Wolf im Bärenpelz

Wandern wilde Bären heutzutage ins Bernbiet ein, liegen dort Glücks- und Elendsgefühle nicht weit entfernt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die durchaus gute Nachricht: Der Bär, der vor wenigen Tagen am Grünenbergpass bei Eriz BE gesichtet worden ist, wurde von den Bernerinnen und Bernern äusserst warmherzig empfangen. Die nach einer gefühlten Ewigkeit – freiwillige! – Rückkehr des geschätzten Wappentiers berührte sehr. Niemand suchte das Zielfernrohr hervor. Niemand rief nach dem Tellereisen. Ganz im Gegenteil, denn allein schon die vermutete Marschrichtung des Tieres löste eine gewisse Ergriffenheit aus: Das wohl aus Uri eingewanderte Pelztier befand sich ziemlich klar auf Kurs in Richtung Bundesstadt.

Doch eine schlechte Nachricht vernichtete die bernischen Glücksgefühle umgehend. Im Moment des grossen, historischen Augenblicks zeigt sich nämlich in aller Tragweite, was der demütigende Raub der Berner Bären durch die napoleonischen Truppen anno 1798 mit den Bernerinnen und Bernern angerichtet hat: Die standhaften bernischen Mutzen haben inzwischen Mühe, echte wilde Bären als solche zu erkennen. Den Beweis dafür liefert uns der bodenständige bernische Politiker Samuel Krähenbühl: Kaum war publik, dass ein juveniler pelziger Migrant derzeit die Hänge im Eriz durchstreift, lag auch schon ein Vorstoss Krähenbühls vor. Über seine Anfrage an die bernische Regierung setzte der erfahrene SVP-Grossrat den Titel: «Erizer Wolf: Was unternimmt der Regierungsrat zum Schutz der Tiere?»

Keine Zeit für Tierkunde

Der Erizer Wolf? Da repetieren wir alle wie brav blökende Lämmer die Nachricht vom nach Bern zurückgekehrten Wappentier Bär. Und Krähenbühl sieht einen Wolf? Nun, Vorsicht mit vorschnellen Urteilen. Wie sollen wir so gründlich ausgerottete Tiere denn noch unterscheiden können? Vielleicht wars ja ein Schakal? Und wie soll einer wie Krähenbühl beim eiligen Copy/pasten von politischen Vorstössen noch Zeit für die Vertiefung in die Tierkunde finden?

Und was sagen die Erizerinnen und Erizer zum politischen Support? Er kommt ihnen irgendwie ungelegen. Sie amüsieren sich zwar darüber, dass der Bär nicht bei den Nachfahren des stadtbernischen Patriziats vorbeischaute, sondern im ländlichen Untertanengebiet von einst. Fürs Eriz ist das ein unglaublicher Prestigeerfolg. Aber Gemeindepräsident Daniel Jost wünscht sich keine parteipolitische Aufladung des historischen Moments. Er hofft eher auf Scharen, die nun als Destination ihrer nächsten Wanderung Eriz wählen, «denn den Namen Eriz hat man nun schweizweit gehört». Die Präsidentin von Eriztal Tourismus, Katharina Mian, doppelt nach: «Der Bär weiss eben, welches die schönste Gemeinde ist.»

Krähenbühls starke These

Eriz lobt den Bär, Krähenbühl sieht den Wolf. Bär oder Wolf: Was gilt nun? Vielleicht wird sich bei der politischen Aufarbeitung ja zeigen, dass der Politiker doch recht hat. Vielleicht tummelt sich im Eriz tatsächlich ein Wolf, aber halt ein Wolf im Bärenpelz – weils im Eriz an Schafspelzen mangelt. Krähenbühl liefert starke Indizien für diese These: Das Raubtier werde durch die grossen Hirschbestände in der Region angelockt. Ergo kanns kein Bär sein, denn der ernährt sich primär vegetarisch.

Aber wie gesagt: Die Schmach von 1798 hat in Bern das Bärenwissen arg ausgedünnt, auch das Wissen über bärische Speisekarten. Darum fragt sich tout Berne jetzt doch sachte, ob nach dem ersten Hurra nicht auch ein bisschen Furcht angezeigt wäre. Was, wenn die von Krähenbühl offerierten Hirsche alle aufgefressen sind? Sind dann Waden wackerer Wanderinnen gefährdet? Man traut dem eigenen Wappentier offensichtlich kein rein vegetarisches Menü zu. Und das, obwohl Generationen von Bernerinnen und Bernern den bettelnden Bären im Bärengraben immer Karotten und nie ein zartes Hirschlein in den Schlund geworfen haben.

Erstellt: 02.06.2017, 17:45 Uhr

Artikel zum Thema

Der Bär nach knapp 200 Jahren zurück im Kanton Bern

In der Gemeinde Eriz ist am Freitag ein Bär fotografiert worden. Es ist die Rückkehr des kantonalen Wappentiers. Mehr...

Wer darf Tiere töten?

Dass zwei bekannte Igelstationen wegen neuer Vorschriften schliessen müssen, stösst auf viel Kritik – aber nicht nur. Es gibt auch Tierstationen, die Verständnis zeigen. Mehr...

«Der Wolf ist eine grössere, ernstere Sache»

Das Raubtier polarisiert: Ein Besuch im Wallis bei Georges Schnydrig, einem der umtriebigsten Wolfsgegner der Schweiz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die illegalen Gipfeli von Beaumont

Ein Bäcker wird ständig gebüsst, weil er sich nicht an Öffnungszeiten hält. Mehr...

Ruhe im Bad, bitte!

Serie Unterdessen in St. Gallen: Das leiseste Openair der Schweiz ist zu laut. Es wird nun indoor gespielt. Mehr...

Wildes Wild

Serie Unterdessen in Peseux NE: Fiese Attacke am Volkslauf. Das Opfer: ein Zuschauer. Der Schaden: eine kaputte Brille. Der Täter: läuft frei umher. Mehr...