Ein Dorf stellt sich gegen seinen Gemüsekönig

Ein Grossbauer und Lokalpolitiker will eine Gemüsehalle bauen. Das Dorf vermutet Vetterliwirtschaft – und blockiert.

Stefan Britschgi auf einem seiner Felder im St. Galler Rheintal: Niemals hätte er solchen Widerstand erwartet. Nicht in seinem Dorf. Foto: Daniel Ammann

Stefan Britschgi auf einem seiner Felder im St. Galler Rheintal: Niemals hätte er solchen Widerstand erwartet. Nicht in seinem Dorf. Foto: Daniel Ammann

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Ausgerechnet er. Ausgerechnet Stefan Britschgi – Bauer und Lokalpatriot – hat in seinem Heimatdorf Diepoldsau eine mittlere Staatskrise ausgelöst.

Britschgi will eine grosse Halle bauen, um darin Gemüse zu verarbeiten. Dafür braucht er eine Einzonung, zu gewähren durch den Diepoldsauer Gemeinderat. Doch dieser hat in den Ausstand treten müssen. Beschlussunfähig. An seiner Stelle wird der Gemeinderat von Eggersriet entscheiden.

Eggersriet liegt genug weit entfernt, um unbefangen zu richten. Das geht in Diepoldsau, einem 6500-Einwohner-Dorf im St. Galler Rheintal, bei diesem Geschäft nicht. Fünf von sieben Mitgliedern sind daran beteiligt. Zum einen Stefan Britschgi selber, seit 18 Jahren sitzt er für die FDP im Gemeinderat. Ein zweiter Gemeinderat gehört dem Verwaltungsrat von Britschgis Firma an. Drei weitere haben enge Beziehungen zu Gegnern des Projekts. Das heisst: Nur zwei können frei entscheiden. Zwei zu wenig für eine Mehrheit.

Dass sich eine Gemeinde auf diese Art selber lähmt, geschieht selten. Und doch führt der Fall ein Dilemma des Milizsystems vor.

Wachstum ohne Ende

Den «Diepoldsauer Gemüsekönig» nennt man Stefan Britschgi im Rheintal, selbst seine Widersacher schildern ihn als «cleveren Geschäftsmann». Auf 32 Hektaren baut Britschgi Kartoffeln an, Rüebli, Spinat, Bohnen, Spargeln. Knapp 50 weitere Gemüsebauern aus der Region stehen bei ihm unter Vertrag. Für sie erstellt er Pflanzpläne, erntet die Ware. Je nach Saison beschäftigt der 57-Jährige bis zu 250 Angestellte.

Den Königstitel hat er sich selber erarbeitet. 1991 übernahm er den Hof der Eltern. «Damals waren wir zu dritt: meine Frau, ein Lehrling und ich», sagt Britschgi. Ein paar Kühe gab es auch noch. Britschgi verkaufte sie, setzte voll aufs Gemüse.

Das stetige Wachstum führte bald zu Platzmangel. «Meine Leute arbeiten teilweise in ungeheizten Unterständen. Wir haben mehrere Verarbeitungsstandorte, das schafft viel Verkehr.» Britschgi beschloss, eine zentrale Rüsthalle zu bauen. Dort wird das Gemüse vom Feld angeliefert, gewaschen, geschnitten, zurechtgemacht für den Supermarkt. 100 Meter lang, 40 Meter breit und 14 Meter hoch sollte die Halle werden, gelegen gleich neben Britschgis Hof.

Im Dorf kam das schlecht an, vor einem «Monster» wurde gewarnt. Rund 70 Einsprachen gingen ein – viel bei 6500 Einwohnern. Die Gegner bemängelten, dass die Halle Verkehr in Wohnquartiere bringe. Und das angrenzende Naturschutzgebiet gefährde.

Man habe schon das Gefühl, beim Britschgi gehe alles ein bisschen leichter, sagen manche Gegner. Sie reden lieber anonym, man kennt sich im Dorf.

Britschgi gab nach. «Ich will nicht gegen das Dorf wirtschaften.» Rasch fand er einen anderen Boden, neben einem Industriegebiet, nicht weit von der Hauptstrasse entfernt. Damit, so glaubt Britschgi, habe er die Kritikpunkte beseitigt. Nur einen Haken gibt es: Eine Einzonung ist nötig. Dazu hat sich Britschgi Unterstützung von oben besorgt. Der Kanton begrüsst den Plan B.

Doch wieder bockte das Dorf. Die Gegner organisierten eine Sammeleinsprache, das erste Mal in der Diepoldsauer Geschichte, über 400 Unterschriften kamen zusammen, in wenigen Tagen. Leserbriefe gegen die Halle erschienen, es wurde schlecht geredet.

Britschgi überraschte die Ablehnung. Und sie belastet ihn. Sich selber sieht er als einen aus dem Volk. So redet er, so tritt er auf. Krawatte trägt er kaum, am liebsten zeigt er sich in karierten Hemden. Und nichts mache er lieber, als im eigenem «Landcafé Alpenblick» (das auch als Gemüseladen dient) mit den Znüni-Gästen zu plaudern.

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Aber Britschgi ist mehr als einer aus dem Volk. Beim Verband der Schweizer Gemüseproduzenten amtet er als Vizepräsident, seit 2006 sitzt er im Kantonsrat, im Herbst kandidiert er für den Nationalrat, die Chancen stehen gut. Und eben: Seit 18 Jahren regiert er mit im Diepoldsauer Gemeinderat, jenem Gremium, das über Einzonungen bestimmt.

