Zuger Sex-Affäre: Presserat rügt «Blick»

Der «Blick» hat mit seiner Berichterstattung die Privatsphäre von Jolanda Spiess-Hegglin verletzt.

Hat sich erfolgreich gewehrt: Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin, vor dem Zuger Regierungsgebäude. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Hat sich erfolgreich gewehrt: Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin, vor dem Zuger Regierungsgebäude. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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«Sex-Skandal an Zuger Landammann-Feier» titelte der «Blick» am 24. Dezember 2014 und schob die Frage nach «Hat er sie geschändet?». Wer damit gemeint war, machten die mitgelieferten Namen und Bilder auch gleich klar: Der damalige Zuger SVP-Kantonalpräsident Markus Hürlimann und die Grünen-Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin. Von Sex im Restaurant Schiff war die Rede und davon, dass möglicherweise K.-o.-Tropfen mit im Spiel waren.

Gegen diesen Artikel hat Jolanda Spiess-Hegglin, auf Anfang Jahr aus der Grünen Partei ausgetreten und inzwischen Vizepräsidentin der Piratenpartei Zentralschweiz, am 23. Juni 2015 Beschwerde beim Presserat eingereicht. Auch Markus Hürlimann beschwerte sich beim Presserat über den gleichen und weitere Artikel des «Blick».

Dreifacher Verstoss

Laut der am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme hat die Zeitung gleich in dreifacher Hinsicht gegen die «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» verstossen. Sie verletzte die Privat- und Intimsphäre der Politikerin, identifizierte sie mit Namen, Tätigkeit, Alter sowie Foto und missachtete die Richtlinie zur Berichterstattung über Sexualdelikte.

Die «Blick»-Gruppe hatte geltend gemacht, es bestehe ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Namensnennung der Beteiligten und an der Berichterstattung, «wenn es um Sexualkontakte über Parteigrenzen hinweg anlässlich einer im Ausgangspunkt politischen Veranstaltung geht und diese Sexualkontakte zu einer Strafuntersuchung inkl. kurzfristiger Verhaftung des männlichen Teilnehmers am intimen Geschehen führen». Zudem habe sich Spiess-Hegglin wiederholt in der Öffentlichkeit mit ihrer Version zu Wort gemeldet und damit auf den Privatsphärenschutz verzichtet.

Wo die Grenzen liegen

Der Presserat behandelte die Beschwerde, weil sich grundsätzliche berufsethische Fragen stellte, insbesondere die Frage, «wo die Grenzen der Berichterstattung über eine kantonale Politikerin zu ziehen sind, welche wegen eines durch sie geltend gemachten Sexualdelikts ein Spital aufsucht».

Der Presserat wies die Argumente der «Blick»-Gruppe zurück. Weil der «Blick» in seinem damaligen Bericht davon ausgegangen sei, dass Spiess-Hegglin Opfer eines Sexualdelikts geworden sei, hätte er den Opferschutz berücksichtigen und keine Angaben machen dürfen, die ihre Identifikation ermöglichen. Dass sich die Politikerin später selber zu Wort meldete, habe die Zeitung zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung nicht wissen können. Das spätere Verhalten der Beteiligten lasse sich nicht im Nachhinein zur Rechtfertigung derartiger Verletzungen der Privatsphäre heranziehen.

Auch Promis müssen geschützt werden

Der Presserat erinnerte erneut daran, dass jede Person – «dies gilt auch für Prominente» – Anspruch auf den Schutz des Privatlebens habe. Auch wenn sich Prominente grundsätzlich mehr gefallen lassen müssten, lasse sich daraus «kein gänzlicher Verzicht auf den Schutz der Privat- und Intimsphäre ableiten».

Der Presserat liess auch das Argument nicht gelten, dass ein sexueller Kontakt «über Parteigrenzen hinweg» dem Vorgang eine Dimension gebe, die ihn aus dem privaten Bereich heraushebe. Im Artikel werde eine politische Relevanz denn auch gar nicht thematisiert. Zudem gehöre ein sexueller Kontakt eindeutig in den Bereich der geschützten Intimsphäre.

Wenn eine Frau oder ein Mann mit einem Problem im Intimbereich ins Spital gehe, so der Presserat abschliessend, «muss sie oder er davon ausgehen können, dass keine Informationen darüber an die Öffentlichkeit gelangen. Dafür tragen Medien die Verantwortung, unabhängig davon, was ein Spital oder Untersuchungsbehörden veröffentlichen».

Auch Hürlimanns Beschwerde gutgeheissen

(sda) Auch die Beschwerde von Markus Hürlimann gegen mehrere «Blick»-Artikel hiess der Presserat teilweise gut. So stellt er fest, dass «Blick» die Privat- und Intimsphäre verletzt, unüberprüfbare Gerüchte publiziert und den Angeschuldigten nicht zu Vorwürfen angehört habe. «Was hinter verschlossenen Türen stattfand, kann nicht Gegenstand der medialen Berichterstattung sein», schreibt der Presserat.

Hingegen durfte der «Blick» darüber berichten, dass Hürlimann vorübergehend wegen des Verdachts auf ein Sexualdelikt inhaftiert wurde. Dies ist laut Presserat ohne Zweifel von öffentlichem Interesse. Allerdings hätte Hürlimann zu diesen schweren Vorwürfen angehört werden müssen. Dass er über Nacht in Haft war, sei kein Grund gewesen, auf diese Anhörung zu verzichten.

«Redaktionsintern diskutiert»

Der Verlag habe die Stellungnahme des Presserates so zur Kenntnis genommen, teilte Ringier-Sprecher Edi Estermann auf Anfrage mit. «Der Entscheid wurde redaktionsintern diskutiert, und die von uns daraus abzuleitenden Massnahmen wurden getroffen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2016, 12:05 Uhr

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