Streiken sie heute wieder?

Das Bild von den beiden Frauen am Frauenstreik blieb der Fotografin im Gedächtnis. Jetzt gab es ein Wiedersehen.

Su Erdt und Nina Bachmann 1991 beim Frauenstreik auf dem Helvetiaplatz und 2018 auf einem Filmset, wo sie derzeit beide arbeiten. Fotos: Doris Fanconi

Su Erdt und Nina Bachmann 1991 beim Frauenstreik auf dem Helvetiaplatz und 2018 auf einem Filmset, wo sie derzeit beide arbeiten. Fotos: Doris Fanconi

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Das Bild, das sie am 14. Juni 1991 auf dem Helvetiaplatz gemacht hatte, kam unserer Fotografin Doris Fanconi immer wieder in den Sinn: Zwei junge Frauen, ein bisschen Hippie, eine Spur Punk, mit Federn in den Haaren, die unbeschwert und selbstbewusst für ihre Rechte eintraten. Was ist wohl aus ihnen geworden?, fragte sie sich zuweilen.

Um das herauszufinden, mussten wir erst einmal wissen, wer sie sind. Wir starteten eine Suche über Twitter und wurden auf Umwegen, aber verblüffend schnell fündig. Wir treffen Su Erdt und Nina Bachmann in einer ehemals prächtigen, halb verfallenen Villa am Zürichberg. Sie sind beide im Stress, auf dem Dreh für eine neue Fernsehserie, die im nächsten Frühling ausgestrahlt wird.

Su Erdt – die Blonde auf dem alten Foto, ist Szenenbildnerin – «im Moment ist sie meine Chefin», sagt Nina Bachmann lachend. Sie ist als «Setdresser» zusammen mit einer Kollegin gerade daran, verschiedene Räume der Villa auf Nachkriegszeit zu trimmen. An das Foto, das damals im Tagi erschienen ist, erinnern sie sich gut. Sie waren siebzehn Jahre alt und machten beide eine Lehre als Dekorationsgestalterin. Su arbeitete bei Globus, Nina bei Jelmoli. «Wir fühlten uns richtig gut», sagt Su ohne jeden Unterton von Wehmut.

Nina verweist auf das Tuch, das sie auf dem Schwarzweissfoto um den Kopf geschlungen hat. «Es war das Lieblingstuch meiner Mutter, aus violetter Seide, aus ihrer feministischen Phase, als sie alles violett färbte.» Sie hatte es ihr zu diesem Anlass geliehen. Nina Bachmann musste einen halben Freitag einziehen, um am Streik teilnehmen zu können. «Bei uns im Globus war das lockerer», erinnert sich ihre Freundin. «Unsere Jungs fuhren uns in einer Rikscha durch die Verkaufsräume, dann kaperten wir die Schaufenster und inszeniertenlebendige Bilder.» Danach trafen sich die Freundinnen auf dem Helvetiaplatz. Etwas später zogen die beiden Frauen zusammen – «wir haben sogar einmal zusammen ein Haus besetzt», erzählt Nina Bachmann. Das Abenteuer endete bereits nach einem Tag und dank sehr netten Polizisten ohne Nachspiel, erzählen sie lachend. Selbst als Nina heiratete, blieb sie noch eine Weile bei Su wohnen. Beste Freundinnen eben.

Nicht aus den Augen verloren

Beruf und Familie brachten es mit sich, dass sie sich in den letzten Jahren seltener sahen – aus den Augen verloren haben sie sich nicht. «Endlich können wir wieder einmal zusammen arbeiten», sagt Su. In der Filmbranche seien immer wechselnde Personen auf dem Set, fixe Teams gebe es da nicht. Sie hat in ihrem Leben voll auf den Beruf gesetzt, der nicht nur zeitlich fordernd ist. «Ich wollte und will dies aber so.» Wie steht es mit den Forderungen, für die die beiden damals auf die Strasse gingen? «Es ist unglaublich, dass die Lohngleichheit noch nicht selbstverständlich ist», sagt Su Erdt. Auch in der Filmbranche nicht? «Wir sind in der Schweiz verglichen etwa mit Deutschland relativ fortschrittlich mit einer gültigen, öffentlichen Richtlohnliste, aber in Berufen wie Kostüm oder Requisite, wo mehrheitlich Frauen arbeiten, sind die Löhne immer noch tiefer als etwa bei der Beleuchtung», sagt Nina Bachmann.

Was machen sie am Frauenstreik? Beide wollen hingehen. Gehen sie zusammen? Sie schauen sich an, rufen unisono «Gute Idee!» und fallen sich in die Arme. Ganz wie damals. Sie werden aber ohne Federn im Haar und Bemalung im Gesicht losziehen. Auch auf das violette Tuch im Haar muss Nina Bachmann dieses Mal verzichten. Ihre Mutter hat es vor kurzem ihrer 6-jährigen Enkelin, Ninas Tochter, geschenkt. Kann sein, dass es beim nächsten Frauenstreik wieder zum Einsatz kommt. Falls ein solcher noch nötig sein sollte.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.06.2019, 18:59 Uhr

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