Die Machenschaften der «Bad Bank»

Die HSBC Schweiz hofierte Kunden, die mit Waffenhandel, Blutdiamanten und Drogen Millionen verdienten.

Zahlreiche Verfahren laufen: HSBC-Sitz in Genf (5. August 2008). Foto: Denis Balibouse (Reuters)

Zahlreiche Verfahren laufen: HSBC-Sitz in Genf (5. August 2008). Foto: Denis Balibouse (Reuters)

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Am 9. September 2005 schreibt ein Berater der Privatbank HSBC Schweiz in Genf eine Warnung in die Fiche eines Kunden. Es geht um Emmanuel Shallop, einen libanesisch-belgischen Diamantenhändler aus Antwerpen. «Kunde ist derzeit sehr vorsichtig», schreibt der Bankier. «Er spürt den Druck der belgischen Steuerfahndung. Sie untersuchen seine Aktivitäten im Bereich Diamantenhandel . . . Steuerbetrug.»

Bereits 2001, vier Jahre zuvor, nannte ein Bericht des UNO-Sicherheitsrats Emmanuel Shallop als Empfänger von Geldern aus dem Handel mit Blutdiamanten in Sierra Leone, für die ein strenges Handelsembargo galt. Verstösse dagegen werden auch in der Schweiz mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe gebüsst.

Aber weder der UNO-Bericht noch die deutlichen Hinweise des Kunden selber auf Ermittlungen in Belgien haben die HSBC Schweiz bewogen, Shallops Konto zu schliessen. Im Gegenteil: Der Kunde sei «sehr zufrieden», notiert ein HSBC-Mann nach einem Treffen im Herbst 2005. Shallops Guthaben überstieg 2006/2007 zeitweise 2,8 Millionen Dollar. Das geht aus seiner Fiche hervor. Ein Jahr später verurteilte ihn ein Gericht in Antwerpen wegen Handel mit Blutdiamanten zu vier Jahren Gefängnis. 2010 wurde das Urteil bestätigt.

«Mache mir keinerlei Sorgen»

2009 fragten Journalisten den damaligen CEO der HSBC Schweiz, Alexandre Zeller, ob es in seiner Bank keine Fälle von Geldwäscherei gebe. Seine Antwort: «Ich mache mir keinerlei Sorgen, dass wir in unserer Bank irgendeinen Fall von Geldwäscherei haben. Egal, welches Land es betrifft: Wenn nur der geringste Zweifel aufgekommen wäre, hätten wir das gemeldet.» Im selben Interview wiederholte der Bankchef auch, was bis heute das offizielle Credo auf dem Finanzplatz Schweiz ist: Steuerdelikte seien vor 2009 zwar vorgekommen. Aber bei schwereren Delikten, bei Geldwäscherei und Ähnlichem, da handelten Schweizer Banken vorbildlich.

Die Falciani-Daten vermitteln ein anderes Bild. Recherchen in Kundeneinträgen zeigen, wie die internen Kontrollen der Bank reihenweise versagten, wie sie mit Diamantenhändlern wie Emmanuel Shallop, mit mutmasslichen Terror-Financiers und mit Waffenschiebern geschäftete.

Waffen statt Waschmittel

Ein exemplarischer Fall spielt in Afrika. Im Juli 2003 verwandelte sich die Hauptstadt Liberias in ein Schlachtfeld. Rebellen griffen Truppen des damaligen Präsidenten Charles Taylor an. Sie feuerten mit Granatwerfern in bewohnte Gebiete der Hauptstadt Monrovia, Hunderte Zivilisten starben. Auf beiden Seiten kämpften Kindersoldaten. Die Waffen kamen zum Teil aus dem Nachbarland Guinea, dessen Regierung die Rebellen unterstützte. Die Firma Katex ­Mines Guinee war einer der Transporteure, welche die Waffen heranschafften, wie UNO-Berichte festhalten.

Katex war bis 2006 Kunde bei der HSBC Schweiz – obwohl die HSBC-Gruppe bereits 2000 entschieden hatte, sich «stufenweise» aus Waffengeschäften zurückzuziehen. In einem Papier der Bank heisst es, man biete keine «Finanzdienstleistungen für Transaktionen betreffend Kauf anderer Waffen» an, gemeint sind etwa «Pistolen und Raketen».

