Zahl der Asylgesuche fällt 2018 auf Elf-Jahres-Tief

Im vergangenen Jahr sind in der Schweiz gut 15'000 Asylgesuche gestellt worden, 15 Prozent weniger als im Jahr davor, wie Staatssekretär Mario Gattiker sagt.

Die Gesuche aus Eritrea seien stark rückläufig: Staatssekretär Mario Gattiker. (Archivbild)

Die Gesuche aus Eritrea seien stark rückläufig: Staatssekretär Mario Gattiker. (Archivbild) Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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In der Schweiz sind seit mehr als zehn Jahren nie mehr so wenig Asylgesuche gestellt worden wie im letzten Jahr. Die 15'255 Gesuche bedeuten einen Rückgang um 15,7 Prozent. Für das laufende Jahr wird mit gleich vielen Gesuchen oder leicht höheren Zahlen gerechnet.

Die Schweiz sei immer weniger Zielland für Asylsuchende, die kein Anrecht auf den Schutz durch die Schweiz hätten, sagte der Direktor des Staatssekretariats für Migration (SEM) in einem «Blick»-Interview vom Freitag. Gattiker sieht den Grund darin, dass die Schweiz sehr schnell über die Asylgesuche entscheide und die Leute die Schweiz rasch wieder verlassen müssten.

Ausweichbewegung über Spanien

Zudem würden viel weniger Flüchtlinge übers Mittelmeer nach Italien kommen. Es gebe eine Ausweichbewegung über Marokko und Spanien – und diese Asylsuchenden würden nicht in die Schweiz reisen.

Die 15'255 Asylgesuche stellen den tiefsten Wert seit dem Jahr 2007 dar, als 10'844 Gesuche gestellt wurden, wie der am Freitag veröffentlichten Asylstatistik des SEM zu entnehmen ist. Der Anteil der Schweiz an allen in Europa gestellten Asylgesuchen lag wie im Vorjahr bei rund 2,5 Prozent. Es handelt sich dabei um den zweittiefsten Anteil der Schweiz seit dem Fall der Berliner Mauer 1989.

Die meisten Gesuche stammten demnach von Eritreern, Syrern und Afghanen. Insbesondere die Gesuche aus Eritrea seien stark rückläufig, sagte Gattiker. Von den rund 2825 eritreischen Asylgesuchen seien nur 492 Personen in die Schweiz geflüchtet. Bei allen anderen Fällen handele es sich um Geburten und Familienzusammenführungen.

Eritrea wichtigstes Herkunftsland

Wichtigstes Herkunftsland von Asylsuchenden in der Schweiz war Eritrea. Insgesamt wurden 2825 Asylgesuche von Eritreerinnen und Ertreern registriert. Im Vorjahr waren es noch 3375 gewesen. Davon seien 797 auf Familienzusammenführungen entfallen, 29 auf das europäische Relocation-Programm, 1444 auf Geburten und 63 auf Mehrfachgesuche. Spontan gelangten lediglich 492 eritreische Asylsuchende in die Schweiz.

Zur umstritten Überprüfung von 3400 vorläufig aufgenommenen Eritreern und deren mögliche Rückkehr in ihr Heimatland, sagte Gattiker in einer Zwischenbilanz, dass die vorläufige Aufnahme wohl bei weniger als zehn Prozent der Fälle aufgehoben werden könne. Der Bund müsse sich hier an die Rechtsprechung halten. Bei verletzlichen Personen oder solchen, die schon lange in der Schweiz seien und sich gut integriert hätten, könne man die vorläufige Aufnahme meistens nicht aufheben. Die Arbeit dazu soll Mitte Jahr abgeschlossen sein.

An zweiter Stelle der Herkunftsländer lag gemäss der Statistik Syrien mit 1393 Gesuchen, 29 Prozent weniger als im Vorjahr. Es folgten Afghanistan mit 1186 Gesuchen (minus drei Prozent), die Türkei mit 1005 Gesuchen (plus 18 Prozent), Georgien mit 873 Gesuchen (plus 30 Prozent), Algerien mit 747 Gesuchen (plus 35 Prozent) und Sri Lanka mit 652 Gesuchen (minus 22 Prozent).

