Start-ups sollen weniger Steuern bezahlen

Jungunternehmen leiden oft unter hohen Steuerrechnungen. Parlamentarier wollen das ändern – mit einer überraschenden Koalition.

Zieht Jungunternehmen an: Der Technopark in Zürich (ARchiv).

Zieht Jungunternehmen an: Der Technopark in Zürich (ARchiv). Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Die Unternehmenssteuerreform III wird auch als Vorlage zur Förderung der Innovation verkauft: wegen der Einführung einer Patentbox und dem Sonderabzug für Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen. Nichts davon haben Start-ups: Patente haben sie noch nicht. Und Steuerabzüge bringen ihnen ebenfalls nichts, weil sie keinen Gewinn schreiben. «Die Erleichterungen sind gut für multinationale Firmen. Doch die steuerlichen Rahmenbedingungen für Jungunternehmen bleiben katastrophal», sagt Nationalrätin Jacqueline Badran (SP, ZH). Dabei bestehe das Erfolgsmodell Schweiz darin, dass die Wirtschaft durch Innovation aus sich selbst heraus wachse – und nicht durch Firmen, die sich hier ansiedeln, um ihre Patente aus Steuergründen zu parkieren.

Die Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für Start-ups hat für Finanzminister Ueli Maurer keine Priorität, das machte er in der USR-III-Debatte klar. Badran ist nun selbst aktiv geworden. Die IT-Unternehmerin hat eine parlamentarische Initiative eingereicht, damit Mitarbeiterbeteiligungen an Start-ups privilegiert besteuert werden. Der Vorstoss ist breit abgestützt – zu den Unterzeichnern zählt auch Magdalena Martullo-Blocher (SVP, GR).

Doch wie behindert das Steuerrecht Start-ups? Bekannt ist der Fall eines Zürcher Jungunternehmers, der zur Weiterentwicklung seiner Firma in einer Finanzierungsrunde 50 Millionen Franken reingeholt hat. Er selbst bezieht nur einen bescheidenen Lohn, weil das Unternehmen Verluste schreibt. Doch auf dem Papier ist er Millionär: Zur Bewertung seines Firmenanteils zogen die Steuerbehörden den Preis heran, den die Investoren in der letzten Finanzierungsrunde für die Aktien bezahlt haben. Dieser Preis beruht vorerst zwar vor allem auf Zukunftshoffnungen und widerspiegelt das Vertrauen ins Startup. Für den Jungunternehmer hat die Bewertung aber Konsequenzen: Der Fiskus schickte eine Steuerrechnung über 330 000 Franken.

Konkurs wegen Steuerrechnung

Stefan Steiner vom Institut für Jungunternehmen kennt etwa 15 solcher Fälle im Kanton Zürich. Einige Jungunternehmer überlegten sich, ob sie wegen der Steuerrechnung Privatkonkurs anmelden sollen. Zwar hat die Zürcher Finanzdirektion Anfang Monat reagiert: In den ersten drei Jahren will die Steuerbehörde künftig bei der Veranlagung auf den Einbezug der Finanzierungsrunden verzichten und alleine auf den Substanzwert abstellen. «Das ist gut gemeint, geht aber zu wenig weit», sagt Badran. Sie fordert, dass bei Mitarbeiteraktien während sieben Jahren die Investorenpreise nicht einberechnet werden. Und diese Regel soll für die ganze Schweiz gelten. Heute gehen die Kantone unterschiedlich mit dem Bewertungsproblem um. Gemäss Steiner besteht aber die Befürchtung, dass sich das neue Zürcher Modell in der ganzen Schweiz durchsetzen wird. Für die talentiertesten Leute sei eine Arbeit in einem Start-up nur dann interessant, wenn sie nebst dem (tiefen) Lohn eine Beteiligung erhalten, sagt Badran. «Lohnt sich diese wegen den Steuerfolgen nicht, gehen die besten Talente einfach in den Grosskonzernen unter.»

Zwar gibt es Steuerbehörden, welche sich bei der Bewertung von Mitarbeiteraktien schon heute nicht an den Investorenpreisen orientieren, sondern eine spezielle Formel anwenden. Kommt es aber zum Verkauf, müssen die Mitarbeiter die Differenz zwischen der tieferen Bewertung und dem Erlös versteuern – und dies, obschon es in der Schweiz keine Kapitalgewinnsteuer gibt. Badran spricht von einer stossenden Diskriminierung von mitarbeitenden Eigentümern gegenüber nicht mitarbeitenden Aktionären. Auch diese soll behoben werden. «Die Ausfälle wären für den Fiskus vernachlässigbar. Aber für die Firmen wären die Erleichterungen essenziell», sagt die Unternehmerin. «Wozu bilden wir all die gescheiten ETH-Absolventen aus, wenn wir mit dem Steuersystem Start-ups behindern?»

Erstellt: 19.03.2016, 17:11 Uhr

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