Mit der Wut im Bauch zu Rekordwahlen?

Erstmals seit 1975 könnte die Wahlbeteiligung eine wichtige Marke knacken. Prominente Politologen sagen, warum sie das erwarten.

Sie setzten ein deutliches Zeichen für Ihre Sache: Der Frauenstreik vom 14. Juni 2019. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Der Tiefpunkt war 1995 erreicht. An den eidgenössischen Wahlen in jenem Jahr legten nur zwei von fünf Wahlberechtigten ihre Stimme ein – die anderen drei blieben zu Hause. Nun zeichnet sich aber ab, dass vermehrt auch der dritte Wahlberechtigte an die Urne oder an den Briefkasten geht. So könne die Wahlbeteiligung erstmals seit Jahrzehnten die 50-Prozent-Marke knacken.

«Es spricht alles dafür», sagt Politologe Claude Longchamp. Die Wahlbeteiligung würde vor allem dann steigen, wenn sich Konflikte zeigten, und vor diesen Wahlen sieht er deren zwei: die Umweltverschmutzung und die Benachteiligung der Frauen. Diese Problematiken würden junge Klimaschützer sowie Frauen dazu bewegen, wählen zu gehen. «Eine solche Mobilisierung unter den Frauen habe ich seit den 90er-Jahren nicht mehr gesehen», sagt er.

Das hat sich bereits im Frühling an den Wahlen im Kanton Zürich gezeigt. Dort gingen deutlich mehr junge Frauen (plus 4,7 Prozentpunkte) und mehr junge Männer (plus 3,4 Prozentpunkte) wählen als vier Jahre zuvor, wie eine Auswertung der statistischen Abteilung der Stadt Zürich zeigt. Hingegen sank die Beteiligung von Männern zwischen 80 und 89 Jahren markant. «Es war das erste Mal, dass mehr Junge und weniger Ältere wählen gingen», sagt Claude Longchamp.

Soziale Medien überschätzt

Durch die Mobilisierung der Umweltschützer und der Frauen wird die Wahlbeteiligung zwar nicht massiv steigen. Das ist aber auch nicht nötig, um die 50-Prozent-Marke zu knacken. Bis 2007 war die Wahlbeteiligung wieder gestiegen und stagnierte an den zwei letzten Wahlen bei 48,5 Prozent.

«Die Mobilisierung unter den Jugendlichen ist heute deutlich zu spüren.»Thomas Milic, Politologe am Zentrum für Demokratie Aarau

Auch Thomas Milic, Politologe am Zentrum für Demokratie Aarau, hält es durchaus für möglich, dass die 50-Prozent-Marke am 20. Oktober überschritten wird. Dafür spreche, dass sie im Frühling schon im Kanton Zürich gestiegen sei. Dieser sei ein guter Indikator, weil er gross sei, gleichzeitig urban und ländlich und weil die Wahlen nicht weit zurücklägen.

Dagegen spricht laut Milic allerdings, dass auch an den letzten Wahlen ein Sondereffekt die Wählerschaft an die Urnen getrieben hat: Viele hatten Angst, dass die Schweiz von Flüchtlingen überrannt wird, und gaben ihre Stimme der SVP. Bisher hätten Migrations- und europapolitische Fragen am stärksten mobilisiert, Umweltthemen hingegen kaum, sagt Milic. Aber: «Die Mobilisierung unter den Jugendlichen ist heute deutlich zu spüren.»

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Dass die sozialen Medien einen grossen Einfluss auf die Wahlen haben, glauben indes weder Milic noch Longchamp. Nur jeder vierte Wähler würde sich über digitale Kanäle über die Politik informieren, und jene, die es täten, würden vor allem bei Personenwahlen mobilisiert.

60 Prozent kaum möglich

Könnte die Wahlbeteiligung sogar noch höher steigen? Immerhin wurden bei den letzten kantonalen Wahlen im Tessin oder im Wallis fast 60 Prozent erreicht. Solche Werte hält Claude Longchamp für eidgenössische Wahlen aber nicht für möglich.

Die Wahlbeteiligung in der Schweiz werde für europäische Verhältnisse immer tief bleiben – anders als zum Beispiel in Deutschland werde weder eine Kanzlerin oder ein Kanzler gewählt noch eine Regierung neu gebildet. Schlimm sei das nicht, findet Longchamp. Eine hohe Wahlbeteiligung sei nicht per se gut. «In Deutschland jubelt man schon lange nicht mehr, wenn sie steigt – das bedeutet zurzeit nur, dass die AfD mehr Protestwähler mobilisieren konnte.»

Wie eine Analyse ergab, gehen vor allem Personen an die Urne, die sich über eine Vorlage oder über Kandidatinnen und Kandidaten informiert und sich eine Meinung gebildet haben. Und diese Selbstregulierung der Wählerschaft sei nur gut, so Longchamp.


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In Zusammenarbeit mit LeeWas führt Tamedia schweizweit auf ihren Newsportalen regelmässig umfassende Abstimmungs- und Wahlumfragen durch. Die Umfragedaten werden nach demografischen, geografischen und politischen Variablen modelliert. Weitere lnformationen: tamedia.ch/umfragen.

Erstellt: 29.09.2019, 19:06 Uhr

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