Zwei Hersteller kämpfen um die Gunst der Armee

Das Schweizer Militär braucht ein neues Fliegerabwehrsystem. Nun wird ein französischer und amerikanischer Typ getestet.

Testphase: Die Schweizer Armee will sich bei der Luftverteidigung modernisieren. (Bild: www.vbs.admin.ch)

Testphase: Die Schweizer Armee will sich bei der Luftverteidigung modernisieren. (Bild: www.vbs.admin.ch)

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Die Schweizer Armee sucht ein neues bodengestütztes Fliegerabwehrsystem, das künftig am besten mit den ebenfalls neuen Kampfflugzeugen funktionieren soll. Zwei ausländische Hersteller ringen um den Milliardenauftrag. Nun beginnt die heisse Erprobungsphase.

Ab übernächster Woche testen Vertreter der Armee und des Bundesamts für Rüstung (armasuisse) im zugerischen Menzingen das Raketensystem Patriot des US-Herstellers Raytheon und die mit Aster-Raketen bestückte SAMP/T-Plattform von Eurosam aus Frankreich. Beide bieten moderne Systeme an zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite – genannt Bodluv.

Verschiedene Sensoren sollen dabei einerseits Nachrichten aus dem Luftraum beschaffen, andererseits sollen die Systeme die Bevölkerung und die Armee vor Angriffen von Marschflugkörpern, Drohnen, Lenkwaffen und Kampfjets schützen. Seit der Ausserdienststellung der BL-64 Bloodhound im Jahr 1999 besteht bei grösserer Reichweite eine Lücke in der Schweizer Luftverteidigung.

Getrennt und doch zusammen

Um diese zu schliessen, sollen Bodluv und die neuen Kampfjets künftig im gleichen Raum zeitgleich wirken, wie verschiedene Fachspezialisten des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) am Mittwoch vor den Bundeshausmedien in Bern ausführten. «Bodluv soll die Flugzeuge entlasten, sodass diese in erhöhter Bereitschaft am Boden bereitstehen können», sagte Berufsmilitär Marco Forrer.

Die Luftabwehrraketen sind wie die Beschaffung neuer Kampfjets Teil des Programms «Air2030». Die Kampfjets sollen maximal sechs Milliarden Franken kosten, für Bodluv stehen maximal zwei Milliarden Franken zur Verfügung.

Die Beschaffung der Flugabwehrsysteme sei politisch weniger umstritten als der Kauf neuer Kampfflugzeuge, sagte Christian Catrina, der Delegierte von Verteidigungsministerin Viola Amherd. Zu Bodluv wird sich das Volk nicht äussern können. Trotzdem würden die neuen Systeme genauso systematisch evaluiert.

Schiessversuche zu teuer

Bis dato werteten Spezialisten die Antworten auf einen Katalog von 500 Fragen aus, den die beiden Kandidaten in ihrer Offerte ausfüllen mussten. Verschiedene VBS-Teams beurteilten die Wirksamkeit des Systems, die Instandhaltung und die Ausbildung. Dazu kamen Abklärungen im Herstellerland.

Nun startet die Phase der Erprobung auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz «Gubel» in Menzingen. Ziel der Missionen ab dem 19. August bis Ende September ist es, die Fähigkeiten der Sensoren der Radarsysteme sowie die Angaben aus den eingereichten Offerten zu überprüfen. Dabei werden Messungen am Boden durchgeführt und der Luftraum nach Flugzeugen der Luftwaffe abgesucht.

Schiessversuche gehörten nicht dazu, sagte Marc Dürr von armasuisse, der Verantwortliche der Erprobungen. Solche wären teuer und ressourcenaufwendig. Deshalb setze die Armee auf «rein analytische Tests». Grundsätzlich halte sich der Bund aber offen, zu einem späteren Zeitpunkt sogenannte Verifikationsschiessen durchzuführen. Keine grosse Auswahl Nach der Erprobung will armasuisse im Winter den beiden Herstellerfirmen eine zweite Offertanfrage zustellen. Im abschliessenden Bericht sollen die Experten bis in rund einem Jahr die beste Kombination aus Kampfjet und Fliegerabwehrsystem aufzeigen und dem Bundesrat zur Empfehlung vorlegen.

Den Typenentscheid fällt der Bundesrat voraussichtlich Ende 2020/Anfang 2021. Ausgeliefert werden sollen die neuen Waffensysteme ab 2025. «Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass alle Flugzeuge mit beiden Bodluv-Systemen kooperieren können und umgekehrt», sagte Catrina.

Die Auswahl der Schweiz als Käuferin ist aber mit nur zwei Offerten für Bodluv-Systeme beschränkt. Von einem fehlenden Wettbewerb wollte Catrina nichts wissen, doch sagte er: «Wir hätten es begrüsst, wenn wir drei Anbieter gehabt hätten.» Die kleine Auswahl könne negative Auswirkungen auf den Preis haben, konkret nachweisen werde man das aber nie können. (fal/sda)

Erstellt: 07.08.2019, 18:22 Uhr

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