«Zeugen Jehovas reissen Familien auseinander»

Gestern fand ein weltweiter Gedenktag für die Opfer von Zeugen Jehovas statt. Regina Spiess vom Verein Infosekta hat in Zürich eine Plakat­aktion organisiert.

Leben in einer Parallelwelt: Besucher eines Kongresses der Zeugen Jehovas im Zürcher Hallenstadion (24. Juli 2010). Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Leben in einer Parallelwelt: Besucher eines Kongresses der Zeugen Jehovas im Zürcher Hallenstadion (24. Juli 2010). Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Sie befassen sich schwerpunkt- mässig mit den Zeugen Jehovas. Weshalb?
Wir haben viele Anfragen zu dieser Glaubensgemeinschaft. Das hat auch mit ihrer Grösse zu tun, ihr gehören in der Schweiz rund 19'000 Personen an, weltweit sind es 8 Millionen.

Gestern fand ein Gedenktag für die Sektenopfer statt. Was will man damit bezwecken?
Wir machen auf die menschenrechtswidrige Praxis der Ächtung aufmerksam. Die Gemeinschaft schliesst Mitglieder teilweise wegen Nichtigkeiten aus und fordert von den Angehörigen, den Kontakt zu den Ausgeschlossenen abzubrechen. Das führt zu enormem Leid.

Könnte man nicht annehmen, dass die Ausgestossenen froh sein müssen, die enge Glaubenswelt verlassen zu können?
Die Zeugen Jehovas leben in einer Parallelwelt. Kindern wird beigebracht, dass die Welt vom Satan beherrscht sei. Alles Weltliche wie Geburtstagsfeiern, politische Aktivitäten oder Wettkampfsport ist verpönt. Dieses «böse System der Dinge» wird angeblich demnächst mit der endzeitlichen Entscheidungsschlacht Harmagedon blutig beendet. Darin leben zu müssen, ist für die meisten eine schlimme Vorstellung, auch für jene, die sich nicht an die rigiden Vorgaben der Organisation halten können. Die Angst vor Vernichtung ist zentral.

Welche sozialen Konsequenzen hat die Ächtung?
Gemeinschaftsentzug bedeutet den Verlust des gesamten sozialen Umfelds: der Familie, der Freunde, aller Bekannten. Es gibt kaum Zeugen-Jehovas-Familien, die keine ausgeschlossenen Angehörigen haben. Wenn sie den Kontakt heimlich weiterpflegen, riskieren sie selbst den Ausschluss.

Wie wird der Gemeinschaftsentzug begründet?
Es wird mit «Reinheit» argumentiert, die Gemeinschaft soll frei von «sündigen» Mitgliedern bleiben, welche die anderen quasi anstecken könnten.

Wie sind solche Praktiken ­einzuordnen?
Ächtung ist eine Art von oben verordnetes Mobbing. Es verstösst gegen Menschenrechte und Verfassung, wenn Familien und Beziehungen auf Druck von aussen auseinandergerissen werden. Die Familie hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.

Und der Einzelne?
Jeder Mensch hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit – ein Recht, das die Zeugen Jehovas für sich beanspruchen, ihren Mitgliedern aber nicht gewähren.

Wann müssen Jugendliche mit einem Ausschluss rechnen?
Wenn ein Teenager zum Beispiel raucht und das Laster trotz Ermahnung nicht aufgibt oder wenn er sich in einen Nicht-Zeugen verliebt oder sich nicht an das Gebot «Kein Sex vor der Ehe» hält.

Was passiert mit Minderjährigen?
In dem Fall sollen Eltern und Geschwister den Kontakt auf das Allernötigste reduzieren. Etwas Liebes sagen, nachfragen, wie der Tag war, oder das Kind in den Arm nehmen – das liegt nicht mehr drin. Kinder erleben eine permanente Angst: Schon Bücher für Vorschulkinder zeigen Abbildungen von Harmagedon, die Steinigung des Stephanus und andere Gräuel. Die Botschaft ist immer: Wer nicht gehorcht, stirbt.

Wie beurteilen Sie das Verbot von Bluttransfusion?
Es zeigt die extreme Sektenhaftigkeit besonders deutlich. Fremd- oder Eigenbluttransfusion gilt als schwere Sünde, auch wenn diese lebensrettend wäre, und führt zum Ausschluss. Es sterben immer wieder Gläubige nach Verkehrsunfällen oder Frauen bei einer Geburt.

Begünstigt das enge System sexuelle Übergriffe?
Die Geschlossenheit des Systems und der dogmatische Glaube fördern grundsätzlich sexuellen Missbrauch, speziell an Kindern. Diese haben verinnerlicht, dass ihre Bedürfnisse an zweiter Stelle kommen. Das üben sie zweimal wöchentlich, wenn sie schon als Kleinkind in der Versammlung anderthalb Stunden stillsitzen müssen.

Wie geht die Leitung mit den Übergriffen um?
Es gibt eine 2-Zeugen-Regel, die sexuellen Missbrauch begünstigt: Dem Verdacht einer Sexualstraftat an einem Kind soll nur nachgegangen werden, wenn es dafür mindestens zwei Zeugen gibt, was naturgemäss nie der Fall ist. Gibt es diese nicht, sollen die Ältesten die Angelegenheit in Jehovas Hände geben, also untätig bleiben. Das Opfer hat zu schweigen. Andernfalls droht ihm beziehungsweise seiner Familie der Ausschluss.

Gibt es solche Fälle in der Schweiz?
Ja, Infosekta sind solche Fälle bekannt.

Warum reagieren Öffentlichkeit und Behörden nur zögerlich auf solche sektenhaften Gruppen?
Die meisten Menschen wissen ganz einfach nicht, was für eine problematische Gemeinschaft die Zeugen Jehovas sind. Sie wirken nach aussen nicht extrem, höchstens ein bisschen altmodisch. Allmählich entsteht jedoch ein breiteres Bewusstsein für die schweren Formen von Gewalt, die Menschen in solchen Gruppen erfahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2015, 20:31 Uhr

Die Psychologin Regina Spiess arbeitet als Projektleiterin beim Verein Infosekta. Foto: PD

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