Der Erfolg stellt die Grünen vor Probleme

Das rasante Wachstum beschert der Partei einen Geldsegen. Doch nun müssen die Wahlsieger ihre Organisation anpassen.

Die Fraktion von Grünen-Präsidentin Regula Rytz (Mitte) ist über Nacht von 13 auf 29 Mitglieder gewachsen. Foto: Franziska Rothenbühler

Die Fraktion von Grünen-Präsidentin Regula Rytz (Mitte) ist über Nacht von 13 auf 29 Mitglieder gewachsen. Foto: Franziska Rothenbühler

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Balthasar Glättli steht unter Strom. «Ich habe fünf Minuten für Sie», ruft er ins Telefon. Spät ging der grüne Fraktionschef am Sonntag zu Bett, erst am Ende des vollen Tages reichte es zu einem Glas Prosecco, morgens um 6 Uhr ging es wieder los, ein Journalist nach dem anderen.

Das ist der Preis des Erfolgs. Glättlis Fraktion ist über Nacht von 13 auf 29 Mitglieder ge­wachsen, hinzu könnten vier weitere Ständeräte kommen. Das beschert den Grünen einen Geldsegen. Sie werden bis zu 600'000 Franken mehr Fraktionsbeiträge erhalten und die Millionen­grenze knacken. Hinzu kommen die Mandatsabgaben der Neu­gewählten – bisher 9000 Franken für Nationalräte –, was weitere 150'000 Franken in die Kasse spült. Das sind bedeutende Mittel bei einem Budget von bisher 1,2 Millionen Franken.

Die Fraktion steht für einen konsequenten Linkskurs in allen politischen Bereichen.

Generalsekretärin Regula Tschanz freut sich: «Wir erhalten neue Möglichkeiten, auch in der Kampagnenführung.» Dabei hilft der rege Zulauf: Seit Anfang Jahr haben die Grünen ihre Mitgliederzahl von 9000 auf über 10'000 gesteigert, mit der Jungpartei auf über 13'500. Das rasante Wachstum schafft aber auch Probleme. Heute teilen sich in der Zentrale 12 Personen 8,6 Stellen. Die nur noch wenig grössere CVP beschäftigt 22 Personen in 17,7 Stellen. «Es kommt eine grosse Verantwortung auf uns zu», sagt Tschanz. Die Partei müsse ihre Organisation und die Strukturen an die neue Grösse der Fraktion anpassen.

Der Neugewählten sind so viele, dass Glättli noch nicht einmal allen gratulieren konnte. Beim Namen kennt er sie zwar alle, nicht aber ihren Werdegang. ­Darum sollen die Frischgewählten mit einem Fragebogen mitteilen, welches ihre politischen Steckenpferde sind, in welchen Kommissionen sie arbeiten wollen, welches Beziehungsnetz sie pflegen. In den Parlaments­betrieb wird sie ein Gotti oder Götti einführen.

Jungpartei zahlt sich aus

Unter den Neugewählten finden sich kaum politische Grünschnäbel, anders als bei früheren Wahlerfolgen von SVP und Grünliberalen. Die Partei hat seit der nationalen Gründung 1983 Aufbauarbeit in allen Regionen geleistet. Besonders bezahlt macht sich die Investition in die Jungpartei. Ein Beispiel ist Franziska Ryser aus St. Gallen. Die neue Nationalrätin bringt mit ihren erst 27 Jahren einen bemerkenswerten Rucksack mit. Seit 2013 politisiert sie im Stadtparlament und war dessen jüngste Präsidentin, sie führt die Stadtpartei, den Verwaltungsrat des Optikerunternehmens ihrer Familie – und doktoriert an der ETH im Bereich Robotikprothesen.

Ryser spricht in druckreifen Sätzen mit wohl abgewogenen Worten, bekräftigt ihre Forderung, Benzin- und Dieselautos in «Grössenordnung fünf Jahren» zu verbieten. «Ich sehe mich klar auf der linken Seite, gerade in sozialen Fragen», sagt sie, beschreibt sich aber als lösungsorientiert. Beispiel CO2-Gesetz: Die Bevölkerung erwarte nach der Klimawahl Fortschritte, da müssten die Grünen mithelfen, dass es keinen Schiffbruch er­leide. Und, so Ryser: «Die Grünen waren schon immer viel wirtschaftsfreundlicher, als sie wahrgenommen wurden.»

Auch die 36-jährige Tessinerin Greta Gysin hat bereits eine beachtliche politische Erfahrung. Sie sass acht Jahre im Gemeindeparlament von Rovio und acht Jahre im Tessiner Kantonsparlament. 2015 kandidierte sie im Kanton nicht mehr, weil sie den «Rechtsrutsch» der Tessiner Grünen insbesondere bei der Ausländerpolitik nicht mittrug. Mittlerweile machten die Tessiner Grünen aber wieder eine linke Politik, sagt Gysin. Sie sieht ihre Wahl als Resultat kontinuierlicher Arbeit. Sie wolle in der grünen Fraktion und im Nationalrat die spezifischen Probleme des Tessins einbringen, besonders jene des Arbeitsmarktes.

Der grüne Unternehmer

Als Einziger hatte der Freiburger Gerhard Andrey bisher kein politisches Mandat; er war aber im Vizepräsidium der Partei. Ihm gelang es am Sonntag, mit Gewerbeverbandspräsident Jean-François Rime (SVP) ein Schwergewicht aus dem Nationalrat zu verdrängen. «Statt die klassische politische Ochsentour durch die Instanzen habe ich unternehmerische Erfahrung zu bieten», sagt der 43-Jährige. Der Deutsch­freiburger ist Mitbegründer der Softwarefirma Liip und Verwaltungsrat der Alternativen Bank. Er sieht sich als Vertreter der neuen, nachhaltigen Wirtschaft. Als Unternehmer habe er sein Netzwerk im bürgerlichen und wirtschaftsnahen Milieu statt in Gewerkschaftskreisen. Andrey sieht sich deshalb als Brückenbauer, wenn es darum geht, Mehrheiten mit bürgerlichen Vertretern für eine grüne Wirtschaft zu schmieden.

Politisch stehen die Neugewählten aber ausnahmslos weit links, ihre Profile sind deckungsgleich mit jenen der bisherigen grünen Nationalratsmitglieder. Dies zeigt eine Analyse auf der Plattform Smartvote. Die grüne Fraktion steht also für einen konsequenten Linkskurs in allen politischen Bereichen. Auch SP-Präsident Christian Levrat bezeichnete die Grünen am Sonntag im Interview mit dieser Zeitung als «die Partei unmittelbar links von uns». Für die Juso ist dies ein Problem: «Die SP ist zu stark in die Mitte gerückt», kritisiert Präsidentin Ronja Jansen.

Erstellt: 21.10.2019, 23:09 Uhr

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