Unbequemer Zwischenrufer

Hans-Ulrich Ernst schrieb ein Stück Schweizer Militärgeschichte. Am Schluss wollte er die Armee radikal von Mythen entschlacken. Ein Nachruf.

Kritik, die wehtat: Hans-Ulrich Ernst.

Kritik, die wehtat: Hans-Ulrich Ernst. Bild: Archiv

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Irgendwann klebte das Etikett «graue Eminenz» an ihm. Während siebzehn Jahren war er unter wechselnden Bundesräten Generalsekretär im Eidgenössischen Militärdepartement (EMD). Als er dort 1979 sein Büro bezog, war der Kalte Krieg noch im vollen Gang, die Russen marschierten in Afghanistan ein. Als er 1996 in Pension ging, war die Mauer gefallen, Deutschland geeint, die Sowjetunion aufgelöst. Die Welt war eine andere geworden. Nun trat die «graue Eminenz» öfters aus dem Halbschatten. Was aus der Schweizer Armee werden sollte, das trieb Hans-Ulrich Ernst auch nach der Pensionierung um. Messerscharf analysierend und pointiert formulierend, mischte er sich in die Dauerdebatte um Armeereform und neue Kampfjets ein. Und gab dabei auch mal der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee recht.

Einer, der gut Englisch sprach und erst noch etwas von Zahlen verstand, das war im Militärdepartement keine Selbstverständlichkeit. Hans-Ulrich Ernst hatte nach seinem Rechtsstudium in Bern als Assistent an der Georgetown University in Washington gearbeitet, später war er während sechzehn Jahren Beamter im Finanzdepartement. Nach dem Wechsel ins EMD arbeitete er an der Armeereform 95 und einer Neuorganisation des Departements. Nach dem PUK-Bericht von 1990 musste er sich Rücktrittsforderungen anhören. Von den Fichen habe er nichts gewusst, sagte Ernst. Von einer Geheimarmee schon. Aber nichts Genaues.

Die Armeereform 95 wurde von der Geschichte überrollt. Ernst selber sagte später: «Als sie in Kraft trat, war sie nicht die Antwort auf die Weltenwende, sondern die Rationalisierung des Kalten Krieges.» Sich selber warf er im Nachhinein vor, nicht früher gehandelt zu haben. Ernst wurde zum unbequemen Zwischenrufer. Als der Bundesrat 2009 die Beschaffung neuer Kampfjets einleitete, warf er den Militärs «exzessives Worst-Case-Denken» vor und erklärte im Aufsehen erregenden «Bund»-Interview: «Ich teile die Einschätzung der GSoA, dass wir in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren keine neuen Kampfflugzeuge kaufen müssen.»

Im Jahr darauf unterstützte er die links-grüne Initiative, die mit dem Sturmgewehr zu Hause Schluss machen wollte: Das ausserdienstliche Schiesswesen habe seinen militärischen Sinn längst verloren. Er und der damalige Verteidigungsminister Kaspar Villiger hätten schon 1992 erwogen, «den alten Zopf abzuschneiden» – und einzig aus Rücksicht auf die Schützenvereine davon abgesehen, deren Hilfe im Abstimmungskampf für den F/A-18-Kauf benötigt war. Als «quer in der Landschaft» kritisierte Ernst 2011 den Entscheid des Parlaments für eine 100'000 Mann starke Armee. Das «Schweizer Milizgesäusel» sei überholt, genauso wie die Vorstellung eines Alleingangs.

Ernst plädierte für eine kleinere Armee mit gekürzter Dienstpflicht und höherem Anteil an Soldaten, die ihren Dienst am Stück leisten, also nicht mehr in den WK gehen. Bundesrat und Parlament hörten nicht mehr auf ihn, doch seine Kritik tat weh. Weil sie von einem Ex-Brigadier und langjährigen loyalen Staatsdiener kam. Und weil sie durch Zahlen und Fakten gestützt war.

Hans-Ulrich Ernst, der vergangene Woche im Alter von 86 gestorben ist, hat als langjähriger EMD-Generalsekretär ein Stück Schweizer Militärgeschichte geschrieben. Und als scharfsinniger Denker die Debatte über die Schweizer Armee bereichert.

Erstellt: 27.03.2019, 08:05 Uhr

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