WTF!

Tamara Funiciello ist laut, provokativ, eine «richtig Linke». Und die logische neue Präsidentin der Juso.

«Wir müssen endlich Gerechtigkeit einfordern»: Tamara Funiciello überzeugte die Juso-Delegierten am vergangenen Samstag in Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

«Wir müssen endlich Gerechtigkeit einfordern»: Tamara Funiciello überzeugte die Juso-Delegierten am vergangenen Samstag in Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Text über Tamara Funiciello könnte aus lauter Schlagzeilen bestehen.

  • «Wir sind der Dorn im Arsch der SP, und dieser Dorn darf ruhig ab zu etwas wehtun.»
  • «Wir Juso sind das Gewissen der Gesellschaft.»
  • «Nicht Menschen mit anderen Passfarben sind schuld an tiefen Löhnen, sondern die Chefs.»
  • «Wir werden das neoliberale, zutiefst ungerechte System angreifen.»
  • «Die Juso überwinden den Kapitalismus!»

Und das ist nur eine Auswahl. Die Rede beispielsweise, die Tamara Funiciello, 26 Jahre alt, Studentin der Geschichtswissenschaften (94 Creditpoints bisher, gut die Hälfte also), ehemalige Gewerkschaftssekretärin der Unia in Bern, am Samstag bei ihrer Wahl zur neuen und ersten weiblichen Juso-Präsidentin vor den jungen Sozialisten gehalten hat, diese Rede ist bei der Auswahl der Schlagzeilen noch gar nicht berücksichtigt.

Und was für eine Rede das war! Keine Angst vor Pathos, keine Angst vor Grundsätzlichem (davor haben junge Linke ja selten Angst), keine Angst vor der grossen Geste. Sie fühle eine Wut, sagte Funiciello vor den Delegierten, eine Wut auf ein System, das sich nicht an den Bedürfnissen der Menschen orientiere, sondern immer nur am Profit weniger. «Wut auf ein System, das im Namen des Profites über Leichen geht. Wut auf ein System, das auf Konkurrenz und Unterdrückung aufgebaut ist und von Unterschieden und Grenzen profitiert.»

Wohin das führe, zeige die Vergangenheit. «Haben wir nicht geglaubt, es wäre unmöglich, dass in Europa faschistoide, nationalistische und rechtsradikale Mächte wieder erstarken können?» Darum müsse man die Wut in Schlagkraft verwandeln. «Wir müssen uns wehren, aufstehen, uns erheben und endlich Gerechtigkeit einfordern.»

Blitzgescheit und vorlaut

Und das «Wir» meinte sie ziemlich wörtlich. «Wir sind die Zukunft dieser Partei, der Linken in diesem Land und auf dieser Welt.» Sie wolle Grenzen überwinden, die Mächtigen herausfordern und der SP zeigen, dass «richtig Linke» in eine erfolgreiche Zukunft schauen können. «Dass wir diese Welt verändern können und dass wir diese Welt verändern werden», sagte Funiciello zum Schluss und lieferte ein herzliches «WTF!» hinterher. «What the fuck!», ihr Wahlkampfslogan aus dem vergangenen Herbst, als Funiciello für den Nationalrat kandidierte, und eine treffende Zusammenfassung des politischen Programms der Juso unter ihrer neuen Präsidentin (und all ihren Vorgängern).

Ein grosses «WTF!» gegen das System, gegen die Ungerechtigkeit der Welt, gegen den Kapitalismus. Bei Funiciello ist alles und immer grundsätzlich. Laut und geschrien. Blitzgescheit sei die Tochter einer Detailhandelsangestellten und eines Fabrikarbeiters aus Italien, sagen ihre politischen Gegner aus Bern, blitzgescheit und ebenso vorlaut. Sie sei Juso durch und durch und wolle die Partei auch so führen, sagt sie selber. «Wir müssen provozieren, um gehört zu werden.» Dass die neue Präsidentin das kann: Man muss davon ausgehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2016, 14:40 Uhr

Artikel zum Thema

Juso-Präsident Molina tritt zurück

Nach zwei Jahren im Amt und der verpassten Wahl in den Nationalrat hört Fabian Molina auf. So begründet er seinen Rücktritt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!