Da lautet der Verdacht schnell: Vetterliwirtschaft. Man habe schon das Gefühl, beim Britschgi gehe alles ein bisschen leichter, sagen manche Gegner. Sie reden lieber anonym, man kennt sich im Dorf. Britschgi versichert, dass der Gemeinderat das Hallenprojekt immer ohne ihn besprochen habe. «Ich habe auch sonst nichts dazu gesagt.» Die Gegner finden: Der Vorteil bleibt. Sind ja alles Amtskollegen. Britschgi entgegnet, er könne ja nicht gut zurücktreten, nur weil er eine neue Halle bauen will. «Dafür gibt es Ausstandsregeln.»

Misstrauen hat zugenommen

«In solchen Fragen kommt das Milizsystem an seine Grenzen», sagt Markus Ritter, Chef des Schweizer Bauernverbandes. Ritter kennt das Problem aus eigener Erfahrung. 20 Jahre lang sass er im Stadtrat von Altstätten (das ebenfalls im Rheintal liegt). Bei Einzonungen müsse man als Gemeinderat wahnsinnig aufpassen. Vor allem wenn man selber betroffen sei und der Eindruck entstehen könnte, dass man profitiere. Die Sensibilität habe stark zugenommen. Heute sei das Misstrauen derart gross, dass es viele Gewerbler, Unternehmer und Bauern abschrecke, sich für Gemeinde-Milizämter zur Verfügung zu stellen. «Schnell heisst es, dass man in den eigenen Sack wirtschaftet», sagt Ritter. Das Gegenteil zu beweisen, sei oft kaum möglich.

Laut dem Berner Politikwissenschaftler Markus Freitag, der gerade ein Buch zur bedrohten Milizarbeit herausgegeben hat, werden solche Interessenkonflikte immer wieder als Nachteil des Milizwesens angeführt. «Es läuft bisweilen Gefahr, die Grenzziehung zwischen privatem und öffentlichem Interesse zu verwischen.»

Britschgi selber spricht von «Zonenneid». Das neue nationale Raumplanungsgesetz hat das Bauen im Grünen erschwert. Heute gilt auch in Dörfern, die einst grosszügig Bauland bewilligten: Verdichten geht nur gegen innen. In Diepoldsau, sagt Britschgi, gebe es wohl einige, die ihren Boden gerne einzonen lassen würden und nicht dürfen.

Die Hauptstrasse durch Diepoldsau verbindet zwei Autobahnen. Vor Feiertagen gibts Stau wie am Gotthard.

Der Unwillen, der Britschgi bremst, hat eine weitere Ursache: die Diepolds-auer Hauptstrasse. Sie bildet die schnellste Verbindung zwischen der Schweizer Autobahn und jener im angrenzenden Voralberg, eine Transitschneise mitten durchs Dorf. Fast ohne Unterbruch rauschen Autos und Lastwagen vorbei, seit kurzem auch Flixbusse. An Wochenenden und Feiertagen staut sich das Blech. Wie am Gotthard, sagen die Dieopoldsauer. Schon lange fordern sie eine Verbesserung.

Britschgis Gemüsehalle dagegen würde die Situation weiter verschlimmern, finden die Gegner. Noch mehr Verkehr durchs Dorf leiten, auch am Wochenende. Das sehe man bei der jetzigen Rüsthalle in einem anderen Dorf. Britschgi bestreitet das. Sagt, er könne das Gegenteil beweisen. Aber nur ein einziger Gegner habe mit ihm darüber sprechen wollen.

Die Empörung über die Strasse deutet Britschgi als Teil einer allgemeinen «Wachstumsmüdigkeit». Dem Rheintal gehe es gut, die Wirtschaft wachse Jahr für Jahr (wie sein Betrieb). «Da kann man schon auf die Idee kommen, dass genug ist.» Das sei jedoch kurzfristig gedacht, sagt Britschgi. Die Gegner finden, dass in Diepoldsau schon lange gebaut werde wie verrückt. Jetzt reiche es. Man brauche keine neue Industrie mehr.

Plan C steht bereits

So ist Grossbauer Britschgi zu einer Art Bauernopfer geworden: Er zahlt für das Wachstum der letzten Jahrzehnte. Zahlt für den eigenen Erfolg.

Aber Britschgi mag kein Opfer sein. Schon letztes Jahr, als der Widerstand hochkochte, begann er, weitere Standorte abzuklären. «Mit der Hilfe engagierter Freunde» hat er gerade einen dritten gefunden, ennet des Rheins, wie es die Gegner fordern, mitten im Riet, an einer Überlandstrasse. Das Land kann er kaufen, 135'000 Quadratmeter, frühstens Ende Jahr könnten alle Bewilligungen da sein. Das Grundstück gehört zur Nachbargemeinde Balgach. Trotz dieser Distanz, sagt Britschgi, halte er sich persönlich von allen Beratungen fern. «Sonst heisst es, dass ich meine Beziehungen spielen lasse.»

Die Diepoldsauer Gegner freuen sich über Britschgis Plan C. Sie hoffen, dass es klappt mit der Halle über dem Rhein; dass Britschgi dadurch das Diepoldsauer Projekt aufgeben kann.

Das Gleiche hofft wohl auch der Gemeinderat von Eggersriet. Ihm bliebe dann eine heikle Entscheidung erspart.

Erstellt: 04.06.2019, 19:56 Uhr

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