Die Grünen mussten sich für den Erfolg verbiegen

Der Lausanner Daniel Brélaz spazierte als erster Grüner und vergnügter Etatist durch die Institutionen.

Ein fröhlicher Etatist: Daniel Brélaz, Grüner Nationalrat, mit Bier und Katzenkrawatte (20. Oktober 2019). Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Ein fröhlicher Etatist: Daniel Brélaz, Grüner Nationalrat, mit Bier und Katzenkrawatte (20. Oktober 2019). Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Ein grüner Tornado ist am Sonntag über die Schweiz gefegt. In der Romandie entwickelte der Sturm einen besonderen Stärkegrad. In der Westschweiz heimste die Grüne Partei 7 ihrer insgesamt 17 Sitzgewinne ein. In Genf überflügelten die Grünen sogar die FDP und sind die stärkste Kraft im Kanton. Das ist kein Zufall.

In der Westschweiz haben die linken, progressiven Kräfte in der Summe grundsätzlich grössere Wähleranteile als in der Deutschschweiz. Zudem profitierten die Grünen in der Romandie in den letzten Jahren davon, dass die bürgerliche Mitteparteien im Vergleich zur Deutschschweiz um einges weiter links politisierten. Der Grünliberalen Partei blieb kaum Platz zur Entfaltung. Die Grünen blieben das ökopolitische Original. Die Grün­liberalen galten bloss als deren verbürgerlichte und damit verfälschte Kopie.

Er war schon 1979 der Erste

Die Stärke der Ökopartei ist das Resultat einer jahrzehntelangen Entwicklung. Als die grüne Bewegung in den 70er-Jahren in der Schweiz aufkam, ging es primär darum, den Bau von Autobahnen zu verhindern, Atomkraftwerke abzuschaffen und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs zu forcieren. Rasch waren die Westschweizer Grünen daran interessiert, ihre Projekte und Vorstellungen in staatliche Institutionen hineinzutragen.

Der Lausanner Mathematiker Daniel Brélaz ging als Pionier voran. 1979 wurde er als erster Grüner in den Nationalrat gewählt. 1989 trat er zurück, nachdem er in die Lausanner Stadtregierung gewählt worden war. Wie so viele Romands war auch Brélaz ein fröhlicher Etatist. Er sah jedenfalls keinen Widerspruch darin, Teil einer oppositionellen, von der Strasse aus gesteuerten Volksbewegung zu sein und gleichzeitig vom Staat vereinnahmt zu werden und sich für Kompromisse verbiegen zu müssen. Brélaz’ Arbeit wurde dadurch erleichtert, dass die Lausanner Stadtregierung zusehends nach links rutschte. Bei den Deutschschweizer Grünen war das anders.

Die Westschweizer Grünen entwickeln sich rasant

Nebst Brélaz machten in der Westschweiz rasch weitere grüne Politiker auf sich und ihre Partei aufmerksam. 1994 wurde Philippe Biéler Waadt­länder Regierungsrat, auf Biéler folgte Parteikollege François Marthaler. Auch der Kanton Genf hatte mit Robert Cramer und David Hiler herausragende Grüne in seiner Kantonsregierung. Hiler übernahm am Ende gar das Finanzdepartement. Die Genfer ­Grünen stellten nach den Kantonsratswahlen im Jahr 2009 die zweitstärkste Fraktion.

In den Kantonen Neuenburg und Wallis etablierten sich die Grünen nicht als Regierungspartei, doch sie traten hartnäckig und geeint auf und machten mit Expertenwissen auf sich aufmerksam. Gleich dreimal trat der Walliser Tourismusexperte Christophe Clivaz erfolglos zu den Nationalratswahlen an. Zwischenzeitlich wurde der Grüne in die Sittener Stadtregierung gewählt. Am Sonntag schaffte Clivaz die Wahl nach Bern. In Zeiten der Gletscherschmelze als Folge des Klimawandels ist die Walliser Öko­partei plötzlich en vogue. Für umweltbelastende Sportveranstaltungen wie Olympische Spiele sind die Walliser längst nicht mehr zu haben.

Die Westschweizer Grünen entwickeln sich rasant und verjüngen sich zusehends. Die junge Generation engagiert sich inzwischen mit demselben Enthusiasmus für den Frauenstreik und den Klimastreik. Figuren wie der 69-jährige Daniel Brélaz, der seit 2015 wieder im Nationalrat sitzt, wirken so, als wären sie aus der Zeit gefallen. Brélaz versprach, während der Legislatur zurückzutreten. Der Lausanner dürfte seinen Platz in Bälde der Klimatologin Valentine Python über­lassen. Tut er es nicht, läuft er Gefahr, selbst vom grünen Tornado erfasst zu werden.

Erstellt: 21.10.2019, 20:32 Uhr

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