«Die Grünen sollten eine Frau für den Bundesrat bevorzugen»

Antonio Hodgers hat sich als Bundesrat der Grünen ins Spiel gebracht. Aktuell ist der Genfer mit Sexismusvorwürfen konfrontiert.

<i><span class='inline_image_capture'>«Ein Mann muss eine Frau aufgrund ihrer Arbeit kritisieren dürfen», sagt Antonio Hodgers. <nobr>Foto: Olivier</nobr> Vogelsang</span></i>

«Ein Mann muss eine Frau aufgrund ihrer Arbeit kritisieren dürfen», sagt Antonio Hodgers. Foto: Olivier Vogelsang

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Herr Hodgers, sollen die Grünen einen Bundesratssitz bekommen?

Gemessen an der Parteistärke haben wir einen Anspruch darauf. Darum muss sich aber die nationale Parteileitung kümmern. Ich bin in ständigem Kontakt mit ihr.

Und Antonio Hodgers im Bundesrat, können Sie sich das vorstellen?

Ich bin in meinen Überlegungen noch nicht so weit. Es geht nicht um mich. Es geht darum, was in Bern passiert. Es stellen sich Fragen: Wollen die Grünen eine Kandidatur? Finden sie Alliierte? Wenn ja, wollen sie jemanden aus der der Deutsch- oder der Westschweiz? Ich finde, die Grünen sollten eine Frauenkandidatur bevorzugen. Es geht aktuell um die Ökologie, es geht aber auch um die Rolle der Frau.

Ihre Regierungserfahrung wäre ein Vorteil.

Es gibt bei den Grünen viele Leute mit Regierungserfahrung. In meinem Fall geht es auch um den Kanton Genf, der geschwächt ist. Und es geht um meine Familie. Ich bin nicht mit einer Frau zusammen, die ihrem Mann überall hin folgt. Zudem bringt sie in ein paar Tagen unser Kind zur Welt. Meinen Kindern ein guter Vater zu sein, ist für mich ein wichtiger Wert.

Als ehemaliger Fraktionspräsident haben Sie viele Bundesratswahlen erlebt. Sie wissen, dass plötzlich alles sehr schnell gehen kann.

Natürlich sehe ich, dass alles sehr offen ist und schnell in alle Richtungen gehen kann. Das ist der Zauber der Schweizer Politik. Man sollte kein Karrierepolitiker sein. Häufig werden Leute überraschend in den Bundesrat gewählt. Ich wurde von meiner Partei wegen der Bundesratskandidatur angefragt. Meine Reaktion war: Wir können darüber diskutieren. Es gibt auch andere Kandidaten. Wichtig ist, dass die Grünen nun Regierungsverantwortung übernehmen können.

Aktuell haben Sie ein anderes Problem. In einer Radiosendung bezeichneten Sie eine «Le Temp»-Journalistin als Groupie, die Ihren Staatsratskollegen Pierre Maudet verliebt sei.

Ich habe das in einer Satiresendung gesagt. Die Journalisten machten Witze. Der Rahmen war wenig ernsthaft. Satiresendungen sind immer heikel. Entweder ist man seriös und langweilig oder man ist spöttisch, was für einen Politiker manchmal ein bisschen kompliziert ist. Nach dem Groupievergleich haben in der Sendung alle gelacht, auch die ehemalige FDP-Nationalrätin Suzette Sandoz. Nach der Sendung gab es keine Reaktion.

«Der Journalistin fehlt es meiner Meinung nach an der nötigen journalistischen Distanz zu Pierre Maudet.»

Der Chefredaktor von «Le Temps»reagierte am selben Tag. Er bezichtigte sie des Sexismus. Sind Sie zu weit gegangen?

Er hat den Satz aus dem Kontext gerissen, um den Kern des Problems nicht zur Sprache zu bringen.

Der Kern des Problem ist doch, dass die Journalistin Ihnen gegenüber kritisch ist, aber mit Pierre Maudet nach seinem Lügeneingeständnis pfleglich umging. Nach Bekanntwerden Ihrer Bundesratsambitionen bezeichnete sie Sie als Surfer und Pierre Maudet als Marathonläufer. Das hat Sie offensichtlich frustriert.

Im selben Artikel bezeichnete die Journalistin mich als «impétueux», was man auf Deutsch mit «ungestüm» oder «gewalttätig» übersetzen könnte. Sie gab aber kein Beispiel, worauf sie sich bezieht. Ich bin sicher nicht impulsiv. Dann beschreibt sie mich als Surfer, also einen Opportunisten. Ich bin eher ein Dickschädel, der sich Wellen entgegenstellt. Der Journalistin fehlt es meiner Meinung nach an der nötigen journalistischen Distanz zu Pierre Maudet. Sie hat ganz offensichtlich schlecht verkraftet, dass Pierre Maudet die Wahl als Bundesrat verpasste und ich nun Kandidat für dieses Amt bin. Ein Mann muss eine Frau aufgrund ihrer beruflichen Arbeit kritisieren dürfen. Das hat nichts mit Sexismus zu tun. Ich hätte dasselbe gesagt, wenn die Journalistin ein Mann gewesen wäre.

