Diese Frauen werden unsere Politik prägen

Im Parlament sitzen mehr Frauen denn je. Junge und alte, routinierte und unerfahrene. Wir stellen die wichtigsten vor.

Sie ist jung und für Provokationen gut: Tamara Funiciello von der SP. <nobr>Fotos: Keystone</nobr>

Sie ist jung und für Provokationen gut: Tamara Funiciello von der SP. Fotos: Keystone

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Erst als die Resultate aus allen Kantonen vorlagen, zeigte sich das volle Ausmass dieser Frauenwahl: 84 Frauen politisieren neu im Nationalrat, was einem Frauenanteil von 42 Prozent entspricht. Das sind 10 Prozentpunkte mehr als bisher.

Die politischen Schwergewichte

Ihre Namen waren auch schon im Vorfeld von Bundesratswahlen gefallen: Jacqueline de Quattro und Heidi Z’Graggen.

Jacqueline De Quattro ist Waadtländer Regierungsrätin und verantwortlich für Raumplanung und Umweltthemen. Die FDP-Politikerin profilierte sich als mutige Kämpferin für die Energiewende und machte sich für die Frauen stark. Die Schweiz-Italienerin spricht perfekt Deutsch und Französisch. Sie könnte im Bundeshaus eine wichtige Rolle spielen.

Die Urnerin Heidi Z’Graggen, die letztes Jahr Nachfolgerin von Bundesrätin Doris Leuthard werden wollte, kann nun doch noch ins Bundeshaus einziehen – wenn auch in einen anderen Saal: Z'Graggen ist in den Ständerat gewählt worden. Sie ist seit 2004 Regierungsrätin und war unter anderem daran beteiligt, dass der ägyptische Investor Samih Sawiris sein Tourismusresort in Andermatt eröffnete.

Ebenfalls national bekannt ist Eva Herzog, die für Basel-Stadt mit einem Glanzresultat in den Ständerat einzieht. Herzog ist Basler Finanzdirektorin und über die Parteigrenze hinaus angesehen.

Viel Erfahrung bringt auch Marianne Binder-Keller mit, die in den Nationalrat einzieht. Die Aargauer Grossrätin stammt aus einer Politiker-Dynastie: Ihr Vater war Nationalrat, ihr Schwiegervater Jules Binder Ständerat. «Ich provoziere gerne», sagte sie der «Weltwoche», die Binder-Keller als «Konservative Rebellin» bezeichnet.

Die Pionierinnen

Manuela Weichelt-Picard und Monika Rüegger-Hurschler gelang Historisches: Sie sind die ersten Frauen, welche die Kantone Zug und Obwalden in Bern vertreten.

Manuela Weichelt-Picard hatte es bereits vor 20 Jahren versucht, aber erst jetzt hat sie es geschafft. «Es ist eine Ehre als erste Zugerin nach Bern zu gehen und sich dort für soziale und ökologische Themen einzusetzen», sagte sie dem Online-Portal Zentralplus. Weichelt-Picard ist seit 2007 Zuger Regierungsrätin und zwei Jahre lang auch Frau Landammann. Für die Partei «Alternative – die Grüne Zug» gewann sie den Nationalratssitz, der Jo lang bis 2011 inne hatte, von der FDP zurück.

Monika Rüegger-Hurschler setzte sich in Obwalden knapp gegen den CVPler Peter Krummennacher durch; der Unterschied belief sich auf weniger als 100 Stimmen. Dabei hätten viele von Rüegger-Hurschlers Parteikollegen lieber einen Mann nach Bern geschickt. Gegenüber SRF sagte sie, sie habe viel Unterstützung von Frauen bekommen und wolle sich im Bern nun für sie einsetzen.

Die Überfliegerinnen

Sie kandidierten ziemlich weit hinten auf den Wahllisten, schafften es aber dennoch nach Bern: Anna Giacometti hat vom vierten Listenplatz aus den einzigen Bündner FDP-Sitz geholt. Und die St. Galler SVP-Politikerin Esther Friedli überholte zwei Bisherige.

Anna Giacometti ist die Präsidentin von Bregaglia, der Gemeinde, die durch den Bergsturz am Piz Cengalo national bekannt wurde. Sie war oft in den Medien und wurde für ihre Engagement und ihr umsichtiges Krisenmanagement gelobt. «Vielleicht hat der eine oder andere beim Ausfüllen des Wahlzettels gesagt, die Frau Giacometti hat nach dieser Katastrophe einen guten Job gemacht», sagte die Neo-Nationalrätin dem «Bündner Tagblatt». In Bern vertritt sie das italienischsprachige Graubünden und will sich vor allem für die Bergbevölkerung einsetzen. Die Politik solle die Menschen abseits der grossen Agglomerationen nicht vergessen.

Esther Friedli ist die Freundin des früheren SVP-Präsidenten Toni Brunner, mit dem sie im Toggenburg den Landgasthof Sonne führt. Friedli war früher Mitglied der CVP und wechselte SVP. Sie will sich dafür einsetzen, dass der Staat nicht weiter wächst. So heisst es in ein paar Jahren vielleicht: Toni Brunner, der Freund von Esther Friedli.

