«Zwei Wochen sind ein Witz – wir brauchen taugliche Ansätze»

Damit die Elternzeit in der Schweiz mehrheitsfähig wird, braucht die Linke die Mitte-Parteien. Von dort kommt jetzt gleich dreifache Unterstützung.

Wie viel Zeit mit den Kindern soll der Staat bezahlen? (Archivbild)

Wie viel Zeit mit den Kindern soll der Staat bezahlen? (Archivbild) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Überraschend sprach sich die Sozialkommission des Nationalrats im Frühling dafür aus, in der Schweiz einen zweiwöchigen bezahlten Vaterschaftsurlaub einzuführen. Die parlamentarische Initiative des Bündner CVP-Nationalrats Martin Candinas wurde mit 13 zu 10 Stimmen angenommen. Der Entscheid kam unerwartet, weil zuvor knapp drei Dutzend Anläufe für einen Vaterschaftsurlaub den Weg durch die parlamentarischen Mühlen nicht überstanden hatten.

Doch auch Candinas’ Vorstoss steht bereits in der Schwesterkommission des Ständerats eine schwierige Diskussion bevor. Und in den Räten dürfte er von rechts vehement bekämpft werden. Trotzdem hat das Signal im Frühling dem Lager der Befürworter einen gewaltigen Schub verliehen. Sie sehen den Moment gekommen, sogar noch einen Schritt weiter zu gehen. Zurzeit sondieren sie, welches der acht Modelle des Bundesrats für einen Vaterschafts- oder Elternurlaub politisch mehrheitsfähig ist. Der Tenor der zumeist linken Befürworter: Ein Vaterschaftsurlaub ist eigentlich bereits überholt. Denn während die Schweiz noch über dessen Einführung diskutiert, hat sich in Europa längst die Elternzeit, die sich Mütter und Väter aufteilen, etabliert. Ein solches Modell schwebt ihnen auch für die Schweiz vor.

«Die Diskussion versachlichen»

Damit es nicht bei diesen Gedankenspielen bleibt, sind die linken Verfechter der Elternzeit auf die Unterstützung der Mitte-Parteien angewiesen. Von dort erhalten sie nun Schützenhilfe: Rosmarie Quadranti (BDP), Kathrin Bertschy (GLP) und Barbara Schmid-Federer (CVP) haben je ein identisches Postulat eingereicht, in dem sie den Bundesrat beauftragen, eine Kosten-Nutzen-Analyse der verschiedenen Elternzeit-Modelle vorzulegen. Dabei sollen die langfristigen volkswirtschaftlichen Auswirkungen der einzelnen Vorschläge abgeschätzt werden. «Es geht uns darum, die Diskussion zu versachlichen», begründet Schmid-Federer den Vorstoss.

Bisher sind die Fronten in dieser Frage ideologisch verhärtet: Die SVP stellt sich gegen jede Art von Vaterschafts- oder Elternurlaub. Sie befürchtet negative Folgen für das Kleingewerbe und «horrende Kosten». Die FDP-Frauen werkeln seit Monaten an einem eigenen wirtschaftsfreundlichen Vorschlag – bisher ohne Resultat. Ein Vorstoss von FDP-Nationalrat Andrea Caroni ist im Parlament noch hängig: Er will es Vätern ermöglichen, einen Teil des 14-wöchigen Mutterschaftsurlaubs zu beziehen. Den hart erkämpften Mutterschutz zu beschneiden, kommt für die Linke aber nicht infrage. Diese provoziert die Bürgerlichen wiederum mit Forderungen von bis zu zwei Jahren Elternzeit.

Die Kosten als zentrales Kriterium

Die bürgerlichen Politikerinnen wissen, wo sie ansetzen müssen, um die Skeptiker im eigenen Lager zu überzeugen: bei den Kosten. «Das Modell mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis sollte durchaus mehrheitsfähig sein. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn sich in der Analyse bei einem oder mehreren Vorschlägen aufzeigen liesse, dass sich dadurch die langfristige Erwerbstätigkeit der Frauen deutlich erhöhen würde», ist Bertschy überzeugt. «Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels und der Zuwanderungsbeschränkung ist das ein wichtiges Kriterium.»

Dem Parlament fehle bisher die Grundlage für eine seriöse Beurteilung der volkswirtschaftlichen Folgen. Erwerbsquoten und -pensen, Steuereinnahmen, Sozialversicherungen, Sozialhilfe, Amortisation der Ausbildungskosten: Neben den Kosten müssten auch die Auswirkungen auf diese Parameter bekannt sein, so die grünliberale Nationalrätin.

Widerstand aus der eigenen Partei

Aus Schmid-Federers Partei, der CVP, kommt zwar der aktuelle Vorstoss zum Vaterschaftsurlaub. Doch die Christdemokraten sind zerstritten ob dieser Frage. Der konservative Flügel hält nichts von der bezahlten «Papizeit».

Bertschy und Quadranti äussern sich ebenfalls skeptisch dazu – wenn auch aus ganz anderen Gründen: «Der Vorschlag Candinas ist ein Anfang. Zwei Wochen können helfen, die Bindung des Vaters zum Kind zu festigen. Aber zum Wiedereinstieg der Mütter in den Arbeitsprozess dürften sie kaum entscheidend beitragen», sagt Quadranti. Und Bertschy befürchtet, dass mit der Annahme der Initiative ein weitergehendes Modell mit gleich langer Vater- und Mutterzeit für Jahre vom Tisch wäre. «Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub sind ein Witz – wir brauchen taugliche Ansätze, keine Pseudolösungen.» Sie plädiert deshalb dafür, dass die Ständeratskommission Candinas’ Vorstoss bei ihrer Beratung im Spätsommer sistiert – «bis die langfristigen volkswirtschaftlichen Kosten und Nutzen seriös abgeklärt wurden».

Erstellt: 22.07.2015, 10:48 Uhr

Artikel zum Thema

So sehr hinkt die Schweizer Familienpolitik hinterher

Schweizer Arbeitgeber gewähren Vätern kaum Vaterschaftsurlaub. Selbst mit Elternzeit sind Väter nur unter gewissen Bedingungen zum Urlaub zu bewegen. Ein Blick ins Ausland lohnt sich. Mehr...

Die Chancen für einen Elternurlaub steigen

Eine Umfrage zeigt, dass die Idee im Parlament bis weit in die politische Mitte unterstützt wird. Noch gibt es aber zwei Knacknüsse. Mehr...

«In der Schweiz herrscht eine Denkbarriere»

Vier Wochen Vaterschaftsurlaub: Travailsuisse will mit einem flexiblen Modell Männer entlasten. Geschlechterforscherin Christa Binswanger sagt, welche Chancen das Vorhaben hat – und warum die Firmen jetzt handeln müssten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...