WOZ gegen «Weltwoche»

Der Journalist Andreas Fagetti tritt bei den Wahlen gegen den Nidwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller an. Er verhindert damit eine stille Wahl.

Wahlkampf mit 15'000 Franken: «WOZ»-Journalist Fagetti. Foto: Florian Bachmann

Wahlkampf mit 15'000 Franken: «WOZ»-Journalist Fagetti. Foto: Florian Bachmann

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Es begann beim Bier irgendwo in Zürich und könnte, je nachdem, in einer Mietwohnung in Stans oder Wolfenschiessen oder Ennetbürgen enden. Und im Bundeshaus. Bis vor einer Woche war der gebürtige St. Galler Andreas Fagetti (55) ein Journalist der «Wochenzeitung» (WOZ) ohne besondere Bindungen in den Kanton Nidwalden. Seit dieser Woche ist er: Nationalratskandidat im Kanton Nidwalden. Die dafür nötigen Unterschriften von zwei Nidwaldnern hatte der in Zürich wohnhafte Fagetti schnell zusammen.

Was als Bieridee begann, ist ernst geworden. Die Kandidatur wurde vom WOZ-Plenum abgesegnet (einstimmig) und Fagetti freigestellt. Sollte er am 18. Oktober gewählt werden, wäre seine Zeit bei der WOZ vorbei und er würde nach Nidwalden ziehen – obwohl für Nationalräte keine Wohnsitzpflicht besteht.

Auslöser für die Kandidatur von Fagetti ist ebenfalls ein Journalist. Peter Keller arbeitet für die «Weltwoche» und ist seit vier Jahren der einzige Nationalrat von Nidwalden. Der SVP-Politiker hatte eigentlich die Aussicht auf einen geruhsamen Wahlkampf. Der Kanton kennt die stille Wahl, ein Gegenkandidat war nicht in Sicht. Bis Fagetti kam. «Die Leute müssen die Wahl haben», begründet dieser seine Kandidatur. «Es kann nicht sein, dass ausgerechnet im Herzen der direkten Demokratie jemand im Schlafwagen nach Bern fährt.»

Fagetti und auch die WOZ wollen «Demokratie ermöglichen» – so auch der Name der Wahlliste. Gleichzeitig will das frühere SP-Mitglied Fagetti mit seiner Aktion auf die Verquickung von Politik und Journalismus hinweisen. «Mit der Kandidatur von ‹Weltwoche›-Chefredaktor Roger Köppel für die SVP erreicht die parteipolitische Instrumentalisierung von Medien einen neuen Schub», heisst es heute in der WOZ. «Es ist problematisch, wenn ein Journalist über die gleichen Dinge schreibt, die er als Politiker mitentschieden hat», sagt Fagetti. Darum wird er ab sofort – mit Ausnahme einer Wahlkampf­kolumne – nicht mehr journalistisch tätig sein.

Sollte er gewählt werden, würde sich Fagetti gegen die Tiefsteuerpolitik des Kantons und «für die kleinen Leute» einsetzen. Zu diesen zählt er sich selber. Nach einem Schulabbruch kurz vor der Matur verdingte sich Fagetti als Bauhandlanger und in einer Fabrik. Mitte der 80er-Jahre begann er, für Lokalzeitungen zu schreiben, und ist dem Beruf bis heute treu geblieben.

Jetzt versucht Fagetti den Seitenwechsel. 15'000 Franken sind für den Wahlkampf budgetiert, heute will er sich an einer Standaktion in Stans zeigen, an ein Podium mit Nationalrat Keller wurde er auch schon eingeladen. Trotzdem wird sich Fagetti wohl nicht so rasch nach einer neuen Wohnung umsehen müssen. Seine Kandidatur gilt als chancenlos. Aber sie hat ja auch einen anderen Zweck. Die WOZ formuliert es ohne Angst vor Pathos so: «Seine Kandidatur garantiert, dass in Nidwalden die Demokratie nicht zur Tyrannei der abnickenden Mehrheit verkommt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2015, 18:17 Uhr

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