Zu den Überfliegerinnen zählt auch die Neuenburgerin Céline Vara. Sie eroberte überraschend den Ständeratsitz der SP. Vara politisiert laut der NZZ mit klassenkämpferischen Parolen und fodert eine Anpassung des Kapitalismus. Die Anwältin ist die Vizepräsidentin der Grünen. Mit 35 Jahren ist sie eine der jüngsten im Ständerat; während der vergangen Legislatur lag das Durschnittsalter in der Chambre de Réflexion bei 59 Jahren.

Die Jungen

Tamara Funiciello, Franziska Ryser und Meret Schneider sind noch keine 30 Jahre alt und neu im Nationalrat.

Die Bernerin Tamara Funiciello ist eine kämpferische Feministin und war Juso-Präsidentin. Sie ist eine Meisterin der Provokation. Um sich gegen Sexismus zu wehren, verbrannte sie mit Gleichgesinnten Büstenhalter, und während des Wahlkampfs verteilte sie am Bahnhof Bern Vibratoren. Damit wollte sie auf die Lohnunterschiede zwischen Frau und Mann aufmerksam machen. Funicello, die Tochter eines Fabrikarbeiters und einer Verkäuferin, hat teils radikale politische Positionen. So forderte sie etwa eine 25-Stunden-Arbeitswoche.

Franziska Ryser holte für die Grünen in St. Gallen den Nationalratssitz zurück und erzielte auch im Rennen um den Ständerat ein gutes Resultat. Seit sechs Jahren politisiert die 27-Jährige im St. Galler Stadtparlament. Die Maschienenbauingenieurin will sich in Bern für den Klimaschutz einsetzen sowie für Fragen rund um die Digitalisierung.

Auch Meret Schneider ist neu für die Grünen im Nationalrat. Die Ustermerin postete nach ihrem Wahlsieg, ihr Böschacher Chindsgi aus Grüt sei nun der am stärksten im Nationalrat übervertretene Kindergarten. Nicht nur sie hatte ihn besucht, sondern auch der jüngste neue Schweizer Nationalrat: Andri Silberschmidt (25) von der FDP.


Wie die Schweiz jetzt international dasteht

Dass der Frauenanteil derart angestiegen ist, ist nicht nur auf die Sitzgewinne zurückzuführen, sondern auch darauf, dass deutlich weniger Frauen abgewählt wurden. 31 Parlamentsmitglieder wurden nicht wiedergewählt, aber nur 4 davon sind Frauen. Es dürften gar noch mehr ­Nationalrätinnen dazukommen.

Laut Jessica Zuber, Projektleiterin von Alliance F, sind viele Frauen auf guten Listenpositionen, um in die grosse Kammer nachzurücken. Auch im Ständerat hätten viele Frauen im zweiten Wahlgang gute Chancen, um gewählt zu werden. Bis zu 11 Ständerätinnen könnten am Ende in der Chambre de Réfle­xion politisieren. Der Frauenanteil läge dann bei 23,9 Prozent.

Bezogen auf den Nationalrat erzielt die Schweiz im Vergleich mit Parlamenten anderer Länder einen guten Wert, was den Frauenanteil betrifft. Sie macht einen grossen Sprung von Platz 38 auf Platz 15, wie die Open-Data-Plattform Inter-Parliamentary Union zeigt. Neu ist der Frauenanteil im Nationalrat höher als in Deutschland oder in Frankreich. In Spanien und Schweden sind die Frauen beispielsweise aber noch besser vertreten.

Die Debattenkultur könnte sich verändern

Der Frauenanteil bei der FDP ist mit 14,5 Prozentpunkten am stärksten gestiegen, auch, weil bei den Freisinnigen vorher nur jede fünfte Person im Nationalrat eine Frau war. Danach folgen die GLP, die SVP und erst dann die ­Grünen und die SP. Nur bei der CVP politisieren weniger Frauen als noch in der vergangenen Legislatur.

Fabrizio Gilardi, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Zürich, sagt: «Vor allem Frauen von bürgerlichen Parteien weichen eher mal von der Parteilinie ab, besonders bei Gleichstellungsthemen wie der Elternzeit.» In den Kommissionen könnte sich zudem die Debattenkultur verändern.

Wie das aussehen kann, hat Alt-Bundesrätin Doris Leuthard beschrieben. «Mit der Frauenmehrheit im Bundesrat haben wir mutigere Entscheide gefällt», sagte Leuthard. Allgemein habe sie die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen in Exekutivämtern weniger in ein parteipolitisches Korsett stecken liessen als Männer.

Für die Frauenwahl sind laut Politologe Gilardi die vielen Kandidatinnen verantwortlich. Auch hätten die Frauen von den Wählern einen gewissen Bonus erhalten. Im Durchschnitt holten sie 378 Stimmen mehr als ihre männlichen Kollegen.

Yvonne Schärli, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, schätzt den Einfluss der Frauen auf die Politik ähnlich ein wie Fabrizio Gilardi. «Auch Nationalrätinnen bleiben meist ihren parteipolitischen Werthaltungen treu», sagt sie. Doch sie seien durch ihre Sozialisierung und den beruflichen Hintergrund geprägt. Gesellschaftspolitischen Fragen und ökologischen Themen gegenüber seien Frauen eher offen als Männer.

«Endlich sind die Frauen in der Schweizer Politik besser vertreten», sagt Schärli. Jetzt müsse sich dieser Schwung auf die kantonalen Wahlen übertragen. Und irgendwann solle es selbstverständlich sein, dass die Hälfte jedes Parlaments weiblich ist.

Erstellt: 22.10.2019, 06:10 Uhr

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