UNO-Experten untersuchten 2003 eine Reihe von Katex-Lieferungen nach Guinea. Sie bilanzierten in ihrem öffentlichen Bericht: «Wir gehen davon aus, dass Katex in den letzten zehn Monaten Waffen und Munition importierte.» Dazu gehörte ein Transportflug von Teheran nach Guinea. An Bord: Waffen, in den Frachtpapieren als «Waschmittel» getarnt.

Gemäss Swissleaks-Daten eröffnete Katex im Februar 2001 ein Konto bei der HSBC in Genf. Trotz der Hinweise auf die Waffengeschäfte blieb die Firma Kunde. 2005 wurde das Konto zwar zeitweise blockiert, bis 2006 war es aber weiter aktiv. Damals erreichte es einen Höchststand von 7,14 Millionen US-Dollar.

Je tiefer man in die Daten gräbt, desto mehr kriminelle Kunden kommen zum Vorschein. Französische Fahnder filterten rund 3000 Franzosen aus der Datensammlung heraus, die Hervé Falciani in Genf gestohlen hatte. Diese Namen glichen sie mit den Verbrecherregistern von Europol und der französischen Polizei ab. Resultat: nicht weniger als 120 Treffer. Deswegen laufen nun zahlreiche Verfahren, etwa gegen mehrere mutmassliche Drogenhändler, die von der Bank geradezu hofiert wurden. Als einer von ihnen einem HSBC-Berater von seinem Hotelprojekt in Marrakesch erzählte, notierte dieser später: «Sicher fällt auch für die HSBC was ab.»

Kunden mindestens «googeln»

David Zollinger war früher Staatsanwalt und Bankkader, heute arbeitet er als Compliance-Experte und Spezialist für Wirtschaftskriminalität. Er sagt, ab 2002 sei es bei Schweizer Banken Standard gewesen, ausländische Neukunden mithilfe von Informationsdatenbanken zu prüfen – oder sie mindestens zu «googeln». Bei grossen Kundenstämmen könne es vorkommen, dass problematische Namen vereinzelt nicht entdeckt würden, auch weil oft die Schreibweise nicht ganz klar sei. «Wenn sich aber bei einer Bank die Fälle häufen, ist man geneigt, zu sagen: Die Annahme solcher Kunden war wohl ein Geschäftsprinzip.»

Das Katex-Management und Emmanuel Shallop wollten zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. Die HSBC Schweiz schreibt in einem Statement an Tagesanzeiger.ch/Newsnet und andere Medien, dass sie zu viele «Hoch-Risiko-Konten» in ihren ­Büchern hatte. Sie sah sich gezwungen, ab 2007 Tausende Konten aufzulösen.

Auch die Bank selbst wurde umgekrempelt, zuvorderst die Abteilung Medis (Mediterranean Europe and Israel). Dort wurden Diamantenhändler wie Emmanuel Shallop betreut, und dort explodierte Skandal um Skandal, mal waren es Drogengelder aus Frankreich, mal Geldwäscherei in Spanien. «Überdurchschnittlich oft» hätten die Strafverfolger bei Medis angeklopft, sagte sogar der Chefjurist der HSBC Schweiz in einer Befragung. Nach einer Reihe von internen und externen Untersuchungen hatte das Management genug – und schloss 2013 die ganze Abteilung.


Mitarbeit: Ryan Chittum, Sylvain Besson.

Erstellt: 08.02.2015, 20:35 Uhr

Swissleaks

Seit September 2014 analysieren rund 140 Journalisten Kundendaten der Privatbank HSBC Schweiz. Federführend ist das Inter­national Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Ab dem 9. Februar 2015 publizieren über 40 Medien ihre Recherchen, darunter «Le Monde», «Süddeutsche Zeitung», «Guardian», BBC und CBS. In der Schweiz sind der «Tages-Anzeiger», «Der Bund», «SonntagsZeitung», «Le Matin Dimanche», «L’Hebdo» und «Le Temps» beteiligt. Die Schweizer Recherchen werden auch auf www.swissleaks.net veröffentlicht.

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