Wie Terrorgelder über die Schweiz flossen

Swissleaks: Ein mysteriöses Dokument nennt reiche Saudis als angebliche Spender für al-Qaida. Mehrere von ihnen tauchen jetzt als Kunden von HSBC Schweiz auf.

Er nannte die grössten Spender al-Qaidas die «Goldene Kette»: Osama Bin Laden (1998). Foto: AP, Keystone

Er nannte die grössten Spender al-Qaidas die «Goldene Kette»: Osama Bin Laden (1998). Foto: AP, Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein halbes Jahr war vergangen seit den Anschlägen vom 11. September 2001, weltweit jagten die USA die Täter und Hintermänner. In Sarajevo stürmte im März 2002 eine Sondereinheit die Büros einer islamischen Hilfsorganisation. Der Verdacht: Über die internationale Stiftung sollen Spenden zu al-Qaida fliessen. Auf den sichergestellten Festplatten fand sich ein Dateiordner mit der Bezeichnung «Osamas Geschichte». Eine der Dateien zeigte eine handschriftliche Liste mit 20 Namen in arabischer Sprache: angeblich die grössten Spender al-Qaidas. Bin Laden selber soll von der «Goldenen Kette» gesprochen haben.

Heute, dreizehn Jahre nach dem Fund zeigt sich: Einige dieser angeblichen Bin-Laden-Sponsoren parkierten Gelder in der Schweiz. Mehrere Namen der «Goldenen Kette» finden sich in den Datenbanken der HSBC. Die Männer stammen aus den einflussreichsten Kreisen Saudiarabiens. Sie sind als global agierende Topmanager oder Eigner riesiger Firmenkonglomerate bekannt. Sie tragen Titel wie «Scheich» oder «Prinz», sie zieren Titelblätter von Hochglanz-Wirtschaftsmagazinen, sie gelten als Mäzene. Hat HSBC wissen können, welch gravierender Verdacht auf einigen Kunden lastet? Geht man in der Zeit zurück, ist die Antwort in mehreren Fällen eindeutig: Ja. Zeitung lesen hätte gereicht.

In Grossbritannien enttarnt

Zum Beispiel bei einem heute 70-jährigen Saudi, Herr einer internationalen Firmengruppe. Im Juli 1999 wurden bei der HSBC in Genf Konten auf seinen Namen lautend eröffnet. Am 8. Juni 2003 berichtet die britische «Sunday Times», der Saudi figuriere auf der «Goldenen Kette». Und publizierte seinen Namen.

Wie die HSBC darauf reagierte, bleibt offen; die Bank äussert sich nicht zu ­Detailfragen. Aus den Swissleaks-Daten ersichtlich ist, dass der Saudi und sein Firmenkonglomerat Kunden geblieben sind: Noch in den Jahren 2006/2007 bewegte sich der Saldo eines der Firmenkonten um die 70 Millionen US-Dollar. Und eine Investmentfirma, dessen wirtschaftlich Berechtigter der Saudi ist, weist gut 200 Millionen US-Dollar auf.

Weitverzweigtes Firmen-Konstrukt

Lange Zeit war die HSBC «eine der aktivsten globalen Banken in Saudiarabien», wie eine Kommission des US-Senats 2012 festhielt. Sie kam zum Schluss, dass HSBC es Terroristen und Drogenhändlern zu leicht gemacht habe, Geld über die Bank abzuwickeln. Dieses Gebaren scheint sich auch bei einem weiteren saudischen Geschäftsmann manifestiert zu haben. Die Firmen des 79-Jährigen investieren etwa in die Medizintechnologie. Gemäss den Daten aus der HSBC-Bank wurde am 29. Oktober 2002 ein Konto im Namen dieses Saudis eröffnet. Nur Monate später wurde in den USA die «Golden Chain» erstmals in einem Gerichtsfahren verwendet. Darauf fiel der Name des Saudis in der Anhörung einer US-Parlamentskommission.

Es folgten Presseartikel, etwa im «Wall Street Journal». Damals wurde die zentrale Rolle des Geschäftsmannes in einem weitverzweigten Konstrukt von Firmen, Stiftungen und Vereinigungen bekannt. Über das Netz sollen seit den 1980er-Jahren Gelder an islamistische Milizen geflossen sein, später auch an al-Qaida. Dass gerade dieser Saudi als Mitglied der «Goldenen Kette» genannt wurde, passte ins Bild.

