Der Parc Adula stirbt nach 16 Jahren den Tod an der Urne

Die Schweiz erhält keinen neuen Nationalpark. Die betroffenen Bündner und Tessiner Gemeinden sagen nein.

Wäre als Kernzone des Parks geplant gewesen: Die Greina-Ebene mit dem Bach Rein da Sumvitg. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Wäre als Kernzone des Parks geplant gewesen: Die Greina-Ebene mit dem Bach Rein da Sumvitg. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Anderthalb Jahrzehnte der Planung, der Vorfreude und des Streits haben am Wochenende ein abruptes Ende gefunden: Der Parc Adula, konzipiert als zweiter und bisher grösster Nationalpark der Schweiz, ist an der Urne gescheitert.

Von den 14 Bündner und 3 Tessiner Gemeinden, die auf dem für ihn vorgesehenen Gebiet liegen, hätten mindestens 13 zustimmen müssen. Ja-Mehrheiten gab es aber bloss in 9 Gemeinden – primär in den etwas peripher gelegenen des Rheinwalds und des Misox. Nein sagten hingegen jene Gemeinden, die das Herzstück des Parks hätten stellen sollen: am deutlichsten Vals (81 Prozent) und Lumnezia (79 Prozent) in Graubünden sowie Blenio im Tessin (61 Prozent).

Allein auf Blenio wären knapp 55 Quadratkilometer Kernzone entfallen – und damit mehr als die Hälfte der 100 Quadratkilometer, die die Pärkeverordnung des Bundes als Mindestgrösse vorschreibt. Insgesamt hätte die Kernzone des Parc Adula 145 Quadratkilometer umfassen sollen. Inklusive Umgebungszone wären damit 1250 Quadratkilometer Parkfläche entstanden.

Mit einem derart klaren Verdikt aus den Gemeinden hätten selbst die Gegner nicht gerechnet, sagt der Disentiser Pablo Maissen vom Nein-Komitee. «Wir wollen hier nicht einem Reservat leben. Das ist mit diesem Abstimmungsresultat jetzt klar geworden.» Das Resultat macht Maissen umso stolzer, als die Gegner mit ein paar wenigen Tausend Franken, die Befürworter hingegen mit Millionen aus der Staatskasse operiert hätten. Maissen zieht den Vergleich zu David und Goliath – «und wie man aus der Geschichte weiss, gewinnt David».

Der Urnengang habe in einer «ängstlichen Grundstimmung» stattgefunden, sagt dagegen Jacqueline von Arx, Geschäftsführerin von Pro Natura Graubünden. Die Gegner hätten sich mangels echter Argumente sehr aggressiv aufgeführt. «Und mit ihrem Gepolter ist es ihnen gelungen, Verunsicherung auszulösen.» Von Arx ist denn auch «sehr enttäuscht über die verpasste Chance». Die Befürworter hatten das Projekt stets als Motor für eine sanfte, naturnahe touristische Entwicklung in der Region ge­priesen. Sie orteten darin viel wirtschaftliches Potenzial für die strukturschwachen Täler.

Hoffen auf die Region Locarno

Der Blick auf die Abstimmungskarte lässt erahnen, dass Befürchtungen rund um die Kernzone den Ausschlag für das Resultat gaben. In diese Richtung weist auch das gestrige Communiqué des Nein-Komitees, das sich über das Aus für die «sterilen Kernzonen im Hochgebirge» freut. Die Pärkeverordnung schreibt für die Kernzonen einen relativ strengen Naturschutz vor. So dürfen dort die Wanderwege nicht verlassen, keine Motorfahrzeuge gefahren und keine Pilze oder Beeren gesammelt werden. Auch ist die landwirtschaftliche Nutzung nur sehr eingeschränkt erlaubt; Fischerei und Jagd gibt es nur zur Ver­hütung von Wildschäden.

Der 170 Quadratkilometer grosse bestehende Nationalpark im Engadin bleibt damit bis auf weiteres das einzige Gebiet, wo entsprechende Restriktionen gelten. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass doch noch eine zweite Region in der Schweiz das Parklabel bekommt. Das Netzwerk Schweizer Pärke setzt seine Hoffnungen nun auf den Parco Nazionale del Locarnese. Dieser soll sich über das Gebiet von 13 Gemeinden westlich und nördlich von Locarno erstrecken.

Wie in der Region Adula hat auch dieses Vorhaben seine Ursprünge um das Jahr 2000; die Diskussion ist ähnlich weit fortgeschritten. Eine Abstimmung in den Gemeinden dürfte wohl Ende 2017 oder 2018 stattfinden. Das Netzwerk Schweizer Pärke ist gewillt, für diesen Kampf die Lehren aus dem Adula-Debakel zu ziehen. Man werde die Gründe, die zum Nein geführt hätten, sehr genau analysieren, kündigte das Netzwerk gestern an.

«Wir hier haben unsere Freiheit verteidigt.»Pablo Maissen, Nein-Komitee

Und wie geht es jetzt in der Adula-Region weiter? Fabrizio Keller, Präsident des Vereins Parc Adula, kann sich allenfalls vorstellen, mit den Befürwortern aus Rheinwald, Misox und Calanca eine abgespeckte Variante des Projekts zu realisieren. Es gelte nun, Gespräche für die Gründung eines Regionalen Naturparks aufzunehmen, sagte Keller gestern vor Medienvertretern. Bei Jacqueline von Arx löst er damit keine Begeisterung aus. Sie wäre einem Regionalen Naturpark (für den weniger strenge Regeln als für Nationalpärke gelten) zwar nicht abgeneigt. Doch davon gebe es schon einige. Pablo Maissen aus der Surselva wiederum sagt: «Die sollen dort unten machen, was sie wollen. Wir hier haben unsere Freiheit verteidigt – und werden es wenn nötig wieder tun.»

Erstellt: 27.11.2016, 21:52 Uhr

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