Hat die EU eine Studie zu E-Zigaretten falsch interpretiert?

20 Milligramm hat die EU als Nikotingrenzwert festgelegt, der Ständerat folgte der Grenze gestern – zum Ärger des verantwortlichen Forschers.

E-Zigaretten sind nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wissenschaftlich umstritten. Foto: Urs Jaudas

E-Zigaretten sind nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wissenschaftlich umstritten. Foto: Urs Jaudas

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Wie viel Nikotin soll eine E-Zigarette enthalten? Die Frage sorgt in Fachkreisen für Kontroversen: Um Raucher zum Umsteigen auf das weniger schädliche Dampf-Produkt zu motivieren, sei ein vergleichbar hoher Nikotingehalt wie in «echten» Zigaretten nötig – so lautet eine weitverbreitete Meinung. Der Ständerat will davon aber nichts wissen, wie sich gestern bei der Beratung des Tabakproduktegesetzes zeigte. Mit 28 zu 11 Stimmen lehnte der Rat einen Antrag von Hans Wicki (FDP, NW) ab, der die geltende Limite von 20 Milligramm pro Milliliter auf 60 Milligramm anheben wollte.

Die Vertreter der Mehrheit argumentierten mit dem Gesundheitsschutz – vor allem aber auch mit den EU-Regeln. Joachim Eder (FDP, ZG) verwies auf die massgebliche EU-Richtlinie aus dem Jahr 2014, welche die 20-Milligramm-Limite vorgibt. An dieses Reglement wollen sich Ständerat und Bundesrat halten, um Handelshemmnisse zu vermeiden.

Wie Recherchen dieser Zeitung nun aber zeigen, ist die EU-Richtlinie wissenschaftlich alles andere als unumstritten: Ausgerechnet der Verfasser der Studie, auf die sich die EU stützt, übt daran deutliche Kritik. Es handelt sich dabei um Konstantinos Farsalinos, der als Arzt am herzchirurgischen Onassis-Zentrum in Athen arbeitet und als Koryphäe gilt.

Seine Studie von 2013 über E-Zigaretten wird von der EU als Referenz für die 20-Milligramm-Vorgabe angegeben, wie aus dem entsprechenden Grundlagenpapier ersichtlich ist. Auf Anfrage hält der Studienautor nun aber fest, nötig seien nicht 20 Milligramm Nikotin, sondern mindestens 60 Milligramm.

30 Minuten dampfen

Farsalinos betont, er habe «zusammen mit anderen Wissenschaftlern» versucht , die EU-Behörden über die «wahren Ergebnisse meiner Forschung zu informieren». Es habe sich dort aber niemand überzeugen lassen. Der Arzt hält fest, dass er wissenschaftlich unabhängig handle. Er sei weder von einem Tabakmulti noch von einem E-Zigaretten-Hersteller finanziert.

Für Farsalinos ist klar, dass es mindestens einen Nikotingehalt von 60 Milligramm pro Milliliter Verdampferflüssigkeit (Liquid) brauche, damit die E-Zigaretten zu einem wirksamen Zigarettenersatz würden. Mit einem Nikotingehalt von nur 20 Milligramm müssten Raucher über eine halbe Stunde lang dampfen, um auf die gleiche Menge Nikotin zu kommen wie beim Rauchen einer Zigarette.

Der griechische Kardiologe und E-Zigaretten-Forscher Konstantinos E. Farsalinos will Raucher zum Dampfen bringen. Foto: PD

Doch wie erklärt sich der Arzt und Forscher die Fehlauslegung seiner Studie? Er glaube nicht, dass dahinter Absicht der EU-Behörden stecke, sagt er. Der Zeitpunkt der Beratungen liege einige Jahre zurück. Damals, in den Jahren 2013 und 2014, hätten die Behörden nur über ein begrenztes Verständnis für E-Zigaretten verfügt.

