Zehntausende Franken für den Kampf von Spiess-Hegglin

Fairmedia sammelt Geld für den Prozess gegen den «Blick». Der Verein will damit Leiturteile für Medienopfer erwirken – inklusive Gewinnherausgabe.

Jolanda und Reto Spiess-Hegglin nach der Hauptverhandlung vor dem Zuger Kantonsgericht am 10. April 2019. Das Gericht gab Spiess-Hegglin in den wichtigsten Punkten recht. Das Urteil wird jedoch von ihr sowie von Ringier weitergezogen.

Jolanda und Reto Spiess-Hegglin nach der Hauptverhandlung vor dem Zuger Kantonsgericht am 10. April 2019. Das Gericht gab Spiess-Hegglin in den wichtigsten Punkten recht. Das Urteil wird jedoch von ihr sowie von Ringier weitergezogen. Bild: Keystone

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Am Donnerstagabend waren es 61'000 Franken, am Freitagmorgen schon 66'000. Am Freitagabend, das ist fast sicher, werden die 70'000 Franken beisammen sein. Vier Tage nachdem der Spendenaufruf ins Internet gestellt wurde. 70'000 Franken, so viel braucht Jolanda Spiess-Hegglin für den Prozess gegen Ringier.

Organisiert wurde die Aktion von Fairmedia, einem Basler Verein für faire Medienberichterstattung. Normalerweise bietet Fairmedia Rechtsberatung, Mediation und Hilfe beim Verfassen von Presseratseingaben oder Richtigstellungen. Spendenaufrufe gehörten nicht zur Tätigkeit des Vereins, sagt Geschäftsführerin Jessica King. Doch diesmal habe man eine Sammelaktion für nötig erachtet. «Der Fall Spiess-Hegglin ist ein besonders krasser Fall von unfairer Medienberichterstattung», sagt Jessica King. Und die Fragen, die es im Prozess zu beantworten gelte, seien von weitreichender Bedeutung: Kann eine Zeitung zur Entschuldigung verpflichtet werden? Unter welchen Umständen müsste sie den Gewinn herausgeben, und wie würde dieser berechnet? «Fairmedia fände es medienpolitisch wichtig, diesbezüglich rechtskräftige Urteile zu haben», sagt Jessica King.

Zuger Obergericht entscheidet als Nächstes

Noch ist im Fall Spiess-Hegglin nicht einmal rechtskräftig entschieden, ob der «Blick» die Persönlichkeitsrechte der ehemaligen Zuger Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin überhaupt widerrechtlich verletzt hat, als die Zeitung an Heiligabend 2014 in voller Preisgabe der Identität über intime Vorkommnisse an einer Landammann-Feier berichtete. Das war der Startschuss für eine beispiellose Artikelserie, die über Jahre andauerte.

Dem «Blick» sei es nicht gelungen, diese Verletzung der Persönlichkeitsrechte gebührend zu rechtfertigen, urteilte das Zuger Kantonsgericht Mitte Juni. Bald wird sich auch das Obergericht damit befassen. Sowohl die Klägerin wie auch Ringier ziehen das Urteil weiter. Für die «Blick»-Herausgeberin Ringier geht es um viel: Um die Frage, ob Journalisten künftig bei der Berichterstattung eingeschränkt wären und ob ein Medium in solchen Fällen den errechneten Gewinn herausgeben muss. Jolanda Spiess-Hegglin, die in den Hauptpunkten erstinstanzlich gewonnen hat, will, dass sich der «Blick» öffentlich bei ihr entschuldigen muss.

«Crowdlending» – das Geld wird zurückerstattet

Das alles, der Weiterzug der Persönlichkeitsklage und die spätere Gewinnklage, werden Spiess-Hegglin mindestens 70'000 Franken kosten, wie Fairmedia errechnet hat. Die Hälfte davon sind Gerichtsgebühren, welche die Klägerin bevorschussen muss, die andere Hälfte sind Anwaltskosten. Sollte Jolanda Spiess-Hegglin recht bekommen und das Geld zurückerhalten, werde es den Spendern erstattet, sagt Jessica King. Es handle sich nicht um Crowdfunding, sondern um eine Crowdlending-Kampagne. Wenn die Spender auf die Rückzahlung des Geldes verzichten, komme es in einen Fonds für weitere Betroffene.

