Zürcher Fans machen am meisten Probleme

Erstmals haben die Sicherheitsbehörden detaillierte Zahlen zu Randalen rund um Fussballspiele in der Schweiz veröffentlicht.

Das Hauptproblem von Hooliganismus liegt in Gewaltausbrüchen auf den Anreisewegen in Zügen oder auf Fanmärschen ausserhalb der Stadien. Video: SDA

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Auf das Konto von Anhängern des FC Zürich gehen mit Abstand die meisten Vorfälle bei problematischen Fussballspielen in der Saison 2018/2019. Insgesamt 142 Ereignisse haben Beobachter von Polizei und Fussballclubs den Fans des FCZ zugeordnet. Das geht aus einer Auswertung des Datenteams dieser Zeitung hervor. Sie beruht auf dem Bericht «Gesamtschweizerisches Lagebild Sport», den die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) sowie das Bundesamt für Polizei gestern veröffentlicht haben.

Erstmals wurden für das Lagebild nach einheitlichen Kriterien gewaltsame Ereignisse erfasst, die auf der Hin- und Rückreise sowie in und um die Stadien stattfanden. Daraus geht hervor: In der grössten Publikumssportart Fussball kommt es in der Schweiz oft zu Zwischenfällen. Das Reporting erfasste bei 138von 457 ausgewerteten Fussballspielen nennenswerte Gewalttaten; also bei fast jeder dritten Partie. In der Super League wurden sogar 46 Prozent der Spiele von Zwischenfällen überschattet.

«Nichts zu beschönigen»

Zweimal kam es sogar zum Spielabbruch, Mitte Mai bei Luzern gegen GC sowie Mitte März bei Sion gegen GC. Die GC-Anhänger folgen mit total 101 Vorfällen hinter jenen des FCZ. Mit 95 Einträgen verursachten die Supporter von YB am drittmeisten Probleme. Die Basler Fans fielen mit 65Fällen fast gleich oft auf wie jene des FC Sion mit 64 Vorfällen.

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Der Katalog reicht vom Abbrennen von Pyrofackeln über das Werfen von Gegenständen bis zu schwerwiegenden Vorfällen wie Waffengebrauch und Gewalt gegen Polizisten. Im Lagebild wurden die Spiele mit einem Punktesystem qualifiziert. Darin sind selbst Fanmärsche als problematisches Ereignis erfasst. In der Auswertung dieser Zeitung wurden darum nur Vorfälle rund um als gewalttätig beurteilte Spiele berücksichtigt. «Es gibt nichts zu beschönigen», sagte Paul Winiker, Regierungspräsident des Kantons Luzern und Mitglied der KKJPD, bei der Vorstellung des Reportings. 46 Prozent problematische Spiele in der obersten Liga seien «einfach zu viel». Die KKJPD hat sich darum mit den Verantwortlichen der Swiss Football League auf eine Reihe von Prioritäten geeinigt: Clubs und Liga sollen konsequenter Stadionverbote aussprechen. Weiter wollen Clubs, Polizei und Justiz besser zusammenarbeiten, um Gewalttäter schnell zu identifizieren und zu verurteilen. Die Polizeien wollen mit einer neuen Konferenz und der Einführung eines Hooli-Alarms für schwere Ereignisse ihre Reaktionsfähigkeit verbessern.


Video: Mehr Stadionverbote zur Bekämpfung von Hooliganismus

Das Hauptproblem von Hooliganismus liegt in Gewaltausbrüchen auf den Anreisewegen in Zügen oder auf Fanmärschen ausserhalb der Stadien. (Video: SDA)


Viel versprechen sich die Verantwortlichen von Fernhaltemassnahmen: Die Polizei soll Störenfriede aus dem Verkehr ziehen, indem sich diese während Fussballspielen auf einem Posten fern vom Stadium melden müssen. ?«Aktuell sind 20 Meldeauflagen in Kraft, obwohl die Voraussetzungen in sehr viel mehr Fällen erfüllt wären», sagte Roger Schneeberger, Generalsekretär der KKJPD. «Wir sind der Meinung, dass diese Massnahme durch die zuständigen Behörden sehr viel öfter ausgesprochen werden sollte.»

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Umstritten ist hingegen die letzte diskutierte Priorität: Sicherheitspolitiker Paul Winiker liess seine Sympathien für personalisierte Match-Tickets durchscheinen. Eine solche Vorschrift will die KKJPD nun evaluieren. Dank personalisierten Billetten könnten Besucher einfacher identifiziert werden, mit einer Kontrolle der Identitätskarten könnte der Zugang für jene verwehrt werden, die in der Hooligan-Datenbank verzeichnet sind. Klar dagegen stellte sich Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League. Personalisierte Tickets dürften nur Ultima Ratio sein. Sie würden spontane Matchbesuche verhindern, verursachten Probleme bei den Eingängen und würden die Fans massiv verärgern. «Aber wenn nichts anderes mehr geht, können wir uns nicht mehr dagegen wehren», sagte Schifferle.

Skepsis bei den Fanarbeitern

Bei der Fanbasis geht man mit den Exponenten der Liga einig, dass es im Prinzip keine neuen Massnahmen brauche. «Wir begrüssen, dass man genau analysiert, wo die Baustellen sind. Und dass man auch dort ansetzt», sagte Christian Wandeler, Geschäftsführer des Dachverbandes Fanarbeit Schweiz. Konkret seien Meldeauflagen ein effektives Mittel, um einen aktenkundigen Gewalttäter vor, während und nach einem Spiel vom Stadion fernzuhalten. «Solche Mittel sind aber explizit nur bei Gewalttätern anzuwenden», sagte der langjährige Fanarbeiter des FC Luzern.

Die öffentliche Aufmerksamkeit rund um Fangewalt variiere stark: Die beiden Spielabbrüche im Frühling in der Super League hätten jeweils für grosse Medienpräsenz gesorgt. «Ich verstehe ja, dass man in solchen Momenten schnelle Lösungen will», sagte Wandeler. Aber die gebe es nicht, «nur Fachleute, die sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzen, können zusammen effektive Massnahmen ausarbeiten». Den Zahlen des Reportings begegnet er mit Skepsis. «Aus unserer Sicht gelten nicht alle Zwischenfälle mit einer Pyrofackel gleich als Gewalttat», sagte Wandeler.

Datenauswertung: Mathias Born

Erstellt: 05.07.2019, 22:02 Uhr

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