In der Sache urteilt Farsalinos heute indes so kompromisslos wie in seiner Studie: «In Wirklichkeit verhindert ein niedriger Nikotingehalt nicht nur, dass Raucher zufrieden sind und E-Zigaretten als vollständigen Ersatz für das Rauchen verwenden. Sie verursachen auch eine unnötige Belastung durch mehr Aerosol.» Es sei für die nachhaltige Umstellung vom Rauchen aufs Dampfen entscheidend, dass E-Zigaretten-Nutzer im Idealfall täglich hohe Nikotinkonzentrationen und geringe Flüssigkeitsmengen verwenden sollten. Diese beiden Faktoren interagierten miteinander. Für den Arzt bewirkt eine höhere Nikotinkonzentration einen geringeren E-Liquid-Verbrauch – der Körper nimmt so weniger der Flüssigkeit aus E-Zigaretten auf.

Skepsis gegenüber einem hohen Nikotingehalt in E-Zigaretten gibt es hierzulande aufgrund negativer Erfahrungen in den USA. Dort liegt die Limite bedeutend höher, und dort ist der Konsum unter Jugendlichen stark angestiegen. 2017 waren es unter den 14- bis 18-Jährigen 11,7 Prozent, 2018 bereits 20,8 Prozent, die dampften. Wie beim Rauchen stehen Anliegen für den Jugendschutz dem Ziel gegenüber, Raucher von der Zigarette wegzubringen und so die Gesundheitskosten zu senken.

«Rauchen ist eine der tödlichsten Gewohnheiten, die der Mensch sich angeeignet hat. E-Zigaretten können lebensrettend sein.»Konstantinos Farsalinos, Arzt und Studienautor

Die Politik hat beim Schaffen von Limiten einen Zielkonflikt: Will man die Gesundheitskosten senken, indem Raucher zum Dampfen gebracht werden? Oder will man Jugendliche vor der Abhängigkeit schützen, indem Nikotindosen möglichst gering gehalten werden?

Unproblematisch sind E-Zigaretten vor diesem Hintergrund letztlich auch laut Farsalinos nicht, nur weniger schädlich als Tabakzigaretten. Jeder müsse verstehen, dass E-Zigaretten keine einfachen Konsumgüter seien, meint er. Sie seien ein Zigarettenersatz. Aber Farsalinos hält eben auch fest: «Rauchen ist eine der tödlichsten Gewohnheiten, die der Mensch sich angeeignet hat. Die Hälfte der Raucher stirbt vorzeitig an einer raucherbedingten Krankheit, und obwohl alle Raucher heute die negativen Auswirkungen ihrer Gewohnheit kennen, ist es für sie schwierig aufzuhören. E-Zigaretten können für sie lebensrettend sein.»

Erstellt: 18.09.2019, 09:51 Uhr

US-Regierung plant Verbot von aromatisierten E-Zigaretten

Die US-Gesundheitsbehörden sind alarmiert über eine Welle von schweren Lungenerkrankungen, bei denen ein Zusammenhang mit E-Zigaretten vermutet wird. Mehr als 450 Fälle sind bislang bekannt, sechs der betroffenen Patienten starben. Viele der Erkrankten sind junge Leute.

Die Betroffenen leiden unter Symptomen wie Atemproblemen und Brustschmerz, viele mussten künstlich beatmet werden. Mehrere Jugendliche liegen im künstlichen Koma, einer von ihnen braucht nach Angaben seiner Ärzte voraussichtlich eine Lungentransplantation.

Präsident Donald Trump kündigte am vergangenen Mittwoch im Weissen Haus «sehr strenge» Vorschriften für Hersteller an und bezeichnete die Nutzung von E-Zigaretten als «grosses Problem». Vordergründig wurde das geplante Verbot nicht mit den bekanntgewordenen Todesfällen begründet, sondern mit dem zunehmenden Konsum durch Minderjährige. First Lady Melania Trump hatte bereits vor einigen Tagen ihre Sorge über den Konsum von E-Zigaretten von Kindern geäussert und auf Twitter von einer «wachsenden Epidemie» gesprochen.

Die Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) arbeite Richtlinien aus, mit der alle Geschmacksrichtungen mit Ausnahme von Tabak vom Markt verbannt werden sollen. Bereits ein Verbot von E-Zigaretten hat San Francisco ausgesprochen. (sda)

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