Haben Sie sich entschuldigt?

Das habe ich gemacht. Ich betone: Ich bin ein Feminist. Alles, was um die#MeToo-Bewegung geschehen ist, ist extrem wichtig. Im Departement haben wir eine Gleichstellungsgruppe. Ich mache viel, dass Frauen in Kaderpositionen kommen. Ich bin Mitglied des UNO-Programms Genderchampions. Nochmals: Wenn sich die Journalistin als Frau verletzt fühlt, entschuldige ich mich bei ihr.

 «Ich bin ein Feminist. Alles, was um die#MeToo-Bewegung geschehen ist, ist extrem wichtig.»

Ihre Partei ist so erfolgreich wie nie, Sie werden als grüner Bundesratskandidat gehandelt. Warum gönnen Sie sich nicht einfach ein bisschen Ruhe und geniessen den Moment?

Als Staatsrat kann man sich nicht entspannen. Just in der Satiresendung habe ich mich zu sehr entspannt. In der Genfer Politik haben wir dieses ständige Kräftemessen. Dazu kam die Affäre Maudet, die Übernahme des Regierungspräsidiums und mein Departement (Umwelt und Raumplanung) ist sehr exponiert, aber auch spannend.

Ihr Kanton ist in einer gröberen Krise. Nehmen wir die Budgetdebatte. Pierre Maudet lehnt das Budget 2020 ab. Mit seinem Ausscheren desvaouiert er das Gremium.

Das ist nicht die Genfer Politik. Das ist Herr Maudet. Abgesehen davon erinnert die Genfer Politkultur bereits an Frankreich. Wir leben damit. Mir gefällt das. Alle Parteien ausser die SVP haben beschlossen, auf den Budgetvorschlag einzutreten. Damit ist noch nichts gewonnen, aber das ist schon besser als letztes Jahr.

 «Ich bin noch immer schockiert, was Pierre Maudet gemacht hat.»

Sie und Herr Maudet, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Vorteilsannahme ermittelt, waren einst politische Weggefährten. Heute sind Sie verfeindet.

Das ist eine journalistische Wahrnehmung. Die Zeitung «Le Temps» hat uns einmal «ungleiche Brüder» genannt. Ich fand das eine feine Beobachtung. Ich bin noch immer schockiert, was Pierre Maudet gemacht hat. Aber weil wir uns derart lange kennen, arbeiten wir in unserer Regierungssitzung stets speditiv zusammen. Alle denken, wir reden nicht mehr miteinander. Das stimmt nicht. Meine Rolle ist es sicherzustellen, dass sich der Staat entwickelt.

Herr Maudet sagte in einem Interview: «Ich weiss nicht mehr, wer Antonio Hodgers ist.»

Ich habe nicht darauf reagiert. Er denkt, dass das, was er getan hat, nicht schwerwiegend ist. Ich denke das Gegenteil.

Die Regierung zerstört aktuell Maudets Arbeit der letzten Jahre. Sie verbietet den Fahrdienst Uber und will das Polizeigesetz überarbeiten lassen, das Maudet knapp durch eine Volksabstimmung gebracht hat ...

Die Regierung hat sich mit diesen Themen nicht befasst. Ich habe davon aus den Medien erfahren.

Das ist schwer zu glauben. Im Fall von Uber informierte die Staatskanzlei.

Ist aber so. Für Uber und das Polizeigesetz ist aktuell Staatsrat Mauro Poggia verantwortlich. Das Uber-Verbot war ein administrativer Entscheid. Uber erfüllt die Anforderungen des Taxigesetzes nicht, das Pierre Maudet einst erlassen hat. Wenn Vorgaben nicht erfüllt werden, stoppe ich als Baudirektor auch Bauarbeiten.

Erstellt: 19.11.2019, 06:25 Uhr

Der Ex-Fraktionspräsident

Antonio Hodgers (43) sitzt seit 2013 für die Genfer Grünen in der Kantonsregierung. 2018 übernahm er das Regierungspräsidium, nachdem sein Regierungskollege Pierre Maudet eingestehen musste, wegen seiner Reise nach Abu Dhabi gelogen zu haben. Von 2007 bis 2013 politisierte Hodgers im Nationalrat und war Fraktionspräsident. (phr)

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