Er kennt ein gerechteres Wahlsystem

Der Maschinenbauingenieur Thomas Schweizer hat eine Methode ausgetüftelt, die den Wählerwillen besser abbildet.

Er hat sich an den Ungerechtigkeiten des Schweizer Wahlsystems so gestört, dass er es neu erfunden hat: Thomas Schweizer. Foto: PD

Er hat sich an den Ungerechtigkeiten des Schweizer Wahlsystems so gestört, dass er es neu erfunden hat: Thomas Schweizer. Foto: PD

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Wir haben es in der Hand, glauben wir: In drei Wochen, wenn wir gewählt haben, wird das neue Parlament exakt den Wählerwillen abbilden. Stimmt nicht, findet Thomas Schweizer. «Das Stimmvolk wird hinters Licht geführt», sagt der Maschinenbau­ingenieur aus dem Thurgau.

Er hat es ausgerechnet: Bei den ­Wahlen vor vier Jahren kam die SVP mit 29,4 Prozent der Stimmen auf 32,5 Prozent der Sitze im Nationalrat, sechs mehr, als der Partei eigentlich zustehen würden. Die SP erzielte vier Sitze mehr, als mathematisch korrekt wäre. Der Berechnungsmodus bevorzugt die grossen Parteien, die kleinen haben das Nachsehen.

Eigentlich ist das längst bekannt. Aber nur einer hat sich daran so gestört, dass er in vierjähriger Kleinarbeit am Homecomputer, meist abends ­zwischen dem Nachtessen und «10 vor 10», eine Alternative ausge­tüftelt hat. Sein Minimal-Differenz-Proporzwahl-Verfahren bilde den Wählerwillen besser ab, sagt Schweizer, und es sei «transparent und einfach».

Die heute gültige Methode, Wählerstimmen in Nationalratssitze umzurechnen, gilt seit genau 100 Jahren. Mit der Einführung der Proporzwahl wird die Berechnungsmethode des Physikers Eduard Hagenbach-Bischoff benützt. Sie war ein entscheidender Fortschritt, wie auch Schweizer anerkennt, hat aber eben auch ihre eingebauten Ungerechtigkeiten.

Thomas Schweizer bezeichnet sich als politischen Menschen. Schon im Elternhaus wurde am Esstisch politisiert, und das ist auch heute noch so in der Loftwohnung in Frauenfeld, wo er mit seiner Frau und den zwei Kindern im Teenageralter wohnt. «Aber die politische Partei, in die ich eintreten könnte, gibt es nicht», sagt der 50-Jährige. «Am ehesten wäre es eine Mischung aus SP und Grünliberalen.»

Als Maschinenbauingenieur in einem Betrieb, der hochpräzise Bauteile für Werkzeugmaschinen herstellt, hält Thomas Schweizer viel auf Präzision und Effizienz, Eigenschaften, die er auch auf sein Wahlverfahren anwendet. Dazu kommt Pragmatismus. Annähernd vollkommene Proportionalität zwischen Wählerstimmen und Sitzverteilung käme nur zustande, wenn die Kantone nicht jeder für sich allein als unabhängiger Wahlkreis betrachtet würden, sondern die Schweiz als Ganzes. Dafür wäre beim Auszählen ein Ausgleich zwischen den Kantonen notwendig, ähnlich, wie dies heute im Kanton Zürich zwischen den Wahlkreisen geschieht.

Der Systemwechsel muss warten.

«Das hätte keine Chance», sagt Schweizer, «und auch ich sehe die Vorteile des Föderalismus.» Unangetastet lassen würde Schweizer darum auch das Wahlverfahren für den Ständerat, da das heutige Zweikammersystem durchaus seine Berechtigung hat – obwohl es ebenfalls verzerrend wirkt.

Thomas Schweizer hat seine Arbeit – 229 dicht beschriebene, mit Formeln gespickte Seiten – vorerst im Internet veröffentlicht (autor-ch.ch). Bei mehreren Parteien hat er zudem damit hausiert. Auf das grösste Interesse stiess er, logisch, bei kleinen Parteien, den Benachteiligten. Aber auch die sind jetzt vor allem einmal mit den kommenden Wahlen beschäftigt.

Erstellt: 06.10.2019, 19:46 Uhr

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