Wohnen im ausgehöhlten Stall

Tausende Ställe stehen in den Bergen leer. Darf man sie umnutzen? Ein Architekt schafft Fakten.

Er wollte das Kulturerbe bewahren, gleichzeitig entwurzelte er es und höhlte es aus: Die «Anakolodge» von Olivier Cheseauxin. Foto: Dominic Steinmann

Er wollte das Kulturerbe bewahren, gleichzeitig entwurzelte er es und höhlte es aus: Die «Anakolodge» von Olivier Cheseauxin. Foto: Dominic Steinmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vielleicht sind es 200'000, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger. So genau weiss das niemand. Stadel, Schober, Ställe. Sie stehen auf Wiesen und Matten. Dort, wo nur Bauten stehen dürfen, die der Landwirtschaft dienen. Im Prinzip. Doch sie stehen leer, werden nicht mehr gebraucht. Und wecken Gelüste. Bauern, Baufirmen, Leute aus dem Unterland, die schon lang ein hübsches Maiensäss suchen – sie alle möchten das Raumplanungsgesetz lockern, damit aus den leer stehenden Bauten Ferienwohnungen gemacht werden können.

Vor jedem Stall eine Fahnenstange und ein Parkplatz: «Das wäre die Apokalypse»Raimund Rodewald, Stiftung für Landschaftsschutz

Der Architekt Olivier Cheseaux hat das bereits geschafft – und dazu reichte ihm ein simpler Trick. Er demontierte die Ställe Balken für Balken und baute sie innerhalb der Bauzone wieder auf. Cheseaux lebt in einem Vorort von Sitten, war aber viel auf Reisen. Sie schärften seinen Blick. Er sah in den zerfallenden Ställen und der magischen Landschaft im Walliser Seitental Val d’Hérens einen Schatz. Schon seit langer Zeit. Der Banker, der ihm Geld leihen sollte, sah nichts.

Cheseaux liess sich nicht entmutigen, fand andere Geldgeber, blieb dran. Heute steht in La Forclaz auf 1700 Metern über Meer seine Anakolodge: sechs Gebäude aus sonnengebräunten, vom Alter gezeichneten Balken aus Lärchenholz – aussen uralt, innen hip. Nichts erinnert drinnen an früher, als die Häuschen noch ganz woanders im Tal standen. Die traditionellen Strickbauten stehen auf einem komplett neuen Fundament. 2,5 Millionen Franken investierte Cheseaux in das zweite Leben der Häuschen, heute schätzt er den Wert der Anlage auf mindestens das Doppelte. Gäste aus aller Welt besuchen sie. Der Banker lag falsch.

Cheseaux erzählt diese Geschichte vor dem «Mayen à Jean». Zufrieden fläzt er sich im Vintagesessel, seine Augenwinkel münden in Krähenfüsse, der freie Blick reicht bis zum Dent Blanche, den die Wolken eben freigegeben haben. Mächtig thront der 4000er über dem Tal.

Im Flachland im Bundeshaus baggern die Bergkantone derweil weiter. Würden alle ehemaligen Ställe und Heuschober zu Ferienwohnungen, wären die Immobilien zusammen schnell 20 Milliarden Franken wert, rechnete ein Genfer Nationalrat vergangenen März dem Plenum vor. Der Preis wäre der Verkauf der Schweizer Seele, warnt Landschaftsschützer Raimund Rodewald. Vor jedem Stall eine Fahnenstange und ein Parkplatz. «Das wäre die Apokalypse», sagt der Geschäftsführer der Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz.

Das Dilemma

Cheseaux pflichtet Rodewald im Grunde bei. Das Dilemma trieb ihn lange um: Er wollte das Kulturerbe bewahren, gleichzeitig entwurzelte er es, baute es ab und höhlte es aus. Heute ist er zuversichtlich, dass er mit seiner Lodge einen Ausweg gefunden hat, indem er ausschliesslich Abbruchobjekte aufkaufte und ein Angebot für sanften Tourismus schuf. Er gerät weder mit den verschärften Vorschriften zu den Zweitwohnungen in Konflikt, noch verletzt er die Trennung zwischen Bau- und Nichtbaugebiet.

Sogar Rodewald muss einräumen: Das hat was. So richtig warm wird er mit dem Konzept aber trotzdem nicht. Zu sehr erinnert es ihn an die künstliche Welt des Freilichtmuseums Ballenberg. Diesen Vorwurf kennt Cheseaux. Er lässt ihn nicht gelten. Das Schlüsselerlebnis sei gewesen, als er realisiert habe, wie bereits die Vorfahren Gebäude, die durch Lawinen zu Schaden gekommen seien, anderswo neu aufgebaut hätten. «Manchmal fand ich Holz aus drei verschiedenen Häusern vor», erzählt er. Warum diese Tradition nicht fortsetzen? Und gleichzeitig den eigenen Kindheitsidealen nachleben? Der Architekt ist ein Indianerfan, darum die langen Haare, darum Anako, der Name eines indianischen Schamanen. Darum das Motto seiner Firma:

«Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.»Olivier Cheseaux

Doch Cheseaux ist nicht nur ein Träumer. Er ist auch ein geschäftstüchtiger Walliser und weiss, dass Reisende authentische Orte wie diesen suchen. Mit Online-Buchungsplattformen erreicht er sie weltweit. Sie kommen aus Australien, Amerika, der Schweiz. Und bescheren ihm eine beneidenswerte Auslastung. Mit 65 Prozent liegt sie höher als die Bettenauslastung der Topdestination Zermatt, die 2017 bei rund 55 Prozent lag. «Im Endeffekt sind die sechs Gebäude der Anakolodge vergleichbar mit Bungalows auf Bali», sagt der Architekt.

