Er hat sich seinen Wunsch erfüllt

Der 104-jährige David Goodall liess die Öffentlichkeit an seiner letzten Reise teilhaben, um für die Legalisierung der Sterbehilfe zu kämpfen.

David Goodall an der Medienkonferenz in Basel. (Video: SDA)

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Mit 102 Jahren erkämpfte sich der australische Botaniker und Ökologe David Goodall das Recht, sein Büro an der Universität in Perth zu behalten. Mit 104 Jahren starb er am Donnerstagmittag im Zimmer einer Sterbehilfeorganisation in Liestal BL. Dazwischen lagen: Ein drastischer Verlust an Sehfähigkeit, der ihm die Möglichkeit nahm, Texte zu lesen. Ein Sturz, nach dem er zwei Tage auf dem Boden seiner Wohnung lag. Die Anweisung der Ärzte, nicht mehr alleine über die Strasse zu gehen.

Goodall teilte seine letzte Reise mit der Öffentlichkeit. Am Vorabend seines 104. Geburtstags lud er den Fernsehsender ABC ein – und verkündete seinen Wunsch zu sterben. Die in Baselland beheimatete Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit half ihm dabei, aus dem Leben zu scheiden. Beim Abflug in Perth waren Journalisten dabei, bei der Ankunft in Basel ebenso. Am Mittwochnachmittag gab er in Basel eine Medienkonferenz mit Philip Nitschke, dem australischen Gründer von Exit International.

Der 104-jährige australische Wissenschaftler David Goodall bei seiner Anfkunft in Basel. (Video: Tamedia, AP)

Goodalls Ziel: Die Legalisierung der Sterbehilfe in Australien zu unterstützen. Mit Victoria hat ein erster Bundesstaat des Landes den assistierten Suizid per Juni 2019 legalisiert; mit Goodalls Heimat Westaustralien debattiert derzeit ein zweiter darüber. In beiden sind aber restriktive Voraussetzungen geplant: Nur wer unheilbar krank ist und weniger als sechs Monate zu leben hat, soll Sterbehilfe in Anspruch nehmen dürfen.

Crowdfunding für Flug in die Schweiz

Für den gebrechlichen Goodall, der keine tödliche Krankheit hat, war dies nicht genug. Er trat für ein Recht auf Suizid im Alter ein. «Wenn man die mittlere Lebensphase hinter sich hat, hat man der Gesellschaft seine Schulden zurückbezahlt.» Goodall war deshalb seit Jahren Mitglied bei der Exit International (nicht zu verwechseln mit Exit Deutschschweiz und Exit Genf). Eine Möglichkeit, Sterbehilfe in Australien zu erhalten, bot sich ihm aber nicht. «Ich bedaure, dafür in die Schweiz reisen zu müssen.»

In Australien wehren sich insbesondere die Ärzte gegen die Sterbehilfe, vier von zehn lehnen sie laut einer Umfrage ab. Der Präsident der Australischen Ärztegesellschaft, Michael Gannon, sagte dem Fernsehsender CNN, die Position der Organisation sei klar: Ärzte sollten nicht in assistierten Suizid involviert sein. «Es ist sehr traurig, dass jemand so fühlt», sagte er in Bezug auf Goodall. Anders sahen es neben Exit International die 376 Personen, die rund 21'000 australische Dollar spendeten, um Goodall einen Flug mit der Business Class in die Schweiz zu ermöglichen.

Vor allem Schweizer nehmen Sterbehilfe in Anspruch

In der Schweiz hat die Zahl der Personen aus dem Ausland, die hier Sterbehilfe in Anspruch nehmen, seit der Jahrtausendwende deutlich zugenommen. Während der letzten fünf Jahre verzeichnete die Zürcher Sterbehilfeorganisation Dignitas aber eine relativ konstante Zahl von rund 200 Sterbebegleitungen pro Jahr für Personen aus dem Ausland. Die von der Ärztin Erika Preisig gegründete Eternal Spirit führte letztes Jahr weitere 54 durch.

Nur für Personen aus der Schweiz da, ist die grösste Schweizer Sterbehilfeorganisation, Exit Deutschschweiz. Diese hat inzwischen mehr als 100'000 Mitglieder und verzeichnet gut 700 Begleitungen pro Jahr. Weitere knapp 300 Begleitungen von Personen aus der Schweiz entfallen auf die anderen Organisationen. Insgesamt nehmen also pro Jahr wohl rund 1000 Personen aus der Schweiz und gegen 300 Personen aus dem Ausland Sterbehilfe in Anspruch.

David Goodalls Wunsch wurde am Donnerstagmittag erfüllt: Nachdem er ein letztes Mal sein Lieblingsessen verspies - Fish and Chips und Cheesecake - starb er um 12.30 Uhr in Liestal. Im Beisein seiner Enkel verabreichte er sich das tödliche Medikament selber – und seine Botschaft wird noch einmal um die Welt gehen. (mw)

Erstellt: 09.05.2018, 15:00 Uhr

Wann darf ein Arzt Sterbehilfe leisten?

Rein rechtlich darf ein Arzt immer dann Sterbehilfe leisten, wenn er nicht aus «selbstsüchtigen Beweggründen» handelt. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften überarbeitet derzeit ihre Richtlinien für den «Umgang mit Sterben und Tod». Bisher darf ein Arzt nach den Richtlinien – Urteilsfähigkeit und einwandfreie Willensbildung vorausgesetzt – dann Sterbehilfe leisten, wenn der Patient kurz vor dem Tod steht. Neu soll dies bei «unerträglichem Leiden» der Fall sein, wie aus einem Entwurf hervorgeht.

In jedem Fall dürfen Ärzte nur passive Sterbehilfe leisten. Sie dürfen dem Patienten ein tödliches Medikament verschreiben, einnehmen (oder die Infusion aufdrehen) muss er aber selber.

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