«Zwangsehe ist kein Randphänomen»

Ein neues Formular soll gegen Zwangsheirat helfen. Laut Expertin Anu Sivaganesan braucht es noch andere Massnahmen.

«Das Formular ist wichtig, aber es braucht noch andere Massnahmen»: Anu Sivaganesan von der Fachstelle Zwangsheirat.

«Das Formular ist wichtig, aber es braucht noch andere Massnahmen»: Anu Sivaganesan von der Fachstelle Zwangsheirat. Bild: TA

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Die Fachstelle Zwangsheirat hat mit der Stadt Bern eine neue Schutzmassnahme entwickelt: In einem Formular können Frauen und Männer schriftlich festhalten, dass sie nicht heiraten wollen (siehe Box). Erreicht es die Betroffenen?
Die Betroffenen können ab heute Mittwoch die eidesstattliche Erklärung auf unserer Website downloaden. Sie ist auch in Bern auf behördlicher Seite zugänglich. Damit sie davon erfahren, ist es wichtig, Lehrpersonen und SchulsozialarbeiterInnen darauf hinzuweisen. Vom Migrationsamt, der Polizei, dem Sozialdienst und verschiedenen Arbeitgebenden haben wir bereits Anfragen erhalten. Diese eidesstattliche Erklärung ist aber nur einer von vielen Schritten, es braucht parallel weitere Schutzmassnahmen.

Welche?
Wir haben mehr als 20 Schutzmassnahmen, während und nach der Zwangsheirat. Zum Beispiel Kopien von Ausweisen anfertigen, oder eine Grenzschutz-Ausreisesperre veranlassen. Darüber hinaus ist Aufklärung und Sensibilisierung wichtig: Wir bieten Weiterbildungen für Fachpersonen an, vor den Sommerferien führen wir jeweils Workshops an Schulen durch. Im Juni zum Beispiel haben wir an einer Berufsschule in Münchenstein BL während einer Woche total 700 Schülerinnen und Schüler erreicht. Das hat gewirkt: Es gab bereits Fallmeldungen. Besonders gefährdet sind unbegleitete minderjährige Asylsuchende, Migrantinnen und junge Mädchen, die noch in Ausbildung sind.

Ende August läuft das nationale Programm zur Bekämpfung von Zwangsheiraten in der Schweiz aus: Es dauerte fast fünf Jahre. Was hat es gebracht?
Die Vernetzung wurde verstärkt, was gerade in einem föderalistischen Land wie der Schweiz wichtig ist. Die Fachstelle Zwangsheirat wurde neu als überregionales Kompetenzzentrum tätig, in der lateinischen Schweiz wurde im Tessin eine spezialisierte Trägerschaft geschaffen. Nun braucht es auf Bundesebene eine Fallkoordination. Bisher hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) hier keine Kompetenzen. Es koordiniert vorzüglich Projekte, aber keine Fälle. Wichtig wäre darum eine eigene Stelle etwa im Aussendepartement, wie das in Österreich oder Grossbritannien bereits existiert. Dort arbeiten staatliche Stellen mit NGOs zusammen. Ähnliches müsste für die Schweiz geschaffen werden.

Seit 2013 ist die Zwangsverheiratung in der Schweiz strafbar. Wie hilfreich ist dieser Gesetzesartikel?
Das Gesetz ist immer noch relativ neu. Es braucht eine gewisse Zeit, bis es sich etabliert. Trotzdem sollen wir vonseiten des Strafrechts nicht zu viel erwarten.

Warum nicht?
Die Betroffenen erstatten üblicherweise keine Anzeige – das sieht man auch in anderen Ländern. Wir haben bei unserer Fachstelle mehr als 1800 Fälle, aber nur eine gerichtliche Verurteilung. Die Erziehung der Betroffenen spielt eine grosse Rolle: Während in der Schweizer Gesellschaft im Jugendalter üblicherweise eine Loslösung vom Elternhaus stattfindet, herrscht bei vielen traditionalistischen Personen mit Migrationshintergrund das Credo vor, von der «leiblichen Familie» direkt zur «lieblichen Familie» überzugehen. Die Phase dazwischen, in der man eigene Entscheidungen trifft, selbstständiger wird, existiert oft nicht.

Werden die Betroffenen, die sich gegen die Zwangsverheiratung gewehrt haben, von den Fachstellen genug begleitet?
Betreuung ist gut, aber es soll keine Überbetreuung sein, da sich sonst die Abhängigkeit einer Person nur verlängert. Die Zwangsstruktur wird dann einfach durch die Fachstellenstruktur ersetzt. Das macht aber keinen Sinn, weil ja eigentlich Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Ziel sind. Wir begleiten nicht nur langfristig, sondern unterstützen auch punktuell bei der Lehrstellensuche.

Studien gehen von 700 Fällen aus, in denen in der Schweiz lebende Frauen und Männer jährlich zwangsverheiratet werden. Warum gibt es keine genauen Zahlen?
In der Schweiz fehlen bisher repräsentative Zahlen. Als Grund, warum diesbezüglich keine breite Studie in Auftrag gegeben wurde, werden die Kosten genannt. Dies ist schade, denn die Schweiz ist im westlichen Europa nach Luxemburg das Land mit dem höchsten Anteil an ausländischen Mitmenschen. Genau erhobene Zahlen würden das wahre Ausmass aufzeigen und dazu beitragen, dass dieses Menschenrecht konsequenter verankert würde. Eine deutsche Studie zu Gewalt an Frauen mit türkischem Hintergrund hat ergeben, dass 17 Prozent der Frauen das Gefühl haben, zur Ehe gezwungen worden zu sein. Das zeigt: Es ist kein Randphänomen. (slm)

Erstellt: 17.08.2017, 10:38 Uhr

Neue Schutzmassnahme

Eidesstattliche Erklärung

Die Fachstelle Zwangsheirat hat zusammen mit der Stadt Bern eine neue Schutzmassnahme entwickelt. In einer eidesstattlichen Erklärung können Frauen schriftlich erklären, dass sie nicht heiraten wollen, wenn sie in ihr Heimatland zurückreisen. 77 Prozent der Zwangsheiraten in der Schweiz sind gemäss Studien transnationale Beziehungen. Das Formular ermöglicht den Behörden, aktiv zu werden. Es ist auf www.zwangsheirat.ch abrufbar. (slm)

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