Ringen um Kompromisse

Ganz so neu sei Cheseauxs Konzept nicht, sagt Landschaftsschützer Rodewald: In Verbier beispielsweise gebe es kaum mehr Scheunen und Ställe auf den Weiden. Auch dort seien sie vom boomenden Zweitwohnungsbusiness aufgesaugt worden. Im Schweizer Alpenraum sei ein Drittel bereits zu Ferienwohnungen umgebaut worden, ein weiteres Drittel werde unwiederbringlich zerfallen. Das ist für Rodewald kein Unglück. Das letzte Drittel hingegen möchte er dort erhalten, wo es ist – als Zeuge einer vergehenden Zeit. Er träumt davon, dass die Schober, Scheunen und Ställe aus Idealismus erhalten werden.

Umfrage

Sollen die alten Scheunen im Wallis erhalten werden?





Der politische Kampf in Bern lässt sich vor diesem Hintergrund lesen. Das Bundesamt für Raumentwicklung versucht in der zweiten Revisionsetappe des Raumplanungsgesetzes, die divergierenden Interessen unter einen Hut zu bringen. Im Herbst wird der Bundesrat die Botschaft dazu vorlegen. Geht es nach Rodewald, dürfen Ställe nur dann umgenutzt werden, wenn die Landschaft und die Öffentlichkeit davon profitieren. Den Interessenvertretern aus den Bergen ist das viel zu restriktiv. Als Alternative bringt sich neuerdings ein Berner Oberländer Verein mit dem sinnigen Namen Schürli ins Spiel. Schürli möchte die Kulturlandschaft mit den charakteristischen Ställen erhalten, indem sie ausgebaut werden dürfen. Gleichzeitig würde eine Erschliessung aber untersagt. Rodewald findet das blauäugig.

Ein Indianerfan: Olivier Ceseaux, Architekt. Foto: Dominic Steinmann

Olivier Cheseaux hat gewisse Sympathien für die Ideen aus dem Berner Oberland. Auch er hätte die Ställe lieber dort hergerichtet, wo sie ursprünglich waren. Doch er kann als Walliser die Folgen sehen: An Wochenenden wird überall auf den Matten an den Kleinoden des bröckelnden Bergbauernidylls gewerkelt – auch auf den terrassierten Wiesen unterhalb seiner Lodge ist kaum mehr ein Schober das, was er zu sein vorgibt. Vor vielen parkiert ein Auto, im Stall stehen Tisch und Stühle statt Schafe und Rinder. Der Reiz einer schmucken Absteige in der Natur als Gegenwelt zum Alltag ist längst ein lukratives Geschäft. Rodewald weiss von Immobilienfirmen, die im Bündnerland Flyer in Briefkästen von Bauern stecken. Darauf bieten sie den Komplettausbau ihrer Scheunen an. Anruf genügt.

Das kleine Paradies

Cheseaux hofft nicht, dass die Geschichte so endet. Er stimmte als einer der wenigen Walliser im Frühjahr 2012 für die Zweitwohnungsinitiative. Seine Lodge gebe es nicht trotz, sondern wegen der Initiative, ist er überzeugt. Cheseaux hat seine Nische und eine persönliche Lösung für das Dilemma auf den Matten und Weiden in den Bergen gefunden. Er nennt es liebevoll «le petit paradis». Fans hat es bereits überall auf der Welt. Sie bewerten es mit fünf Sternen auf Airbnb. Ein Gast aus Abu Dhabi leitet seine Empfehlung begeistert mit den Worten ein: «This place rocks!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 10:05 Uhr

Artikel zum Thema

Auch das Maiensäss ist eine Zweitwohnung

Hintergrund Landschaftsschützer befürchten, dass viele Maiensässe verlottern werden – weil sie wegen der Zweitwohnungsinitiative nicht einmal mehr minim ausgebaut werden dürfen. Mehr...

Immer mehr Wohnungen in Zürich im Besitz von Firmen

Unternehmen kaufen vermehrt Immobilien in Zürich, Privatpersonen besitzen immer weniger. Dies sei der wahre Grund für gestiegene Mieten, sagen Kritiker. Mehr...

Begriff Zweitwohnung soll eng definiert werden

Nach der Abstimmung folgt nun die Arbeit: Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative ist die zuständige Arbeitsgruppe in Bern das erste Mal zusammengekommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Baum fällt: Eine Frau geht an einem Baum vorbei, der während eines Sturms in Kiew umgeknickt ist. (16. August 2018)
(Bild: Valentyn Ogirenko) Mehr...