Tamy und die alten Männer

Das Model äussert sich zu seinem Shitstorm – und zeigt, dass es die Dynamik medialer Öffentlichkeit nicht versteht.

Ungeschickter Umgang mit der neuen Medienöffentlichkeit: Tamy Glauser. Foto: Keystone

Ungeschickter Umgang mit der neuen Medienöffentlichkeit: Tamy Glauser. Foto: Keystone

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Nun bricht sie also ihr Schweigen. Tamy Glauser, Model, Veganerin, bessere Hälfte des LGBTQ-Vorzeigepärchens Tamynique und Reizfigur, wie die Geschichte um ihre Nationalratskandidatur zeigt. Für die Grünen war sie angetreten, gab dieses Vorhaben aber wieder auf, nachdem esoterische Aussagen über Veganerblut einen Shitstorm gezündet hatten. Sie sei für die Politik noch nicht bereit, sagte sie Ende Juli. Was sie damit meinte, erläuterte sie nun diese Woche zuerst in dieser Zeitung und dann im «Blick»-Interview.

Sie habe nicht mehr sich selbst sein können, führt sie dort aus, habe es nur für die anderen, nicht für sich selbst gemacht. Und dann der Shitstorm: «Ich bin sicher: Wäre ich nicht ein lesbisches, androgynes Model, sondern ein 50-jähriger Hetero-Mann, der klassisch ins System passt, hätte ich nie erlebt, was ich erlebt habe.»

Deutlich werden aus diesen Aussagen zwei Dinge: Glauser war tatsächlich nicht reif für die Politik. Und sie missversteht die medialen Dynamiken der Gegenwart. Sie mag zwar nicht ins klassische Politsystem passen, dafür umso besser ins gegenwärtige System öffentlicher Aufmerksamkeit. Wer sich so vermarktet, sollte wissen, dass jede öffentliche Äusserung gegen sie verwendet werden kann. Man sieht niemanden lieber fallen als ein bekanntes Gesicht. Und gerade der «Blick» demontiert besonders gern jene, die er zuvor aufgebaut hat.

«Man muss weder lesbisch noch weiblich sein, um einen Shitstorm zu kassieren.»

Das hätte auch ihre Partei wissen müssen, die Glauser auch wegen ihrer Prominenz zur Kandidatur ermunterte. Man hätte von der Partei erwarten dürfen, dass sie die Politnovizin entsprechend brieft und ihr den Rücken deckt, wenn es Ärger gibt. Dass sie ihre Leute im Zweifelsfall lieber fallen lässt, zeigt die Geschichte des grünen Politikers Jonas Fricker. Während einer Nationalratsdebatte im Oktober 2017 hatte er Schweinetransporte mit der Deportation der Juden nach Auschwitz verglichen. Es kam zum Shitstorm, die Partei drängte ihn zum Rücktritt. Nach einer Bilderbuchkarriere musste der einstige Hoffnungsträger der Grünen aufgeben.

Man muss also weder lesbisch noch weiblich sein, um einen Shitstorm zu kassieren. Alte, weisse Männer mit komischen Ideen tun es auch, davon können Andreas Glarner oder Roger Schawinski ein Lied singen, bei denen der Shitstorm bereits fester Teil der Öffentlichkeitsarbeit zu sein scheint. Auf jeden Fall kein Grund, einfach aufzugeben. Sie halten vielmehr trotzig an ihren Ämtern fest und navigieren unbeirrt weiter in schlammigen Gewässern – mit Erfolg. Vielleicht sollten sich Glauser und die Grünen künftig daran orientieren.

Erstellt: 15.08.2019, 16:26 Uhr

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