Auf Wolke grün

Die Klimaaktivisten haben das grüne Anliegen auf die Strasse gebracht und werden nun die Politiker beim Wort nehmen.

«Fantastisch», «ein Wahnsinnsresultat»: Die Grünen feiern mit ihrer Parteipräsidentin Regula Rytz. Foto: Adrian Moser

«Fantastisch», «ein Wahnsinnsresultat»: Die Grünen feiern mit ihrer Parteipräsidentin Regula Rytz. Foto: Adrian Moser

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«Plus 16», flüstert es durch die Bar Volver in der Berner Altstadt, die Nachricht geht durch die Beiz wie ein böses Gerücht, nur entlockt es überall Entzücken und Verwunderung. «Plus 16 Prozent?» – «Nein. Plus 16 Nationalratssitze.» Es ist 18 Uhr im Volver, dem Wahllokal der Grünen, und die Gäste müssen sich erst an die tollkühnen Neuigkeiten gewöhnen. Dann wird auf dem Fernseher SRF-Moderatorin Susanne Wille eingeblendet – und auch sie sagt: «Plus 16 Sitze». Juchzen und jubeln überall.

Die Grünen sind benommen vor Freude, aus den 16 Sitzen werden später gar 17. «Unfassbar, krass», sagt Aline Trede, «ich hätte das nie gedacht. Ich bin gewöhnlich Pessimistin», erklärt die gewählte Nationalrätin. Ein Lachen springt ihr ins Gesicht, das Bier im Glas schwappt über. Willkommen bei den Grünen, trunken vor Freude.

Milo Schefer. Foto: Raphael Moser

Die verkündete Hochrechnung ist ein erster Höhepunkt des Wahlfests, das die Grünen als «(hoffentlich) legendäres Wahlfest» angekündigt haben. So ganz trauten sie der Sache nicht. Und es war ja schon so: Bei den Grünen wurde diesen Herbst der Begriff des Wahlsiegs noch einmal grundsätzlich hinterfragt. Wären zwei Prozent plus noch ein Sieg? Oder schon eine Niederlage? Ab wann darf man von einem Triumph sprechen? Nach den Umfragen lag die Partei im Sommer 3,4 Prozent vorne. Jedes Zehntelprozent weniger würde an der Freude kratzen.

«Unsinn», sagt Jo Lang noch am Mittag. Er, der schon ein Politikerleben lang den grünen ­Gedanken lebt. Unsinn, sagt er und nennt die Wirklichkeit als Massstab. «Die Wirklichkeit ist das Wahlresultat von 2015 und sicher keine Umfrage aus diesem Sommer.» Lang muss es wissen, er ist niederlagen­gestählt, er kollidierte 2011 böse mit der Wirklichkeit und wurde als Nationalrat abgewählt. Die Abwahl im Kopf, sagt er: Zwei Prozent plus wären schon gut, alles mehr natürlich besser. Lang, dieser Politfuchs, kann also auch Politfloskeln – und als sich Stunden später ein grüner Zuwachs von plus 5,9 Prozent abzeichnet, ­meldet er sich selbst und ruft durchs Telefon: «Ein Wahnsinnsresultat.»

Die Klimajugend arbeitet

Drei Stunden zuvor herrscht am anderen Ende von Bern im Monbijouquartier ordentlich Betrieb. Die Schweizer Klimabewegung hat sich mit 100 Gleichgesinnten getroffen, manche schauen beim Public Viewing den Politikern beim Abwägen und Beschwichtigen zu, andere sitzen in Arbeitsgruppen zusammen und sprechen in Englisch über ihre nächsten Schritten als Bewegung.

Sie machen das in einer stillgelegten Metzgerei, in manchen Räumen riecht es noch nach altem Blut, Milo Schefer verzieht das Gesicht. Der 17-Jährige ist Vegetarier, hat die Streiks mitgestaltet und -organisiert, er reiste nach Aachen an ein internationales Klimatreffen. Die Wahlen machen ihn nervös. Den Vibrationsalarm seines Handys hat er ausgeschaltet, die Pushnachrichten dringen nicht zu ihm durch. «Es würde mich nur verrückt machen.»

