Nur 2 Prozent aller Schüler gehen in einen Sprachaustausch

Neue Zahlen zeigen: Die Förderung des Austauschs zwischen den Sprachregionen stockt. Schlusslicht ist der Kanton Zürich.

Nur 2 Prozent aller Schüler der 1. bis 12. Klasse haben im Schuljahr 2016/2017 an einem Sprachaustausch teilgenommen. Bild: Keystone

Nur 2 Prozent aller Schüler der 1. bis 12. Klasse haben im Schuljahr 2016/2017 an einem Sprachaustausch teilgenommen. Bild: Keystone

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Jeder Schüler in der Schweiz soll es erleben, mindestens einmal in seiner Ausbildung: einen Aufenthalt in einer anderen Sprachregion. Diese «Vision» haben Bund und Kantone vor einem Jahr formuliert. Der Bundesrat hat die Zielvorgabe kurz vor Weihnachten bekräftigt. Ein Sprachaustausch fördere nicht nur die Sprachkompetenz, schrieb die Landesregierung in einem Bericht. Er diene auch dem Austausch zwischen den Sprachregionen, lies: dem Zusammenhalt des Landes.

Der Bericht ist im Auftrag der nationalrätlichen Bildungskommission entstanden. Hintergrund ist der Sprachenstreit: In mehreren Kantonen gab es in den letzten Jahren Bestrebungen, das Frühfranzösisch abzuschaffen. Das Volk stoppte die Pläne jedoch überall an der Urne – der nationalen Kohäsion zuliebe. Sprachaufenthalte, hiess es in der hitzigen Diskussion, motivierten für den Spracherwerb und müssten gefördert werden.

2 Prozent aller Schüler

Doch die Realität ist von der politischen Vision weit entfernt. Das zeigen Zahlen der nationalen Agentur Movetia. Diese ist von Bund und Kantonen beauftragt, den Schüleraustausch national und international zu fördern. Demnach haben im Schuljahr 2016/2017 zwar über 17'000 Schüler an einem Austausch in einem anderen Landesteil oder im Ausland teilgenommen. Das sind aber nur 2 Prozent aller Schüler der 1. bis 12. Klasse. Der Bundesrat konstatiert, es gebe beim Sprachaustausch «grosses Entwicklungspotenzial».

Hinzu kommen massive Unterschiede zwischen den Kantonen. Erstmals hat die Tamedia-Redaktion für die einzelnen Kantone einen relativen Austauschindex errechnet: Wie verhält sich die Zahl der gemeldeten Austausche im Vergleich zur gesamten Schülerzahl?

Den Spitzenplatz erreicht Schaffhausen mit 6,8 Prozent. Innerhalb eines Schuljahrs hat rund jeder 15. Schaffhauser Schüler an einer Form von Austausch teilgenommen. «Wegen der geringen Kantonsgrösse können viele Lehrer direkt dazu motiviert werden», sagt der kantonale Austauschverantwortliche Xavier Turpain. Zudem würden Austausche zusätzlich zu den Movetia-Mitteln über den Lotteriegewinn-Fonds gefördert, damit die Klassen selber kein Geld organisieren müssten. Eine Information über ein Mailing sowie eine Onlineanleitung für den Austausch ergänzen das Angebot. «Unser Ziel ist es, dass fast jede Schule eine welsche Partnerschule findet», sagt Turpain.

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Den Schluss der Rangliste bildet der Wirtschaftskanton Zürich mit nur 0,5 Prozent. Pikant: Ausgerechnet die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) präsidiert die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), die bei der Sprachaustausch-«Vision» federführend war. Noch tiefer als in Zürich ist die Mobilität nur in Appenzell Innerrhoden und Solothurn. Appenzell Innerrhoden hat gar keine Zahlen gemeldet, Solothurn nur jene der Gymnasiasten – eine wenig aussagekräftige Statistik.

Die enormen Unterschiede seien teils historisch oder kulturell bedingt, sagt Movetia-Direktor Olivier Tschopp. So pflegen zweisprachige Kantone den Sprachaustausch traditionell stärker. Doch er hänge auch «stark vom politischen Willen ab», sagt Tschopp, und deshalb letztlich «vielerorts zu stark von einzelnen, motivierten Lehrern».

