratis­ferien? «Nein», sagt Blaser von der Wirtschaftsförderung. Ihre Motive würden vorgängig abgeklärt. «Es sind Pendler, die sich für einen kürzeren Arbeitsweg interessieren.» Die meisten arbeiteten normal weiter: er in Zürich, sie in Bern.

Der Alex-Capus-Effekt

Die Nachfrage auf das Probewohnen kann erstaunen: Denn so, wie die Stadt am Jurasüdfuss einst von sich reden machte, hat das ihren gesellschaftlichen Ruf nicht gerade gefördert. Der längste Strassenstrich der Schweiz, früher zwei Kilometer lang und heute noch 328 Meter, war zu Stosszeiten etwa so befahren wie die A 1 bei Staualarm. Auch die offene Drogenszene, die sich nach der Schliessung des Letten von Zürich kurz nach Olten verlagerte, tat der Stadt nicht gut. Es stimmt zwar, dass Geschäftsleute und Politiker die Stadt an zentraler Lage auch von den Tagungen kennen. Aber sie müssen sie in Kongressräumen ohne Atmosphäre verbringen. Sogar jene, die Lust haben, müssen es heimlich tun: Die auswärtigen Fremdgeher, erzählt man sich, kommen zu ihren Geliebten in die Hotels.

Doch der frühere Unort ist in den letzten Jahren interessant geworden. Für Nicht-Oltner vielleicht auch, weil da Schriftsteller Alex Capus eine Bar betreibt. Und Pedro Lenz ein Restaurant. Sie beide sind landesweit bekannt, wenigstens aber in Olten.

Seit fünf Jahren bietet die Stadt das Probewohnen an. Von den über hundert Probewohnern weiss Urs Blaser von einer Handvoll, die in die Stadt und Umgebung gezogen sind. Viele Probewohner bleiben nicht. Doch für ihn sei fast wichtiger, dass Olten sympathisch rüberkomme. Dennoch zählt die Stadt heute netto tausend Einwohner mehr als noch vor drei Jahren. Der zentralen Lage und günstigen Miete wegen. Denn in Bern und Zürich kann man sich das Wohnen nicht mal auf Probe leisten.

Erstellt: 03.02.2017, 23:40 Uhr

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