Zurück in die Abhängigkeit

In der Geschichte der Ehe spiegelt sich auch die Entwicklung der Frauenrolle. ­Das zeigt sich deutlich bei der CVP-Initiative gegen die Heiratsstrafe.

Traditionelle Hochzeit: Hollywoodstar Audrey Hepburn mit Mel Ferrer auf dem Bürgenstock (1954). Foto: ETH-Bibliothek, Comet Photo AG

Traditionelle Hochzeit: Hollywoodstar Audrey Hepburn mit Mel Ferrer auf dem Bürgenstock (1954). Foto: ETH-Bibliothek, Comet Photo AG

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Da ist es wieder, jenes Argument aus der Vergangenheit, dem die CVP gerade neues Leben einhaucht: die Vorstellung von der Ehe als wirtschaftliche Gemeinschaft, die es unbedingt zu schützen gilt. Diese sei benachteiligt, findet die CVP und will darum mit ihrer Initiative gegen die Heiratsstrafe die ungerechte Besteuerung von Verheirateten abschaffen.

Einer ähnlichen Begründung bediente sich schon SVP-Nationalrat Chris­toph Blocher, als er 1985 das Referendum gegen das neue Ehe- und Familienrecht ergriff. Die Gesetzesrevision sah vor, die gleichberechtigte Partnerschaft als Basis für die Ehe ins Gesetz zu schreiben. Damit wollte man die bestehende patriarchale Ordnung mit dem Mann als Familienoberhaupt ersetzen und dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen. Blocher und sein Komitee indessen verstanden die Gesetzesrevision als Angriff auf die traditionelle Institution Ehe. Die Änderung sei unternehmer- und familienfeindlich und betone die Einzelinteressen der Eheleute zu stark, sagten sie. Und meinten: die Interessen der Frau.

«Eines der Argumente der Gegner gegen die Revision war, dass Familien­betriebe nur weiterbestehen können, wenn neben dem Mann auch die Frau im Betrieb arbeitet», sagt die Historikerin Franziska Rogger. Darin erkennt sie das alte Ehekonzept wieder, das bis Ende des 18. Jahrhunderts die Ehe als Gemeinschaft mit einem bestimmten Zweck definierte: Sie garantierte den Schutz der Eheleute und bot wirtschaftliche Sicherheit. Die Ehe war eine ökonomische Einheit, in welcher der Mann die Familie nach aussen vertrat, während die Frau den Haushalt besorgte und sich um den Nachwuchs kümmerte. Der Mann hatte viele Rechte: Er gab der Familie Namen und Bürgerrecht, bestimmte den Wohnsitz und war alleiniger Verwalter des ehelichen Vermögens. Und er war befugt, seiner Frau eine ausserhäusliche Erwerbstätigkeit zu verbieten. Die Frau hatte nicht viel mehr Rechte als ein unmündiges Kind.

Frauen beförderten Reformen

Im Unterschied zum geltenden Gesetz habe sich die Gesellschaft – und die Frau – zunehmend individualisiert, sagt Rogger. Die «grossen Nachteile für die Frau» mussten endlich abgeschafft werden. Das Referendum Blochers gegen die geplante Reform blieb denn auch wirkungslos. Das Schweizer Stimmvolk unterstützte das revidierte Eherecht mit 54,7 Prozent Ja-Stimmen – und dies, obwohl eine knappe Mehrheit der Deutschschweizer Männer die Vorlage ablehnte. Drei Jahre später trat das neue Gesetz in Kraft und modernisierte die Ehe: Die Verantwortung für die Kinder und den Familienunterhalt wurde nun beiden Ehepartnern gleichermassen übergeben, und über die Arbeitsteilung konnten sie fortan frei entscheiden. Das war 1988. Erst möglich gemacht hatte solche tiefgreifenden Veränderungen das Stimm- und Wahlrecht der Frauen, das 1971 auf nationaler Ebene eingeführt wurde. So zumindest sieht es Andrea Büchler, Professorin für Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Zürich: «Als Frauen endlich berechtigt waren, zu wählen und abzustimmen, löste das eine Welle von Reformen aus.» Beispiele dafür gibt es zuhauf. Das erste ist die Kindesrechtsreform von 1978, mit welcher unter anderem der sogenannte Stichentscheid des Vaters wegfiel. Bis dahin genoss dieser die Entscheidungshoheit, wenn sich die Eltern in Kindesangelegenheiten uneinig waren.