Nachdem das Geld in vier Tagen zusammengekommen ist, belässt Fairmedia den Spendenaufruf noch bis Ende Juni online. Es wird also voraussichtlich deutlich mehr Geld zusammenkommen, als Jolanda Spiess-Hegglin für den Prozess braucht. Auch bei einem Überschuss gelte: Es wird zurückerstattet, nachdem die Prozesskosten beglichen sind.

Es stellt sich die Frage: Ist Jolanda Spiess-Hegglin inzwischen zur Sympathieträgerin geworden? Haben der Hass und die Wut auf sie, gegen die sie sich seit Jahren zur Wehr setzt, umgeschlagen in Wohlwollen? Es werden auch Plakate für sie aufgehängt, wie eine Twittermeldung vom Freitagmorgen zeigt. Und zwei Journalisten entschuldigen sich öffentlich bei ihr, weil sie damals, zu Beginn der Berichterstattung über sie, unfair gewesen seien. Mit Verlinkung zum Spendenaufruf.

Die Fairmedia-Verantwortlichen sind vom schnellen Erfolg überrascht. Die Person Spiess-Hegglin polarisiere immer noch stark, sagt Fairmedia-Präsident und SP-Nationalrat Beat Jans, der zusammen mit dem Basler Autor Guy Krneta den Verein Fairmedia vor drei Jahren gegründet hat. Jans stellt allerdings auch fest, dass sich die Debatte in eine andere Richtung entwickelt habe: «Man fragt heute eher: Was dürfen die Medien in so einem Fall, und was nicht? Es geht weniger um die Landammann-Feier und die Frage, was dort genau passiert ist. Das geht die Öffentlichkeit auch nichts an.»

Der Vorstand von Fairmedia habe die Unterstützungsaktion durchaus kontrovers diskutiert, sagt Jans. Dieses Thema sei politisch und ideologisch so stark aufgeladen, dass man als neutraler Verein Gefahr laufe, sich auf eine Seite zu schlagen. «Es ist uns deshalb wichtig, zu sagen, dass wir keine Stellung nehmen zu den Vorkommnissen oder zu Jolanda Spiess-Hegglin als Person. Wir unterstützen einzig ihren Kampf für faire Berichterstattung. Das würden wir übrigens auch für Markus Hürlimann tun.» Der frühere Präsident der SVP Zug war zusammen mit Spiess-Hegglin nach jener Landammann-Feier in die Schlagzeilen geraten.

Reaktion auf Blocher-BaZ

Fairmedia wurde gegründet, weil in Basel das Klima frostiger wurde, als die «Basler Zeitung» vor rund acht Jahren von Christoph Blocher und Leuten seines Vertrauens übernommen wurde. Personen aus der Verwaltung, allgemein aus dem öffentlichen Leben, seien von der neuen BaZ auf einmal heftig und kampagnenartig angegriffen worden, sagt Guy Krneta. Ohne Erfahrung mit solchen Situationen seien manche einfach «hineingelaufen», weil sie nicht wussten, wie sie sich zur Wehr setzen oder richtig verhalten sollen. Deshalb hätten er und Beat Jans die Idee dieses Vereins gehabt. Bis zur Gründung vergingen ein paar Jahre.

Mittlerweile habe sich das Problem bei der BaZ entschärft, die Besitzverhältnisse haben sich geändert. Dafür sei das Phänomen der unfairen Berichterstattung schweizweit virulent, wie die vielen Anfragen bei Fairmedia zeigten. In rund einem Drittel der Fälle, sagt Geschäftsführerin Jessica King, sage Fairmedia den Betroffenen, dass das Medium korrekt gehandelt habe. «Wir sind nicht gegen Journalisten, im Gegenteil. Wir setzen uns für Fairness und die Einhaltung des Journalistenkodex ein», sagt Krneta.

Hansi Voigt, früherer Chefredaktor von «20 Minuten online» und «Watson», heute Unterstützer von Jolanda Spiess-Hegglin, hat den Eindruck, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung der Causa Spiess-Hegglin durchaus etwas verändert habe. «Manchen Leuten wird bewusst, dass sie nicht einfach alles ins Internet stellen können, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Und das ist schon viel.»

Erstellt: 21.06.2019, 16:24 Uhr

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