Schefer kommt aus Eggiwil, einer Gemeinde im Emmental mit 2500 Einwohnern. Dort gibt es Hausarzt, Tierarzt, Metzger, Bäcker – und die Familie Schefer. Bekannt im Dorf als Familie ohne Auto. Schefer ist eines der Gesichter der Klimajugend, an die letzte Wahl könne er sich nicht mehr erinnern, zu lange her, doch nun soll eh alles anders werden und eine neue Zeitrechnung beginnen. Pro Klima.

Es ist mittlerweile vier Uhr nachmittags, die erste Hochrechnung geht durchs Land, die Klimabewegten jubeln und lachen. Und als der Grüne Balthasar Glättli die Plusresultate kommentiert, ruft eine junge Frau: «Der Glättli könnte ruhig ein bisschen euphorischer sein.» Gelächter.

Die Klimajugend wird zum Gamechanger dieser Wahl, die Jungen haben das grüne Anliegen auf die Strasse getragen – und selbst Opfer erbracht. Schefer erzählt, dass sich einige Kollegen derart überarbeitet hätten, dass sie temporär aus der Bewegung ausscheiden mussten. Neuerdings gibt es darum auch eine Arbeitsgruppe, die sich um ein Wohlfühlklima sorgt und Entspannungsmassagen anbietet.

Für Schefer ist es ein besonderer Tag. Er freut sich – und doch muss er seine Freude bändigen. Er ist Junggrüner, doch die Klimabewegung gibt sich parteienneutral. Mit dem Hut des Klimabewegten sagt er: «Die Wahl ist kein Meilenstein.» Nun müssten die Politiker ihre Versprechen erfüllen, das zähle nun. Als Grüner sagt er: «Fantastisch.»

Er und seine Kolleginnen haben ein metergrosses Paket gebastelt, das Klimapaket. Darauf stehen die Wünsche und Forderungen («keine Ölheizungen», «erneuerbare Energien», «ich will nicht mehr streiken müssen»). Das Paket tragen sie zum Bundesplatz. Die FDP-Parteichefin Petra Gössi marschiert mit einem Pulk Journalisten am Paket vorbei, ihre Wünsche will sie nicht da lassen – sie hat an diesem Tag andere Probleme.

Dankbarkeit und Wellen

Dann geht Schefer weiter ans grüne Wahlfest ins Volver, das nun tatsächlich auf dem Weg zur Legende ist. Er trifft auf Aline Trede, die die Junggrünen in Bern mitbegründete und vor vier Jahren noch abgewählt wurde. Sie verspürt Dankbarkeit. Die Klimabewegten hätten die grünen Anliegen auf die Strasse gebracht. «Sie haben die Diskussion versachlicht», sagt Trede. Vor Jahren lachte man sie noch auf der Strasse aus und machte sich lustig über das Waldsterben. Heute sei das Anliegen Klima gesellschaftsfähig.

Es ist kurz vor acht, inzwischen haben Wahlhelfer vor dem Volver Musikboxen und Discolicht aufgestellt. Im Restaurant nebenan sitzt Wahlverliererin SVP hinter ihren Stangen Bier. Sieht mässig lustig aus.

Die Grünen aber warten auf «die Regula», auf Parteipräsidentin Rytz. Es ist eines der grosse Gesetze von Wahltagen: Auf die grossen Gewinner muss man am längsten warten. Sie soll bald kommen, heisst es, aus dem Bald wird noch einmal eine Runde Bier. Dann kommt sie. Aus den Boxen erklingt Tina Turner und «Simply the Best». Rytz macht mit den Grünen die Welle. Sie bedankt sich, erzählt mit Tina Turner im Ohr, dass nicht sie die Beste sei, sondern alle Grünen zusammen. Und dass man nun Nägel mit Köpfen machen müsse. Auch sie kann das mit den Politfloskeln.

Erstellt: 20.10.2019, 23:06 Uhr

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