Das zweite Beispiel ist das neue Scheidungsrecht im Jahr 2000, das die Verknüpfung der Ehe mit der Schuldfrage auflöste und die Frauen monetär nicht mehr benachteiligte. Bis anhin bekamen sie nach der Scheidung nur ein Drittel der ehelichen Ersparnisse zugesprochen. Jetzt erhalten sie, sofern nicht anders vereinbart, die Hälfte.

Die dritte Reform betrifft eine Änderung im Strafrecht, die 2004 die Vergewaltigung in der Ehe neu als Offizialdelikt definierte – als ein schweres Delikt also, das von der Staatsanwaltschaft verfolgt werden muss. Das aktuellste Beispiel ist das neue Namensgesetz, das seit 2013 besteht: Frischvermählte behalten ihre eigenen Namen, sofern sie nicht einen gemeinsamen Familiennamen beantragen. Die Doppelnamen, die seit 1988 möglich waren, wurden abgeschafft. «Die zahlreichen Versuche, das Namensrecht zu reformieren, sind ein eindrücklicher Beleg für die Tradition und die Bedeutung der Ehe», sagt Büchler. Noch 2001 lehnte das Parlament das neue Namensrecht in der Schlussabstimmung ab, obwohl davor beide Räte zugestimmt hatten.

Trotz zunehmender Gleichstellung der Eheleute zeigt sich in der Geschichte der Ehe immer auch die Tendenz, die Tradition bewahren zu wollen. Das offenbart sich etwa bei der neuesten Reform: Obwohl der Name des Mannes nicht mehr automatisch auf die Familie übergeht, hält eine Mehrheit der Frauen an dessen Nachnamen fest. In der Schweiz heiraten jedes Jahr rund ­40'000 Paare. Über 70 Prozent der Bräute haben 2014 wie auch 2013 den Namen ihres Partners angenommen. Ein Vergleich mit den Jahren vor dem neuen Namensrecht zeigt, dass die Zahl der Frauen, die ihren Namen behalten, zwar kontinuierlich zunimmt (2009 waren es noch 1875 Frauen, 2014 bereits fünfmal so viele), aber nur, weil die Doppelnamen wegfielen. Der Anteil der Frauen, die sich für den Namen des Partners entscheiden, bleibt hingegen konstant. Für Büchler ist das keine Überraschung: «Statistiken zeigen, dass der Eheschluss häufig mit einer Retraditionalisierung einhergeht.» Das führe nicht selten dazu, dass die Frauen ihr Arbeitspensum reduzieren, auch wenn noch keine Kinder da sind. Das falle mit der Übernahme von traditionellen Rollen zusammen. «Es scheint, dass man sich mit dem Jawort gewissermassen in die Genealogie der Ehe einreiht.» Diese sei nach wie vor ein gesellschaftliches Ideal, sagt auch die Historikerin Susanna Burg­hartz.

Auch ein negativer Anreiz

Die Ehe ist eine konservative Lebensform, welche die CVP jetzt mit ihrer Initiative zu retten versucht. Gegner der Vorlage sehen darin allerdings einen negativen Anreiz für Frauen: Eine individuelle Besteuerung, die sowohl Mann als auch Frau eigenständig behandelt, wäre nach einem Ja unmöglich. Es würde sich für die Frau nicht lohnen, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, weil das Paar sonst deutlich mehr Steuern zahlen müsste. Verzichtet sie infolgedessen auf ihre Arbeit, vergrössert sich dadurch ihre Abhängigkeit vom Ehemann. Franziska Rogger glaubt, dass die CVP-Initiative in die falsche Richtung geht. Für die Entwicklung der Frauen fände sie eine individuelle Besteuerung der Eheleute förderlicher: «Wenn sich Frauen erst einmal als eigenständige wirtschaftliche Trägerinnen verstehen, werden sie automatisch mehr Gleichheit fordern – etwa beim Lohn.»

Am 28. Februar, wenn die Schweiz über die Initiative abstimmt, wird sich zeigen, ob der nächste Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung gelingt.

Erstellt: 15.02.2016, 23:24 Uhr

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