Schweiz deutlich über europäischem Mittel

Mit 1,9 Asylsuchenden auf 1000 Einwohner (Vorjahr 2,2) liege die Schweiz weiterhin deutlich über dem europäischen Mittel von 1,2 Asylsuchenden pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. Eine höhere Quote hätten in Europa Griechenland mit 6,3, Zypern mit 5,7, Malta mit 4,8, Luxemburg mit 3,6, Schweden mit 2,2 und Belgien mit 2,1 Asylsuchenden pro 1000 Einwohner aufgewiesen. In Deutschland waren es wie in der Schweiz 1,9 Asylsuchende pro 1000 Einwohner.

Aufgrund der bisher vorliegenden Zahlen der europäischen Staaten kann laut SEM davon ausgegangen werden, dass 2018 in Europa rund 640'000 Asylgesuche gestellt wurden. Dies sei gegenüber 2017 ein Rückgang um rund 15 Prozent. Die Zahl der Gesuche stelle allerdings immer noch den vierthöchsten Wert seit dem Fall der Berliner Mauer dar.

Die Zahl der in Europa gestellten Asylgesuche lasse allerdings keinen direkten Rückschluss auf die Zahl der asylsuchenden Menschen zu, die effektiv nach Europa gelangten: Geflüchtete suchten oft in mehreren Staaten um Asyl nach.

Für 2019 rechnet das SEM laut Gattiker mit gleichbleibenden Asylzahlen wie 2018. Man gehe von rund 15'500 neuen Asylgesuchen aus. Die Situation sei aber nach wie vor volatil, der internationale Migrationsdruck bleibe hoch, sagte Gattiker weiter. In der Türkei lebten über drei Millionen Syrer. Die Asylgesuchszahlen könnten rasch wieder ansteigen.

Flüchtlingshilfe: Schweiz muss mehr tun

Für die Schweizerische Flüchtlingshilfe ist der tiefste Wert der Asylgesuche seit 2007 eine direkte Folge der EU-Abschottungs- und Abschreckungspolitik, die auch die Schweiz mittrage. Flüchtende würden dadurch auf immer gefährlichere Routen gezwungen. Die Flüchtlingshilfe fordert den Bund dazu auf, angesichts der weltweiten Fluchtbewegungen seine Verantwortung wahrzunehmen und vermehrt legale Zugangswege zu schaffen.

Die lange humanitäre Tradition verpflichte die Schweiz auch zur Verantwortung, bei der aktuellen Bewältigung des weltweiten Flüchtlingselends eine Vorbildfunktion zu übernehmen. Die Schweiz könne und müsse mehr tun, gerade auch bei der Seenotrettung. (chk/sda)

Erstellt: 01.02.2019, 05:24 Uhr

Anerkennungsquote liegt bei einem Viertel

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat im vergangenen Jahr 26'103 Asylgesuche erstinstanzlich erledigt, 1118 weniger als im Jahr zuvor. 6358 Menschen erhielten Asyl. Die Anerkennungsquote belief sich somit auf 25,9 Prozent gegenüber 25,8 Prozent im 2017.

Die Schutzquote, das heisst der Anteil Asylgewährungen plus vorläufige Aufnahmen aufgrund erstinstanzlicher Entscheide betrug 60,8 Prozent gegenüber 57,5 Prozent im 2017, wie das SEM am Freitag mitteilte. Die Zahl der erstinstanzlich hängigen Fälle betrage 11'594 Gesuche, 8909 weniger als Ende 2017.

Im Berichtsjahr verliessen 1613 Menschen freiwillig die Schweiz. Das waren 5,6 Prozent weniger als im Vorjahr. 3266 Menschen wurden entweder in ihren Heimatstaat oder einen Drittstaat zurückgeführt (minus 8,6 Prozent), 1560 Menschen in einen Dublin-Staat (minus 23,6 Prozent).

Im Rahmen der vom Bundesrat Ende 2016 beschlossenen Aufnahme von 2000 Opfern des Syrienkonflikts sind laut SEM bis Ende letzten Jahres 1594 Menschen über dieses Resettlement-Programm in die Schweiz gereist. Im Rahmen einer dringlichen humanitären Sofortmassnahmen wurden auf Ersuchen des Uno-Flüchtlingshilfswerks zudem 78 besonders schutzbedürftige Flüchtlinge aufgenommen, die mehrheitlich aus Libyen evakuiert worden waren. Die Übernahme von bis zu 1500 Asylsuchende im Rahmen des Relocation-Programms der EU konnte 2018 abgeschlossen werden. (sda)

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