Zeit für eine Krippenpolitik, die diesen Namen verdient

Wer will, dass Mütter arbeiten, muss mehr bieten als nur Lippenbekenntnisse.

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Eine wissenschaftliche Befragung hätte es für diese Erkenntnis nun wahrlich nicht gebraucht: Vielen Familien sind Krippenplätze zu teuer. Denn die Rechnung ist einfach. Wenn ein Krippentag 120 bis 140 Franken kostet und eine Familie zwei Kinder zu betreuen hat, dann frisst das einen beträchtlichen Teil des Einkommens weg.

Wenn in Bern nun also die Räte mehr Geld ausgeben wollen, um neue Krippenplätze zu schaffen, so ist das zwar schön und gut – aber die Investitionen drohen zu verpuffen. Denn was nützen Krippenplätze, wenn sie sich die Leute nicht leisten können?

Diese Diskrepanz ist für die Krippenpolitik in unserem Land leider symptomatisch. Genauso wie der Fakt, dass der Bund jede einzelne Kuh zählt, aber keine Ahnung hat, wie viele Krippenplätze existieren und wie viele Kinder diese nutzen.

Der Bund hat keine Ahnung, wie viele Krippenplätze existieren und wie viele Kinder diese nutzen.

Symptomatisch ist auch die Aussage des Arbeitgeberverbands der Waadt, der allen Ernstes behauptet, es nütze dem Staat am meisten, wenn Mütter arbeiteten, weil damit die Steuereinnahmen stiegen. Mit Verlaub, Letzteres ist Unsinn: Die Wirtschaft profitiert in Zeiten restriktiver Zuwanderungspolitik davon, Mütter als Beschäftigte rekrutieren zu können.

Was fehlt, ist das, was an den Anfang jeder politischen Debatte gehören würde: eine gemeinsame Antwort auf die Frage, wohin die Reise gehen soll. Im Fall der Krippen ist das nichts mehr und nichts weniger als der Entscheid, ob Fremdbetreuung wirklich Privatsache ist – oder ob ein öffentliches Interesse daran besteht, dass möglichst viele Mütter arbeiten können. Solange sich Politik und Wirtschaft vor diesem klaren Bekenntnis drücken, wird weitergewurstelt.

Dass sich der Arbeitgeberverband und alle grossen Parteien ausser jener, welche die restriktive Zuwanderungspolitik zu verantworten hat, nun im November austauschen, ist immerhin etwas. Dass die Wirtschaft aber nach wie vor fordert, der Staat müsse zahlen – das lässt einen zweifeln, dass man dort die Zeichen der Zeit erkannt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 20:45 Uhr

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