Allen voraus das Wallis

Als nationales Vorbild gilt das Wallis. Schon 1991 schuf der Kanton ein Büro für Sprachaustausch. Zuerst organisierte es den Austausch zwischen dem Ober- und dem Unterwallis. Als der französischsprachige Kantonsteil aber im kleineren Oberwallis nicht mehr genügend Partnerklassen fand, wurde das Programm «2 langues – 1 Ziel» auf die Berner Schulen ausgeweitet. Es dauert neun Tage und findet in der 7. Klasse statt. Während dieser Zeit besuchen sich in Halbklassen aufgeteilte Schülergruppen wechselseitig. Im Wallis nehmen neu alle Oberstufen zeitgleich teil. In Bern ist die Teilnehmerzahl innert elf Jahren von null auf rund 3400 Austausche pro Jahr gestiegen.

Von einer Vollabdeckung wie im Wallis ist Bern aber weit entfernt. Der Kanton rangiert beim Austauschindex in der hinteren Hälfte. Laut dem Berner Austauschkoordinator Thomas Raaflaub müssen die Movetia-Zahlen aber relativiert werden. Er kritisiert, dass deren Statistik teilweise Äpfel mit Birnen vergleiche – etwa wenn sie niederschwellige Austauschformen einem neuntägigen Vollprogramm wie «2 langues – 1 Ziel» gleichsetze.

Tatsächlich werden in der Statistik je nach Kanton unterschiedliche Daten erfasst. So registriert Zürich etwa nur Austausche, die mit Kantonsgeldern und nicht auf Gemeindeebene finanziert wurden. Movetia erhebt zwar nur physische Austausche und keine niederschwelligen Formen wie Briefwechsel. Sie bestätigt aber, dass ihre Zahlen «zurzeit nichts über die Qualität der Programme aussagen». Es sei jedoch Aufgabe der Kantone, die Statistik zu verbessern, sagt Tschopp. Nur so könne die Austauschintensität abgebildet werden – und nur so kämen sie letztlich ihrem politischen Auftrag nach, die Mobilität zwischen den Landesteilen zu fördern.

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Entscheidend für den Erfolg des Austausches seien auch die personellen Ressourcen, die der Kanton dafür einsetze, sagt Sandra Schneider, Leiterin des Walliser Büros für Sprachaustausch. «Die Lehrer haben zu viel anderes zu tun, um das auch noch zu organisieren.» Ihr Büro ist mit 220 Stellenprozent dotiert. Zum Vergleich: Im dreimal grösseren Kanton Bern teilen sich zwei ­Koordinatoren 100 Stellenprozent, in Zürich gibt es dafür gerade einmal 5 bis 10 Stellenprozent.

Zudem brauche es «die Koordination von oben», um die Kontakte zwischen den Kantonen zu organisieren, ergänzt Raaflaub. So habe die Gründung von Movetia dem Austausch Schub verliehen. Derzeit baut Movetia neue Programme auf und subventioniert den Klassenaustausch mit Tagespauschalen direkt. Eine halbe Million Franken erhält sie dafür vom Bund. Das ist wenig im Vergleich zu den über 30 Millionen Franken, die sie für den internationalen Austausch und die Mobilität auf allen Bildungsstufen einsetzen kann.

Nun soll Movetia nach dem Willen des Bundesrats auch für die innerschweizerische Mobilität mehr Mittel erhalten – im Rahmen der Kulturbotschaft 2021–2024. Das entspricht auch der «Vision» von Bund und Kantonen: «Die Mittel der öffentlichen Hand», heisst es in der Strategie, «müssen eine substanzielle Steigerung erfahren.»

Erstellt: 05.01.2019, 07:17 Uhr

Die Zürcher Resultate sorgen für eine Kontroverse

In Zürich ist der Unmut in der Elternschaft gross: «Seit der Sprachenstreit abgeebbt ist, interessiert sich niemand mehr dafür, wie der Lernerfolg im Französisch verbessert werden kann», sagt Gabriela Kohler, Präsidentin der kantonalen Elternorganisation KEO. 2017 hatte das Stimmvolk die Fremdspracheninitiative abgelehnt. Diese wollte entweder Englisch oder Französisch erst auf der Sekundar- statt in der Primarstufe einführen. Welche Sprache betroffen gewesen wäre, liess das Volksbegehren offen.