Sein Konto bei HSBC in Genf wollte der Saudi offensichtlich diskret behandelt wissen. Denn die Korrespondenz sollte in der Bank bleiben und ihm nicht gesendet werden, wie die Daten zeigen. Das Konto war noch 2006 aktiv.

Vorwürfe waren publik

Von den Mitgliedern der «Goldenen Kette», die in den Swissleaks-Daten auftauchen, lässt sich in drei Fällen nachweisen, dass die Vorwürfe öffentlich bekannt waren. Und im Risiko-Management ist es Alltag, Berichte von Medien und Behörden weltweit auszuwerten. Dass die Hinweise anscheinend ignoriert wurden, ist umso erstaunlicher, als Terrorfinanzierung 2001 schlagartig Topthema wurde. UNO, EU und zahlreiche Staaten erliessen neue Richtlinien und Empfehlungen. Ab 2003 verschärfte die Schweiz ihre Regeln für die Banken.

Die Lage von HSBC war verzwickt: Während in der Presse die beschuldigten Kunden auftauchten, ergab der Abgleich dieser Namen mit offiziellen Sanktionslisten keine Treffer. Gerne hätte Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit HSBC darüber gesprochen, wie die Bank damit umgegangen ist. Jedoch verschickte sie nur eine allgemeine Stellungnahme.

«Vor Gericht nie ausgereicht»

Die Anwälte der Saudis betonen, dass die «Goldene Kette» bis heute vor Gericht als Beweis nie ausgereicht habe. Dennoch bezeichnen Experten das Dokument für den besten Beleg der Al-Qaida-Unterstützung durch Araber vom Golf. Michael Scheuer, bei der CIA einst Leiter der Bin-Laden-Abteilung, sagt der «Süddeutschen Zeitung»: «Diese Leute haben al-Qaida finanziert und damit Grundlage für die Terrororganisation gelegt.»

HSBC-intern waren die Vorwürfe bekannt. Darauf deutet auch der Umgang mit einer saudischen Bank hin. Diese sah sich damit konfrontiert, Mitglieder ihrer Besitzerfamilie hätten Extremisten unterstützt – und vermutlich gewusst, dass Al-Qaida-Terroristen ihre Bank nutzen. Dieses Risikos war sich die Compliance-Abteilung der HSBC-Gruppe bewusst. So erliess sie 2005 die Empfehlung, die HSBC-Filialen sollten ihre Beziehungen zur saudischen Bank einstellen. Das hat eine Kommission des US-Senats herausgefunden. Sie schreibt in ihrem Bericht, einige HSBC-Filialen hätten gegen diese Empfehlung protestiert. Zu den Abweichlern gehörte die Genfer Filiale, wie aus Swissleaks-Unterlagen hervorgeht. Denn sie war weiterhin mit dem saudischen Bankier-Clan verbunden. Der Familienname taucht mehrmals auf. Eines der Konten wurde erst nach der internen Warnung eröffnet.

Erstellt: 08.02.2015, 21:01 Uhr

Swissleaks

Seit September 2014 analysieren rund 140 Journalisten Kundendaten der Privatbank HSBC Schweiz. Federführend ist das Inter­national Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Ab dem 9. Februar 2015 publizieren über 40 Medien ihre Recherchen, darunter «Le Monde», «Süddeutsche Zeitung», «Guardian», BBC und CBS. In der Schweiz sind der «Tages-Anzeiger», «Der Bund», «SonntagsZeitung», «Le Matin Dimanche», «L’Hebdo» und «Le Temps» beteiligt. Die Schweizer Recherchen werden auch auf www.swissleaks.net veröffentlicht.

Artikel zum Thema

Die Kontrollen haben versagt

Kommentar Die Swissleaks-Enthüllungen wecken Zweifel daran, dass das Geldwäschereigesetz effizient umgesetzt wurde. Mehr...

Die Machenschaften der «Bad Bank»

Die HSBC Schweiz hofierte Kunden, die mit Waffenhandel, Blutdiamanten und Drogen Millionen verdienten. Mehr...

Das sagt die HSBC über ihre Geschäftspraxis

Die Bank gibt Verfehlungen zu. Allerdings reicht sie einen Teil der Schuld weiter. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...