Der schlechte Platz im interkantonalen Ranking erstaunt Kohler nicht. Zürich mache viel zu wenig, um die Sprachaustausch-Strategie von Bund und Kantonen umzusetzen. «Ob ein Schüler je einen Austausch machen kann, hängt zu stark von der Motivation seiner Lehrer ab», sagt sie. Diese würden für die zeitintensiven Lager nicht angemessen entlöhnt, weshalb sich der Mehraufwand für sie nicht rechne. «Ich sehe Bildungsdirektorin Silvia Steiner in der Pflicht, die Strategie endlich umzusetzen», so Kohler. Immerhin sei diese auch Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz EDK. «Sollte der Wirtschaftskanton Zürich nicht eine Vorreiterrolle übernehmen?»

Austausch hat Grenzen

Die Zürcher Bildungsdirektion relativiert die schlechte Bilanz: Wegen des «unverhältnismässigen» administrativen Aufwands gebe es keine formelle Umfrage zu den Austauschaktivitäten in den Schulen, sagt Brigitte Mühlemann, stellvertretende Leiterin des Volksschulamts. Erhoben würden nur jene Austausche, die vom Kanton finanziell unterstützt werden. Dafür sieht Zürich eine Klassenpauschale von 500 Franken plus 15 Franken pro Schüler vor. Der Kanton ortet nur begrenzt Handlungsbedarf. Zum einen seien dem Austausch wegen der ungleich grossen Sprachräume Grenzen gesetzt, sagt Mühlemann. «Dieses strukturelle Problem kann mit zusätzlichen Mitteln nicht behoben werden.» Weil Zürich nicht an einen anderssprachigen Kanton grenze, seien Austausche nicht leicht zu organisieren. Zum anderen wolle man «keinen Zwang ausüben, um die Quoten um jeden Preis zu erhöhen. Die Schulen sollen frei über den Austausch entscheiden.»

Mühlemann verweist auf anderweitige Bemühungen des Kantons, um das Französisch der Schüler zu verbessern. So wurde der Anfangsunterricht mit dem laufenden Schuljahr von zwei auf drei Wochenlektionen erhöht. Und das neue, multimediale Lehrmittel «dis donc!» stosse auf positive Resonanz. (rbi/hä)

Austauschagentur Movetia

Früher war die ch-Stiftung für die Förderung des Sprachaustauschs zuständig, doch deren Arbeit erhielt 2015 in einer Evaluation schlechte Noten. In der Folge schufen Bund und Kantone die Agentur Movetia, die 2017 in Solothurn ihren Betrieb aufnahm. Neben dem innerschweizerischen ist sie auch für den europäischen und globalen Sprachaustausch zuständig – namentlich für das Programm, das die Schweiz aufbauen musste, nachdem die EU sie 2014 aus Erasmus+ ausgeschlossen hatte. Movetia erhält vom Bund jährlich rund 40 Millionen Franken. Der grösste Teil davon wird für das Erasmus-Nachfolgeprogramm eingesetzt. Zeitgleich mit der Entstehung von Movetia entschieden Bund und Kantone, eine gemeinsame Strategie für Austausch und Mobilität zu erarbeiten. Sie wurde im Herbst 2017 verabschiedet und enthält politische Ziele zur Förderung des Austauschs. (hä/rbi)

Lehrer sollen in den Stage

Die Lehrer sind ein Hauptfaktor für gelingende Austauschprojekte. Sie sollen deshalb in ihrer Ausbildung selber vermehrt Austausche absolvieren: Das sieht der Bundesrat in seinem Bericht vor. Movetia entwickelt nun mit den pädagogischen Hochschulen ein Projekt für Gastlehrer in anderen Sprachregionen. Auch bei den Kantonsbehörden heisst es, Austausche hingen stark von der Motivation der Lehrer ab. Diese sehen Klassenaustausche als Chance, sagt Franziska Peterhans vom Dachverband LCH. Doch es gebe auch Hinderungsgründe: So wirke sich das Bundesgerichtsurteil, wonach Elternbeiträge für ausserschulische Aktivitäten 16 Franken pro Tag nicht überschreiten dürfen, finanziell erschwerend aus. Zudem könnten Lehrer die inten­sive Präsenz während der Aufenthalte sowie die aufwendige Vor- und Nachbereitung meist nicht kompensieren. (rbi/hä)

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